Roman Abramowitsch gibt selten Interviews. So gut wie nie eigentlich.
Wenn der Oligarch dann aber mal spricht, hängen besonders die Fans des FC Chelsea an den Lippen des Russen - schließlich gehört der Londoner Fußballklub zu dessen Besitztümern.
Seit mittlerweile 17 Jahren sitzt er bei den Blues am Ruder. Jede Menge Millionen hat er in jede Menge Stars investiert und zum Lohn mit dem Hauptstadtverein jede Menge Titel und Pokale an die Stamford Bridge geholt.
The Emirates FA Cup
Tuchels Serie geht weiter: Chelsea schlägt Sheffield im FA Cup
21/03/2021 AM 15:28
"Ich denke, wir sind pragmatisch in unseren Entscheidungen. Und wir fühlen uns wohl damit, die richtigen Veränderungen zur richtigen Zeit zu machen, um sicherzustellen, dass wir unsere langfristigen Ziele erreichen können", sagte der 54-Jährige nun also vor wenigen Tagen in einem Gespräch mit "Forbes".
Dabei sprach er über die letzte große Veränderung, die er für seinen Klub in die Wege geleitet hatte. Ende Januar hatte er Thomas Tuchel geholt und dafür den doch etwas glücklosen Trainer Frank Lampard vor die Tür gesetzt.
Sicher keine leichte Entscheidung. Immerhin ist Lampard eine Vereinslegende, war schon als Spieler für Abramowitsch aktiv. Der Mäzen sieht das eher pragmatisch. Alles sei immer einem Ziel untergeordnet, sagt er.
Das sei, "Weltklasse-Teams auf dem Feld zu erschaffen und dafür zu sorgen, dass der Klub eine positive Rolle in all seinen Gemeinschaften spielt. Die Ziele sind heute noch genau so zutreffend wie zum Zeitpunkt, als ich Besitzer wurde. Und ich hoffe, das lässt sich erkennen durch die Arbeit, die wir in den vergangenen 17 Jahren auf und neben dem Fußballfeld geleistet haben."

Roman Abramovic FC Chelsea

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Tuchel legt beeindruckenden Start hin

Derzeit erkennt man die Ansprüche ohne Zweifel wieder deutlicher. Denn die Entscheidung pro Tuchel ist bislang eine goldrichtige.
Als der Deutsche sein Wirken an der Bridge begann, stand der Klub aus dem Westen Londons auf dem neunten Platz. Sieben Wochen später hat man sich bis auf den vierten Rang hochgearbeitet.
Die Statistiken sind beeindruckend. Von seinen 14 Pflichtspielen als Verantwortlicher hat Tuchel zehn gewonnen, vier mit einem Remis beendet und keins verloren. Nur der FC Southampton und Sheffield United brachten überhaupt jeweils ein Tor gegen die Blues zustande.
Chelsea ist plötzlich wieder eine gut geölte Maschine - und Tuchel ihr Erbauer.

Tuchel fühlt sich als "Teil einer Familie"

"Vom allerersten Moment an habe ich das Gefühl gehabt, Teil einer Familie und eines gut strukturierten Vereins zu sein“, geriet der Coach am vergangenen Mittwochabend ins Schwärmen.
Gerade war man ins Viertelfinale der Champions League eingezogen - ganz souverän mit einem aufaddierten 3:0 über den spanischen Tabellenführer Atlético Madrid. Nun wartet im FC Porto nicht zwingend der stärkste verbliebene Gegner.
"Die Unterstützung ist großartig, und ich fühle mich wirklich als ein Teil davon", so Tuchel, der am Sonntagnachmittag auch den Einzug ins Halbfinale des FA-Cups folgen ließ.
Plötzlich sind zwei Titel und eine Top-4-Platzierung in der Liga realistisch. Das sorgt für Aufsehen. Und auch die eigenen Spieler stimmen mit ein.

Tuchel happy bei Chelsea: "Fühle mich als Teil der Mannschaft"

