Kommentar zur Entlassung von Thomas Tuchel beim FC Chelsea: Der gefeuerte Trainer hatte nie eine echte Chance
VonThomas Gaber
Publiziert 07/09/2022 um 18:53 GMT+2 Uhr
Thomas Tuchel wurde nach einem mauen Saisonstart und der Niederlage in der Champions League in Zagreb als Trainer des FC Chelsea gefeuert. Die neuen Eigentümer des Londoner Klubs verfolgen mit dem auf den ersten Blick überraschenden Rauswurf ein erbarmungsloses Geschäftsgebaren. Die Angelegenheit wird Tuchels Kompetenz und Reputation nicht ansatzweise gerecht. Ein Kommentar von Thomas Gaber.
Thomas Tuchel
Fotocredit: Getty Images
57 Sekunden dauerte die knallharte Analyse von Thomas Tuchel nach der 0:1-Pleite in Zagreb. Die Mannschaft bekam ihr Fett weg ("Nicht entschlossen genug, nicht präzise genug, individuell und als Mannschaft von allem zu wenig"), mit sich selbst ging Tuchel ebenso wenig zimperlich um. "Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich so eine Leistung nicht habe kommen sehen. Da war ich offenbar im falschen Film", sagte er.
Zu diesem Zeitpunkt konnte Tuchel noch nicht ahnen, dass dieser Film ordentlich Überlänge hat. 14 Stunden später war er nämlich seinen Job los. Der Trainer, der Chelsea nach seiner Amtsübernahme im Januar 2021 binnen vier Monaten von Platz neun der Premier League noch auf Rang vier führte und nebenbei mit der Champions League den wichtigsten Titel im Vereinsfußball holte.
Der Trainer, der in der letzten Saison mit Chelsea zwei weitere Titel abräumte (UEFA-Supercup und Klub-WM) und die Liga immerhin auf Tabellenplatz drei beendete. Der Trainer, der im Tohuwabohu um den Abgang von Klubeigner Roman Abramowitsch kühlen Kopf bewahrte, obwohl er infolge der Transfersperren monatelang nicht am Kader für die neue Saison arbeiten konnte.
Der Trainer, der Chelsea die Treue hielt, obwohl ihm Manchester United den roten Teppich auslegte. Und der Trainer, der bei den Anhängern der Blues ob seiner Erfolge enorm populär ist.
Tuchels Rauswurf schon vor dem Zagreb-Spiel klar
Jetzt sind die Chelsea-Fans ihren geliebten Tommy los, weil sich die neuen Eigentümer um US-Milliardär Todd Boehly in den Kopf gesetzt haben, jeden Stein umzudrehen und die in Amerika so etablierte (und verdammte) "Hire-and-fire"-Mentalität auch im Westen Londons anzuwenden.
Nach dem technischen Berater Petr Cech und der hoch angesehenen Sportdirektorin Marina Granovskaia muss jetzt auch der Coach weg, unabhängig von seinem Knowhow und seiner Reputation.
Gewiss, Chelsea kommt schleppend in die Saison. Zehn Punkte nach sechs Spielen sind zu wenig und die Niederlage in Zagreb eher peinlich. Aber immerhin liegen die Blues in der Tabelle noch vor dem FC Liverpool.
Laut englischen Medienberichten war Tuchels Rauswurf schon vor dem Zagreb-Spiel beschlossene Sache. Da kommt eine Pleite zum Start der Champions League gerade recht. Es war Tuchels 100. Spiel als Chelsea-Trainer, gefeuert wurde er am 100. Tag nach der Übernahme von Boehly und Co.
Gnadenloses Geschäftspolitik: Die alten Zöpfe werden abgeschnitten
Zufälle gibt’s, die gibt’s gar nicht. Im Fall von Thomas Tuchel hat das damit nichts zu tun. Es läuft den neuen starken Männern des Chelsea Football Club einfach bestens in ihre abgekarteten Pläne rein.
"Die neuen Besitzer nähern sich 100 Tagen im Amt und glauben, dass es nun an der Zeit für einen Wechsel ist." Dieser Satz im offiziellen Statement des Vereins ist so gnadenlos entlarvend. Thomas Tuchel hatte nie eine echte Chance.
Chelsea bemühte sich nicht einmal, eine Begründung für die Entlassung zu liefern. Der Klubspitze fehlen dafür auch schlicht und ergreifend die Argumente. Nach 100 Tagen im Amt wird Bilanz gezogen und im amerikanischen Geschäftsgebaren in der Regel alte Zöpfe abgeschnitten. Seit Boehly an der Macht ist, herrscht Schlussverkauf beim FC Chelsea, alles muss raus.
Unter Vorgänger Abramowitsch verschlissen die Blues 15 Trainer in 20 Jahren. Keine Entlassung war annähernd so albern und unwürdig wie die von Thomas Tuchel.
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