Fabian Hürzeler von Brighton & Hove Albion exklusiv über Zeit beim FC Bayern München: "Das hat mich geprägt"
Fabian Hürzeler wechselte im Sommer vom FC St. Pauli zum englischen Erstligisten Brighton & Hove Albion - und avancierte mit 31 Jahren zum jüngsten Trainer der Premier-League-Geschichte. Im exklusiven Interview mit TNT Sports zieht er ein erstes Fazit und stellt die größten fußballerischen Unterschiede zwischen England und Deutschland heraus. Zudem spricht er über seine Zeit beim FC Bayern.
Hürzeler über schwierigste Zeit bei Brighton: "Eine neue Erfahrung"
Quelle: Perform
Fabian Hürzeler stieg in der vergangenen Saison in beeindruckender Manier mit dem FC St. Pauli in die Bundesliga auf und weckte europaweit Begehrlichkeiten - auch in England.
Im Sommer heuerte der 31-Jährige beim Erstligisten Brighton & Hove Albion an - und avancierte zum jüngsten Trainer der Premier-League-Geschichte. Gleich zu Beginn seines England-Engagements mischte Hürzeler mit seinem Team die Beletage auf, ehe er zuletzt mit einer Sieglos-Serie konfrontiert wurde.
Im exklusiven Interview mit TNT Sports (gehört wie Eurosport zur Sendergruppe WBD Sports) zieht Hürzeler ein erstes Zwischenfazit und erklärt das ausgefallene, von Brigthon-Boss Tony Bloom etablierte Scoutingsystem der Seagulls.
Hürzeler spricht über seine Zeit als Spieler des FC Bayern und seine Auslegung von "mia san mia". Zudem verrät er, warum er Pep Guardiola dankbar ist.
Fabian, Sie sind mit Ihrem neuen Klub furios in die Saison gestartet, haben unter anderem Manchester United, Tottenham Hotspur und Manchester City bezwungen. Zuletzt waren die Resultate etwas mäßiger - wie fällt Ihr Zwischenfazit nach knapp einem halben Jahr in England aus?
Fabian Hürzeler: Es war viel Positives dabei, aber es gibt natürlich auch Dinge, die wir verbessern müssen. Wir wussten im Sommer, dass es einen großen Umbruch geben würde. Der Chef der medizinischen Abteilung und der Head of Performance wurden beispielsweise ausgetauscht, es gab ein komplett neues Trainerteam. Außerdem haben viele erfahrene Spieler den Klub verlassen. Wir haben immer gesagt, dass wir uns auf den Entwicklungsprozess konzentrieren wollen – obwohl wir so gut gestartet sind. Dabei haben wir am Anfang nicht so gut gespielt und viele Punkte geholt. Zuletzt haben wir besser gespielt, aber es sind weniger Punkte dabei herausgesprungen. Das ist das Paradoxe am Fußball.
Wie gelingt es, dem von Ihnen angesprochenen Leistungsprozess trotz erster Rückschläge weiter zu vertrauen?
Hürzeler: Es ist wichtig, dass man sich in guten Phasen auf den Prozess konzentriert. Es gehört aber auch dazu, dass man sich in schwächeren Phasen nicht zu sehr von den Resultaten beeinflussen lässt. Es geht darum, den Weg weiterzugehen und hart zu arbeiten. Viele unserer Spieler sind noch jung und spielen ihre erste Saison in der Premier League. Wir wollen ihnen als Trainerteam die Plattform und Umgebung bieten, damit sie sich hier bestmöglich entwickeln können. Ich bin fest davon überzeugt, dass dann auch langfristig die Ergebnisse wieder positiv ausfallen werden.
Worin bestehen fußballerisch die größten Unterschiede zwischen Deutschland und England?
Hürzeler: Das Spiel in der Premier League ist sehr körperlich. Das ist beeindruckend, aber eben auch eine große Herausforderung für die Spieler. Nicht nur aus physischer, sondern auch aus mentaler Sicht. Die enorme Intensität, die Tatsache, dass hier über Weihnachten und Silvester weitergespielt wird, birgt natürlich auch größere Gefahren für Verletzungen. Dementsprechend ist es wichtig, dass der Kader ausgewogen ist.
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Fabian Hürzeler startete mit Brighton furios in die Saison
Fotocredit: Getty Images
Was beeindruckt Sie neben der physischen Komponente am meisten an der Premier League?
Hürzeler: Jeder einzelne Gegner, egal auf welchem Tabellenplatz er steht, wartet mit einer brutalen individuellen Qualität auf, jeder Gegner hat Spieler in seinen Reihen, die mit einer Aktion ein Spiel entscheiden können. Schauen Sie sich die Wolverhampton Wanderers beispielsweise an (Platz 17, d. Red.) – da steht ein Matheus Cunha auf dem Platz (50 Millionen Euro Marktwert, 10 Tore in 19 Ligaspielen, Quelle: transfermarkt.de, d. Red.). Diese Situation ist für mich neu. Ich muss mich auf Mannschaften einstellen, die zwar kompakt stehen, aber denen lediglich eine Situation ausreicht, um zuzuschlagen.
