Rund um Juventus Turin hatten Fans, Beobachter und Freunde des Vereins lange Zeit Ruhe bewahrt. Resultierend aus dem - historisch gewachsenen - Vertrauen in die eigene Stärke, war die Zuversicht nie ganz gewichen.
Irgendwie würde sich diese schwierige Corona-Saison doch noch zu einem guten Ende führen lassen. Am Ende würde man die Kurve bekommen. Schließlich bekam man die doch immer.
Immerhin war die Alte Dame seit 2012 neun Mal hintereinander italienischer Meister geworden. Das ist sogar noch ein Mal öfter, als dies dem FC Bayern gelang. Stand jetzt. Die Teilnahme an der Champions League war nicht einmal Formsache. Sie wurde einfach als gegeben hingenommen.
Serie A
Ronaldo ein "Prediger in der Wüste": Medien zerpflücken Juventus
22/03/2021 AM 11:19
Doch plötzlich steht all das auf dem Spiel.
Als Tabellenvierter hat Turin elf Spiele vor Saisonschluss zehn Punkte Rückstand auf Inter Mailand, das auf Rang eins steht. Auch der AC Milan und Atalanta sind vorbeigezogen. Neapel und die Roma sitzen der Alten Dame im Nacken.
Man verliert gegen Abstiegskandidaten, scheidet in Europa früh aus, die Qualifikation zur Königsklasse ist ernsthaft in Gefahr. Und plötzlich wird der Alarm schriller.

Del Piero benennt Juves Problem

"Was bei Juve gerade zu sehen ist, ist einfach nur Konfusion. Wenn man das Team spielen sieht, dann sieht man nicht, dass alle am selben Strang ziehen", spricht Vereinslegende Alessandro Del Piero aus, was viele denken.
Zuvor war die Presse hart mit Verein und Mannschaft ins Gericht gegangen. Auch der unerfahrene Trainer-Novize Andrea Pirlo bekam sein Fett weg. Der ehemalige Weltklassespieler steht schwer in der Kritik.
"Pirlo, Flop und Fehler! Juventus hat wohl die letzte realistische Chance auf den Meistertitel verspielt", schrieb etwa die "Gazzetta dello Sport". "Tuttosport" blieb kurz und bündig: "Eklatante Niederlage: Jetzt wackelt Pirlos Trainerstuhl wirklich."

Alessandro Del Piero (links) und Andrea Pirlo (rechts) | Juventus Turin

Fotocredit: Imago

Pirlo übt Kritik und bekommt Rückendeckung

Doch kann man den 42-Jährigen wirklich so einfach als Alleinverantwortlich hinstellen. Eher nicht, meint auch Pirlos langjähriger Weggefährte Del Piero. Der Weltmeister von 2006 sieht klare Defizite von Seiten der Spieler.
"Da läuft vieles schief. Die fehlende Konzentration der Spieler oder das allgemeine Fehlen von klarem Verstand, was meine Aufgaben auf dem Feld sind, stimmt mich nachdenklich. Schließlich braucht man, um ein erfolgreiches Team zu formen, mehr als nur die Summe aller Einzelspieler - ein Mix aus allem, verschiedene Begebenheiten, Spieler, Klub, Trainer, Talent. Erst damit schaffst du eine Einheit."
Auch der Trainer selbst wehrte sich zuletzt öffenltich, verwies auf mangelnde Einstellung und daraus resultierende individuelle Fehler. "Da kannst du dann wenig tun", meinte Pirlo und bekam Rückendeckung von Sportdirektor Fabio Paratici: "Wir haben weiterhin Vertrauen in Pirlo. Wir machen mit ihm weiter."

