Sigi-Heinrich-Block - In Gedenken an Bayern und DFB-Legende Gerd Müller: Es bleibt viel mehr als seine Tore
Publiziert 16/08/2021 um 12:35 GMT+2 Uhr
Die Fußballlegende Gerd Müller ist am Sonntag im Alter von 75 Jahren verstorben. Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich schwelgt in seinen Erinnerungen an den "Bomber der Nation", der Deutschland 1974 zum Welmeisterschafts-Titel schoss und bis heute der erfolgreichste Bundesliga-Torschütze ist. Insbesondere fasziniert Heinrich der Lebensmut und das Understatement des früheren Bayern-Stars.
Gerd Müller - Sigi-Heinrich-Blog
Fotocredit: Getty Images
Ich war soeben in meinem Urlaubsdomizil angekommen, saß auf meiner Gartenbank und ließ den Blick schweifen hinein in eine Landschaft, die weit hinten von einer Bergkette begrenzt wird. Es ist die beste Augenpflege, die es gibt. Sattsehen.
Da lief im Handy eine Nachricht ein, die mir mitteilte, dass dies ein schwarzer Tag für den deutschen Fußball sei heute. Und ich dachte mir, dass man jetzt aber arg übertreibt. So schlimm war das Unentschieden der Bayern gegen Mönchengladbach auch nicht. Einen Punkt verloren oder bei anderer Betrachtungsweise sogar einen gewonnen.
Doch dann kam die zweite Nachricht mit dem Tod von Gerd Müller und ich wusste: Es war keine Übertreibung. Es war ein rabenschwarzer Tag, dieser Sonntag. Ein Dortmund-Fan saß neben mir auf der Bank. Auch er hatte keine Ahnung.
Wir sahen uns an und keiner sagte irgendetwas. Stumm waren wir. Der glorreiche Auftaktsieg der Dortmunder war kein Thema mehr. Es gab nichts mehr zu sagen, nur schweigen. Gerd Müller ist tot.
Das Kopfkino schießt Tore
Die Gedanken starteten voller Wehmut das Kopfkino mit seinen Toren, seinem Jubel. Er war da, überlebensgroß noch einmal. Als wir die Sprache wieder fanden, kamen die Worte leise, fast ehrfürchtig und wir waren uns einig: So einen wie Gerd Müller wird es nie mehr geben. Er hatte ein Band um alle Fußballfans geschlungen und zwar weltweit.
Ich bin ja auch aufgewachsen mit ihm. Als er 1974 den Ball zum Siegtreffer gegen die Niederländer irgendwie ins Tor schmuggelte mit einer seiner berühmten Drehungen, war ich so außer mir vor Freude, dass meine Umwelt mich damals für verrückt erklärte. Aber damals war die Nationalmannschaft noch unser aller Stolz und der Gerd, wenn ich ihn jetzt mal so nennen darf, der Gerd war derjenige, der das Werk der Künstler im Team vollendete mit seinen Toren.
Denn was wären die tollen Paraden von Sepp Maier, die Sprints von Uli Hoeneß oder die eleganten, aus dem Fußgelenk gespielten Pässe von Franz Beckenbauer wert gewesen, ohne Müller. Brotlose Kunst wäre das alles gewesen.
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Gerd Müller im WM-Finale 1974
Fotocredit: Getty Images
Er beförderte den Ball ins Tor, wie auch immer. Es kam ihm nie darauf an, schöne Tore zu schießen. Er drückte den Ball mit dem Hintern über die Linie, mit der Ferse, manchmal mit dem Kopf. Er lag mal waagrecht in der Luft bei einem Torschuss oder am Boden. Und ehe die Verteidiger überhaupt regieren konnten, war er schon auf dem Weg zur Mittellinie. Müllerjubel.
Der große Kampf nach der Karriere
Als er in München ankam, mussten sie an den kurzen Hosen einen kleinen Schnitt anbringen, weil seine kräftigen Oberschenkel sonst keinen Platz gehabt hätten. Damit avancierte er zum "Bomber der Nation". Ich habe diese Bezeichnung nie gemocht. Er war einfach nur der beste Mittelstürmer, den es je gegeben hat. Sein Instinkt für den möglichen Torschuss war legendär.
"Wenn du denkst, ist es schon zu spät", sagte er mal. Rein mit der Pille. Das weckte Begehrlichkeiten auch außerhalb des Fußballplatzes. Müller als Schauspieler, Müller als Sänger. Er wurde vermarktet mehr als dass er sich selbst vermarktete. Nicht immer war er dabei gut beraten und wohl auch überfordert mit dem plötzlichen Ruhm.
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Gerd Müller im Trikot des FC Bayern (Saison 1978/1979)
Fotocredit: Getty Images
Und doch blieb er immer bescheiden. Seine Tore waren das Fundament für den FC Bayern, wie er sich heute präsentieren kann und doch bot man ihm am Ende seiner Karriere nur noch einen leistungsorientierten Vertrag an, wie das so schön heißt, wenn man einen Spieler langsam auf das Abstiegsgleis schieben will.
Vielleicht hat er deshalb auch aus Frust heraus das Weite gesucht. Doch Florida brachte ihm kein Glück. Die Flucht war letztlich ein Fluch. Nun ging es nicht mehr um Tore, sondern um sein Leben, in dem der Alkohol eine immer größere Rolle einnahm. Dass er diesen Kampf gewann mithilfe seiner Frau Uschi war wohl bedeutender als jeder Rekord. Gerd Müller fand wieder zurück, schnürte wieder die Fußballschuhe, wurde Trainer bei den Amateuren des FC Bayern München.
Gerd Müller: Einer der Unseren
Uli Hoeneß, Manager damals, hielt seine schützende Hand über seinen Freund. Ich habe das immer als eine der größten Taten von Hoeneß gesehen, dass er den Gerd mit einer Aufgabe betraute und damit dessen innige Verbindung mit dem Verein unterstrich. Der große Gerd Müller, der unsere Fußballseele berührte wie kein anderer, schoss jetzt keine Tore mehr, aber alleine seine Anwesenheit auf dem Trainingsplatz war ein Gewinn für alle.
Sie sollten ihm ein Denkmal setzen an der Säbener-Straße. Keiner hätte es mehr verdient als Gerd Müller, der, das darf man sicher so sagen, unvergessen bleiben wird. Es wird nie mehr einen geben wie ihn. Seine Einzigartigkeit ist uns noch einmal bewusst geworden am Ende seines Lebens, das uns, die wir uns an seinem Talent berauscht haben, so viele glückliche Momente bescherte.
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Uli Hoeneß (l.) gratuliert seinem Freund Gerd Müller 2005 zum 60. Geburtstag
Fotocredit: Eurosport
Wir durften ja mit ihm jubeln und hatten dabei immer das Gefühl, dass er einer von uns war. Kein abgehobener, vom Erfolg verwöhnter Kicker, sondern einer aus unserer Mitte, der es geschafft hat. Danke Gerd Müller. Für deine Tore aber mehr noch für deinen Lebensmut bis zum Ende.
ZUR PERSON SIGI HEINRICH:
Der renommierte Sportjournalist, Buchautor und vielfach ausgezeichnete Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich widmet sind in seinen Blogs der gesamten Vielfalt des Sports inklusive der komplizierten Mechanismen der Sportpolitik. Mal sehr ernsthaft, mal mit einem verschmitzten Augenzwinkern und manchmal auch bewusst provozierend. Es soll ja für alle was dabei sein.
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Quelle: Perform
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