Welche Lehren zieht man als Trainer daraus?
Hürzeler: Ich habe in der Premier League gelernt, dass das Momentum eine wichtige Rolle spielt. Wenn das Momentum auf Deiner Seite ist, dann musst Du Dich mit einem Tor belohnen und versuchen, das Momentum zu behalten. Wenn Du es nicht nutzt, wird es eiskalt bestraft.
Klub-Besitzer Tony Bloom setzt bei seinen Vereinen Brighton und Saint Gilloise auf ein statistikbasiertes Scoutingsystem (alle Infos dazu gibt es hier). Deniz Undav und Victor Boniface haben beispielsweise davon profitiert. Wie groß fiel die Umstellung für Sie aus?
Hürzeler: Ich bin immer offen für neue Trends. Gerade im Fußball gibt es viele Möglichkeiten, moderne Technologien zu nutzen. Ich bin ein großer Fan dieses datenbasierten Ansatzes. Zusätzlich zu den emotionalen Punkten, die man wahrnimmt, werden schwarz auf weiß auch rationale Argumente geliefert. Es ist wichtig, dass man Spieler nicht nur in seiner eigenen Blase beurteilt, sondern dass man auch für datenbasierte Aspekte offen ist.
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Brighton-Besitzer Tony Bloom (l.) setzt auf ein besonderes Scouting-System
Fotocredit: Imago
Wie läuft so ein Scouting konkret ab?
Hürzeler: Spieler werden mit Zahlen und Daten gescoutet – und landen im besten Falle auf einer Shortlist. Es gibt neben den sportlichen Statistiken dabei klare Kriterien: Wie alt ist er? Wieviel kostet er? Im Anschluss geht es darum auszuloten, ob der Spieler überhaupt zu uns passt. Damit wir den Spieler besser kennenlernen, werden Zoom-Calls abgehalten oder auch persönliche Treffen organisiert. Wir versuchen dann, dem Spieler unsere Idee zu vermitteln, ihm zu zeigen, wie wir mit ihm arbeiten möchten. Dann wird eine gemeinsame Entscheidung getroffen. Das heißt: Spieler werden nicht nur anhand von Daten verpflichtet, sondern es muss auch menschlich passen.
Klingt dennoch nach einer kleinen Scouting-Revolution.
Hürzeler: Ich glaube, dass dieser datenbasierte Ansatz das Scouting leichter macht. Da die Zahlen in der Vergangenheit schon bewiesen haben, dass das Ganze erfolgreich sein kann, entwickelt sich ein gewisses Vertrauen in ihre Aussagekraft. Aus meiner Sicht ist das sehr effektiv.
Anfang der 2000er Jahre wurden auch Sie gescoutet – und zwar vom FC Bayern, bei dem sie etliche Jugendteams durchliefen und später für die zweite Mannschaft zum Einsatz kamen. In einem Interview mit der "FAZ" haben Sie einmal gesagt, dass das Münchner Credo "Mia san mia" Sie nachhaltig geprägt habe. Wie äußert sich das in Ihrer heutigen Arbeit?
Hürzeler: "Mia san mia" ist ein Gefühl des Zusammenhalts. Wir wollen etwas erreichen, wir sind stark. Und wenn wir gemeinsam stark sind, dann ist auch der Einzelne stark. In einer Mannschaft treffen viele verschiedene Kulturen und Charaktere aufeinander, die es zu vereinen gilt. Das geht mit der Arbeit auf dem Fußballplatz, ist aber auch mit viel Arbeit neben dem Rasen verbunden. Gemeinsame Erfahrungen schweißen ein Team zusammen – sowohl gute als auch schlechte.
"Mia san Mia" steht aber auch für den unbändigen Erfolgswillen. Wenn du bei Bayern spielst, wird von dir nicht bloß erwartet, ein Spiel zu gewinnen. Du musst sie auch mit einem gewissen Stil gewinnen. Die Spielart, die Spielidentität war wichtig. Das versuche ich, auch meinen Spielern zu vermitteln. Egal, gegen wen es geht, wir haben eine Chance. Ich möchte den Begriff der "Winning Culture" etablieren – nicht nur im Spiel.
Sondern?
Hürzeler: Wir arbeiten auch im Training mit Competition, die Spieler sollen alles dafür geben, auch einen Trainingstag als Gewinner abzuschließen. Das ist etwas, was ich vom FC Bayern mitgenommen habe. Die Spieler bei Bayern waren damals so siegeshungrig, dass es auch in jeder Trainingseinheit ums Gewinnen ging. Das hat mich geprägt und deshalb möchte ich "Mia san mia" auch hier in Brighton integrieren.