Pirlo hat Fehler gemacht

Trotzdem muss man nach gut dreiviertel seiner ersten Saison am Ruder festhalten, dass der 42-Jährige es nicht geschafft hat, den Anforderungen gerecht zu werden.
Juventus wollte mit der Demission von Meistercoach Maurizio Sarri im vergangenen Sommer mit Pirlo den Umbruch vorantreiben. Nicht nur auf der Trainerposition sondern auch in der Mannschaft. Gerne auf hohem Niveau.
Pirlo konnte aber - gerade im Mittelfeld - nie eine Balance finden. Besonders die als Stabilisatoren eingeplanten Arthur, Rodrigo Bentancur und Adrien Rabiot lassen leistungstechnisch doch zu wünschen übrig.
Die Probleme an der Basis des eigenen Spiels legten sich im Laufe der Saison mehr und mehr über alle Mannschaftsteile. Mittlerweile ist die Verunsicherung mit Händen zu greifen.
Wenn dann noch Superstar Cristiano Ronaldo - wie zuletzt - mit Schwankungen performt, wackelt der italienische Traditionsklub bedenklich und bringt den eigenen Trainer in Gefahr.

Andrea Pirlo & Cristiano Ronaldo

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"Nur deshalb wurde Pirlo noch nicht entlassen"

"Pirlo wurde von Vereinspräsident Andrea Agnelli ins Amt gepusht. Dabei wurde auch mit eingerechnet, dass er auf dieser Position ein absoluter Rookie ist. Auch deswegen wurde er noch nicht entlassen", schätzt Serie-A-Experte Matteo Zorzoli von Eurosport in Mailand ein.
Klar ist, die Qualifikation zur Champions League muss Pirlo mit seiner Mannschaft schaffen. Nur dann bekommt er die Chance auf eine zweite Saison. Doch auch die wird nicht einfacher.
Der Umbruch muss und soll fortgesetzt werden. Er droht sogar enorm Fahrt aufzunehmen, weil die Situation um Ronaldo alles andere als klar ist.

Bleibt Ronaldo? Juventus-Bosse zuversichtlich

Nach dem Aus gegen Porto im Achtelfinale der Königsklasse hatten Gerüchte Fahrt aufgenommen, dass der Portugiese Turin im Sommer - ein Jahr vor Ablauf seines Vertrags - verlassen könnte.
Noch ist die Diskussion nicht ausgestanden. Trotzdem versucht man von Juve-Seite für Ruhe zu sorgen. Paratici machte klar: "Wir haben uns dazu entschieden, Cristiano Ronaldo zu halten. Er ist der beste Spieler der Welt und er wird bei uns bleiben."
Auch Pirlo zeigte sich zuversichtlich. "Wir sind froh, dass er weiter für uns spielen kann. Er hat in dieser Saison viele Tore erzielt, deshalb gibt es an ihm nichts zu zweifeln. Lassen Sie uns zuerst diese Saison zu Ende spielen", so der Trainer, der damit immerhin ein kleines Hintertürchen offen ließ.
Der "Corriere dello Sport" malte ein etwas düstereres Bild. Ronaldo habe bereits "resigniert in einem Team, das ihn kaum unterstützt. Es scheint, als würde er in der Wüste predigen", schrieb das Traditionsblatt.
Die Causa dürfte also noch spannend bleiben und Wendung nehmen, bis endgültig Klarheit besteht.

Cristiano Ronaldo und Juventus Turin verloren überraschend gegen Benevento Calcio

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Pirlos Zukunft hängt am sportlichen Abschneiden

Noch aber ist Ronaldo Spieler von Juventus Turin und wird - so kennt man ihn - alles in die Waagschale werfen, um seine italienische Ära zu einem positiven Ende zu führen.
Am liebsten gemeinsam mit Andrea Pirlo. Das fände auch Del Piero gut.
"Juve hat gesagt, dass sie mit Pirlo weitermachen wollen, um ein Projekt entstehen zu lassen. Sie unterstützen ihn - und warum auch nicht? Und sind wir ehrlich, wir haben schon oft gesehen, dass Projekte erfolgreich waren nach einem weniger erfolgreichen Start."
Vielleicht wird ja doch noch alles gut...
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