Alle Spieler fühlen sich als Teil einer übergeordneten Mission

"Der Trainer möchte, dass wir die Kontrolle über das Spiel haben und von hinten spielen, auch wenn wir unter Druck stehen“, sagte der defensive Mittelfeldspieler Jorginho im Interview mit der Klub-Website. "Für mich ist es eine gute Art, Fußball zu spielen. Ich mag und genieße das. Zudem passt es besser zu meinen Eigenschaften als lange und zweite Bälle zu spielen."
Der italienische Nationalspieler ist nicht der einzige, der unter Tuchel einen Leistungssprung gemacht hat. Fast alle Stars haben sich stabilisiert oder befinden sich zumindest in einem Aufwärtstrend.
Tuchel scheint den vorhandenen Kader blitzschnell durchschaut und präzise analysiert zu haben. Geschickt hält er alle Akteure bei der Stange. Für das FA-Cup-Spiel gegen Sheffield brachte er neun neue Spieler in die Startelf. Zuvor - gegen Madrid - waren es fünf Änderungen gewesen.
So fühlen sich alle als Teil einer größeren Mission, vertrauen ihrem Trainer. Auch wenn Chelsea auf dem Platz nie wirklich ein Feuerwerk abbrennt.
In keinem Spiel seit Tuchels Amtsantritt erzielte sein Team mehr als zwei Tore. Und trotzdem reichte es zu zehn Siegen.
Der bedachte, defensive, auf Ballbesitz ausgelegte Spielstil und das unaufgeregte Auftreten des Deutschen in der Öffentlichkeit und bei Pressekonferenzen haben die Blues in den vergangenen Wochen fast unter dem Radar in unerwartete Höhen fliegen lassen.
Doch wie hat Thomas Tuchel das gemacht?

Ein wiederbelebtes Defensivtrio

Taktisch hat er der Mannschaft eine neue Ausrichtung verpasst. Durch die Installierung einer Dreierkette mit zwei defensiv orientierten Mittelfeldspielern davor sorgte er für Sicherheit und verhinderte Pässe zwischen die Linien.
Doch nicht nur das. Auch ohne den verletzten Anführer Thiago Silva gerät die defensive Ordnung nie aus den Fugen. Unter Lampard standen Antonio Rüdiger, Andreas Christensen und Marcos Alonso monatelang auf dem Abstellgleis. Tuchel stärkte sie. Nun performen alle drei auf hohem Niveau.
Nicht nur, dass Chelsea kaum Treffer kassiert (sieben Spiele in Folge ohne Gegentor ist die längste eigene Serie seit 1905 - damals waren es neun), die stabile Defensive lässt sogar kaum Torschüsse zu. Auch weil die ganze Mannschaft mitarbeitet.
Plötzlich wird höher und kompromissloser gepresst, der Ballbesitz selbst nur äußerst selten hergegeben. Tuchel hat Chelsea so im Handumdrehen verloren gegangenes Selbstvertrauen verpasst. Die Mannschaft fühlt sich ständig sicher und überlegen. Da ist die stotternde Offensive gar kein Problem.
Zumindest noch nicht.

Thomas Tuchel und Timo Werner - FC Chelsea

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Bekommt Tuchel auch Werner und Havertz auf Touren?

Auf Dauer sollte Tuchel aber auch die durchaus vorhandenen Baustellen im eigenen Angriffsdrittel lösen. Denn die "Abteilung Attacke" bleibt das große Fragezeichen.
In keinem Spiel unter dem deutschen Trainer hatte man das Gefühl, man performe auch vorne zu 100 Prozent. Da führt zu ständig engen Spielen und auf Dauer zu einem Kraftproblem, weil immer über 90 Minuten geackert werden muss.
Nach dem Sheffield-Spiel hatte Tuchel erstmals das Gefühl, "dass wir heute müde waren".
Um dieses Problem auf Dauer zu vermeiden, benötigt Chelsea einen Torjäger, auf den man sich verlassen kann. Timo Werner, den man vor der Saison genau als diesen für mehr als 50 Millionen Euro holte, kommt weiterhin nicht richtig auf Touren.
Auch deshalb experimentierte Tuchel zuletzt mit Kai Havertz - dem anderen enorm teuren deutschen Neuzugang - in der Spitze. Hin und wieder dürfen auch Olivier Giroud oder Tammy Abraham ran.

Erling Haaland

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Chelsea: Angriff auf BVB-Torjäger Haaland?

Früher oder später wird Tuchel auch die Offensiv-Formel knacken müssen. Oder er wartet auf den kommenden Sommer. Dann nämlich dürfte der Transferangriff auf einen neuen Stürmer intensiviert werden.
Das Objekt der Begierde wird seit Wochen umgarnt: Dortmunds Wunder-Norweger Erling Haaland. Voraussetzung für ein Angebot in Richtung BVB soll aber die geglückte Qualifikation für die Champions League sein.
Erst dann will Abramowitsch die nötigen Mittel freigeben, heißt es.
Sein neuer leitender Angestellter Tuchel wird alles daran setzen, die Ziele des Klubbosses zu erreichen. Wenn es sein muss, eben mit defensiverem Power-Fußball. Und er fühlt sich dabei sichtlich wohl.
"Ich bin mir ziemlich sicher, dass niemand gegen uns spielen will“, sagte Tuchel erst kürzlich mit breiter Brust. "Wir brauchen uns nicht zu fürchten." Ganz und gar nicht. Denn Chelsea ist längst wieder eine Maschine geworden.
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