Nicht nur der Laie rieb sich am Dienstag-Abend gegen 22:30 Uhr verwundert die Augen. Ist das gerade wirklich passiert? 0:6 gegen Spanien? Wie kann ein solches Ergebnis zustande kommen, ist das DFB-Team doch gespickt mit Top-Spielern von den größten Klubs Europas.

Toni Kroos zieht die Fäden im Mittelfeld von Real Madrid, Ilkay Gündogan tut Selbiges unter Pep Guardiola bei Manchester City. Timo Werner ist Topstürmer des FC Chelsea, ja und dann sind da noch fünf Stammspieler des derzeit besten Fußballvereins der Welt.

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Manuel Neuer, Niklas Süle, Leon Goretzka, Serge Gnabry und Leroy Sané sind Stammspieler beim Triple-Sieger FC Bayern und standen allesamt in der Startelf gegen Spanien. Allein die Qualität dieser Spieler sollte ein historisch schlechtes Ergebnis wie dieses doch unmöglich machen.

Tut es aber nicht, wie Fußball-Deutschland nun schmerzlich feststellen musste. Die Gründe dafür sind vielfältig. Auf der Suche nach Erklärungen kommt aber vor allem ein Name in den Sinn: Joshua Kimmich.

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Fixpunkt Kimmich ist nicht zu ersetzen

Beim FC Bayern wie auch in der Nationalmannschaft ist der 25-Jährige das absolute Herzstück im Mittelfeld. Er ist das Bindeglied zwischen Defensive und Offensive, Kommunikator und Mentalitätsspieler. Ohne seine Fähigkeiten fehlte dem deutschen Mittelfeld die Aggressivität, die defensive Denke, die ordnende Hand.

Löw stellte mit Goretzka, Kroos und Gündogan auf drei Achter in der Zentrale, wobei Goretzka die offensivste Rolle einnahm. Jeder für sich alleine hat seine Weltklasse schon häufig nachgewiesen - ein echter Anführer ist aber keiner von ihnen.

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Die beiden 30-jährigen Kroos und Gündogan werden das vermutlich auch nicht mehr werden. Goretzka ist die Rolle grundsätzlich zuzutrauen, doch der 25-Jährige muss erst noch hineinwachsen.

Der fehlende Kleber im Mittelfeld hatte zur Folge, dass das Verteidigen im Kollektiv überhaupt nicht stattfand und somit Angriff auf Angriff auf die Verteidigungslinie zusteuerte.

Neuer komplett auf sich alleine gestellt

"Das war in Sachen Führung und Kommunikation zu wenig", monierte Neuer, der zum 96. Mal im Tor der Nationalmannschaft stand und somit zum deutschen Rekordspieler vor Sepp Maier (95. Länderspiele) avancierte, daher zurecht.

Das Ergebnis der fehlenden Abstimmung waren sechs Gegentore - noch nie, weder im Klub noch im Nationaltrikot, musste Neuer in einem Spiel so oft hinter sich greifen.

Des einen Freud ist des anderen Leid: Manuel Neuer (links) und die Stars der spanischen Nationalmannschaft

Fotocredit: Imago

Dass er sich trotzdem nicht beschwerte, sondern sich als Teil der Mannschaft bezeichnete, die es zusammen vergeigt habe, ehrt ihn, ist so aber nicht ganz richtig. Neuer zeigte immerhin einige gute Paraden, war bei allen Gegentoren chancenlos.

Wenn man so will, könnte man sagen: Einzig Neuer zeigte am Dienstag das gewohnte Vereinsformat.

Süle noch nicht der Alte

Dass Abwehrchef Süle noch nicht an seine Bestform herankommt, ist derweil relativ simpel zu erklären. Nach einer langwierigen Kreuzbandverletzung kehrte der Innenverteidiger erst im August wieder ins Mannschaftstraining zurück. Seitdem kämpft er sich Stück für Stück zurück, doch der Formaufbau dauert eben seine Zeit.

Leon Goretzka (vorne) und Niklas Süle beim 0:6 in Sevilla - Spanien vs. Deutschland

Fotocredit: Getty Images

Das Probleme: Im Gegensatz zur Nationalmannschaft hat er im Verein mit Lucas Hernández, David Alaba und Jérôme Boateng gleich drei Innenverteidiger von Weltklasseformat neben sich. Im DFB-Team ist er mit gerade einmal 29 Länderspielen der Mann, auf den sich seine Nebenleute verlassen.

Ein fragiles, wie uneingespieltes Gebilde, in dem Süle derzeit nicht der Spieler sein kann, der er beim deutschen Rekordmeister ist.

Sané und Gnabry - kopflos ohne Müller?

Aber was ist mit den großen Einzelkönnern Gnabry und Sané? Eigentlich Spieler, die durch ihre Stärke im Eins-gegen-Eins jederzeit Gefahr ausstrahlen können und im Trikot des deutschen Rekordmeisters auch gegen den Ball mitarbeiten.

In Sevilla wirkten beide hilflos, fast kopflos. Es wird deutlich, welch große Rolle Thomas Müller für beide Flügelflitzer spielt. Seine Kommandos, sein Spielverständnis - Sané und Gnabry können sich blind auf ihren Offensivchef verlassen und sich ganz auf ihr Kerngeschäft konzentrieren.

Entsetzt: Serge Gnabry (rechts) nach der deutsche Pleite in Sevilla

Fotocredit: Getty Images

Ein solcher offensiver Fixpunkt fehlt dem DFB-Team aktuell - dabei wäre es doch eigentlich so einfach. Löw hätte die Möglichkeit, das Herzstück des FC Bayern (Kimmich, Goretzka - Sané, Müller, Gnabry) eins zu eins in der Nationalmannschaft zu installieren und sich somit das derzeit wohl beste Mittelfeld weltweit ins Team zu holen. Dafür müsste er "nur" über seinen eigenen Schatten springen.

"Noch", das versicherte der Bundestrainer auch nach dem fatalen 0:6 in Sevilla, gebe es dafür aber "keinen Grund".

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