Riesige Freude und niederschmetternde Enttäuschung liegen im Fußball oft nah beisammen.
Thomas Tuchel und der FC Chelsea brauchten am Samstagabend sogar nur knapp sieben Minuten, um beide Emotionen intensiv zu erleben.
Ben Chilwell hatte in kurioser Koproduktion mit den Leicester-Verteidigern Caglar Söyüncü und Wes Morgan in der 89. Minute des FA-Cup-Finals für den vermeintlichen 1:1-Ausgleich gesorgt und das mit immerhin 21.000 Zuschauern besetzte Wembley-Stadion kurz vor Schluss in ein Tollhaus verwandelt.
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Doch der VAR machte den Blues im Regen von London einen Strich durch die Rechnung, nahm den Treffer wegen einer vorhergegangenen Abseitsposition Chilwells zurück und bescherte den Foxes somit den ersten FA-Cup-Titel ihrer 137-jährigen Vereinsgeschichte.
Während der an diesem Abend alles überragende Leicester-Keeper Kasper Schmeichel seine Vorderleute im Sechzehner einen nach dem anderen kräftig herzte und später unter tosendem Jubel den Pokal in die Höhe streckte, musste ein niedergeschlagener Tuchel an der Seitenlinie den Walk of Shame in Richtung seines Gegenübers Brendan Rogers antreten und brav gratulieren.

Tuchels Ergebnismaschine stottert

Chelsea, das mussten die eigenen Fans am Samstag schmerzlich in Erfahrung bringen, ist nach dem Höhenflug der vergangenen Monate auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Tuchels Ergebnismaschine, die seit seinem Amtsantritt Ende Januar fast wie ein Metronom knappe, aber souveräne Siege eingefahren hatte, sie beginnt plötzlich zu stottern. Und das ausgerechnet jetzt.
Gleich hinter das erste von vier "Endspielen" in der entscheidenden Saisonphase muss der deutsche Coach also statt eines grünen Hakens ein rotes X setzen.
"Wir sind enttäuscht, aber nicht böse über die Leistung der Jungs", sagte Tuchel im Anschluss an die 0:1-Finalpleite: "Ich denke, unsere Leistung reicht aus, um dieses Spiel zu gewinnen. Aber uns fehlte das nötige Glück. Man braucht das Momentum, die richtigen Entscheidungen des Schiedsrichters - es sind die kleinen Details."

Tuchels Final-Analyse: “Ein tolles Tor - aber glücklich”

Chelsea gibt Spielkontrolle aus der Hand

Chelsea hatte nach dem Seitenwechsel unerklärlicherweise die Spielkontrolle aus der Hand gegeben, was Leicester in Person von Youri Tielemans eiskalt ausnutzte. Der Belgier versenkte in der 63. Minute einen fulminanten Schuss aus 25 Metern zum entscheidenden 1:0 im linken Kreuzeck. Erst der 13. Gegentreffer für Chelsea im 27. Spiel unter Tuchel, doch er sollte diesmal reichen.
Die Blues, die es sichtlich nicht mehr gewohnt waren einem Rückstand hinterherzulaufen, kamen zwar noch zu guten Chancen (78./87.), doch Schmeichel und der VAR retteten den Sieg für Leicester über die Ziellinie.
Mit der "Intensität" und dem Einsatz seines Teams sei Tuchel zwar "total zufrieden" gewesen, doch in der "Entscheidungsfindung waren wir zu hektisch, wollten die Lösung zu schnell erzwingen. Das führte zu unnötigen Ballverlusten." Zu wenig gegen abgezockte Foxes.

Thomas Tuchel (mitte) verliert mit dem FC Chelsea sein erstes Finale

Fotocredit: Getty Images

Chelsea geht im Endspurt die Puste aus

Bereits am vergangenen Mittwoch hatte sich Chelsea in der Premier League dem FC Arsenal überraschend mit 0:1 geschlagen geben müssen. Nach nur zwei Niederlagen in den ersten 25 Spielen unter dem deutschen Teammanager kamen allein in den vergangenen vier Tagen zwei weitere dazu. Die Albtraum-Woche hat gezeigt: Die West-Londoner sind verwundbar. Tuchels Team scheint vor den Wochen der Wahrheit die Puste auszugehen.
Das Momentum im Kampf um die Champions-League-Plätze liegt nun klar bei Leicester. Bereits am Dienstag treffen die beiden Teams an der Stamford Bridge am vorletzten Spieltag der Premier League erneut aufeinander. Das Team von Rogers, das auch das erste Aufeinandertreffen in der Liga im Januar (2:0) für sich entscheiden konnte, liegt mit 66 Punkten als Tabellendritter zwei Zähler vor den Blues. Gewinnen die Foxes, ist die Teilnahme an der Königsklasse für die kommende Saison gesichert.
Chelsea dagegen droht mit einer Niederlage die Erfolge der vergangenen Monate, in denen Tuchel die unter Frank Lampard bis auf Platz neun abgerutschten West-Londoner wieder an die Spitze heranführte, zu verspielen. Denn dahinter lauern Jürgen Klopp und der formstarke FC Liverpool (60 Punkte/ein Nachholspiel) auf ihre Chance, die Blues noch auf Platz fünf zu verdrängen.

Tuchel und Chelsea: Drei Endspiele in Liga und Champions League

Und dann wäre da ja auch noch das Champions-League-Finale am 29. Mai in Porto, wo Chelsea auf den englischen Meister Manchester City trifft. Dort geht es für Tuchel auch darum, sein ganz persönliches Trauma zu überwinden. Im vergangenen August hatte er in Lissabon - damals noch mit PSG - im Endspiel der Königsklasse gegen den FC Bayern verloren. Neun Monate später bekommt er mit Chelsea die nächste Chance.
"Jetzt geht es darum, zurückzuschlagen und Mentalität zu zeigen", so der 47-Jährige: "Wir haben eine Trophäe verspielt und sind traurig, aber wir haben noch zwei andere Wettbewerbe vor uns."
Gegen Leicester und Aston Villa stehen "zwei Endspiele an. Und danach das Finale in der Champions League. Wir haben noch viel vor uns und dürfen nicht zu lange Trübsal blasen", zeigte sich Tuchel kämpferisch.
Chelsea hat es trotz der Leistungsdelle und dem bitteren Abend in Wembley selbst in der Hand. Tuchel kann noch viel gewinnen - oder am Ende seines ersten Halbjahres in London mit leeren Händen dastehen.
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