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Fabian Hürzeler spielte neun Jahre lang beim FC Bayern
Fotocredit: Getty Images
Mehmet Scholl (trainierte Hürzeler in der Saison 2012/13 bei Bayern II, d. Red.) war laut Ihrer Aussage Ihr bester Trainer – was hat Ihnen besonders an ihm imponiert?
Hürzeler: Er war immer sehr direkt, er hat kein Blatt vor den Mund genommen. Mehmet hat uns und mir erklärt, wie Profi-Fußball funktioniert. Es ging um das, was ich eben angesprochen habe: Wie gewinnst Du Spiele, was ist einer Mannschaft wichtig. Dabei stand nicht die Taktik im Vordergrund. Fußballbusiness ist Peoplebusiness.
Das bedeutet?
Hürzeler: Wie schaffe ich es, alle Menschen zu vereinen? Klare Strukturen und klare Hierarchien, in denen jeder seine Rolle kennt, sind dafür wichtig. Diesbezüglich habe ich sehr viel von Mehmet gelernt. Darüber hinaus hatte er auch einfach dieses viel zitierte Bayern-Gen, diesen Ehrgeiz, immer gewinnen zu wollen.
Wen würden Sie grundsätzlich als Trainer-Vorbild nennen?
Hürzeler: Ich würde es nicht auf einen Trainer beschränken. Es gibt so viele gute Trainer auf der Welt und so viele Trainer, die mir in jungen Jahren geholfen haben. Allein in Deutschland haben wir mit Jürgen Klopp, Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel – um nur einige Beispiele zu nennen - herausragende Trainer, die schon viel erreicht haben. Davon kann man sich immer Dinge abschauen. Auch der Austausch mit den Kollegen ist sehr bereichernd.
Letztlich musst Du aber Deine eigene Identität finden. Wenn Du jemanden kopierst, bleibst Du am Ende begrenzt.
Apropos Austausch. Sie haben vor Ihrem Engagement in England mit Pep Guardiola telefoniert, um sich Tipps abzuholen. Wie kam der Kontakt zustande?
Hürzeler: Es gibt einige Personen, die sowohl meinen als auch Peps Weg in der Vergangenheit begleitet haben. Die haben mich mit ihm vernetzt. Es war für mich im Vorfeld wichtig, mit einem Premier-League-Trainer zu sprechen, der schon lange dabei ist und über viel Erfahrung verfügt. Man kann nie perfekt vorbereitet sein, aber dass Pep seine Erfahrung ein Stück weit geteilt hat, war sehr hilfreich. Ich bin sehr dankbar, dass er so offen war.
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Fabian Hürzeler (r.) und ManCity-Trainer Pep Guardiola
Fotocredit: Imago
Die Tipps haben offensichtlich geholfen. Gleich im ersten Duell haben Sie ihn bezwungen. Wie fühlt sich das an?
Hürzeler: Natürlich ist das etwas ganz Besonderes. Pep ist einer der besten, wenn nicht sogar der beste Trainer der Welt. Gerade weil er so flexibel und taktisch gewieft ist, war es sehr speziell. Aber mir ist wichtig zu betonen, dass das kein Spiel zwischen mir und Pep war, sondern ein Spiel zwischen Brighton und Manchester City. Ich glaube, nicht nur für mich, sondern für unseren ganzen Klub war das auch ein großartiges Erlebnis.
Sie sind mit 31 Jahren aus der zweiten in die erste Bundesliga aufgestiegen und noch im selben Alter zum jüngsten Trainer der Premier-League-Geschichte avanciert. Wohin geht die Reise für Fabian Hürzeler noch?
Hürzeler: Diesbezüglich bin ich sehr bescheiden und bodenständig. Ich weiß, wie schnell es nach oben gegangen ist. Aber genau so schnell kann es im Fußball auch wieder nach unten gehen. Ich versuche, immer weiter zu lernen – auch in sportlich etwas schwierigeren Phasen wie aktuell. Ich habe klare Visionen und Ziele in mir – das halte ich für sehr wichtig, weil es Dir eine gewisse Orientierung gibt. Das, was ich hier gerade erlebe, ist ein Privileg, das ich genießen möchte. Gerade weil das Fußballgeschäft so schnelllebig ist. Ich bin immer gut damit gefahren, sehr hart zu arbeiten und authentisch zu bleiben, das habe ich mein ganzes Leben so gehandhabt. Ich denke, dann ist die Chance groß, dass die Dinge eintreffen, die man sich wünscht.
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Rose zu Klopps erstem Tag bei Red Bull: "Er sprüht vor Energie"
Quelle: Perform
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