Deutschlands sieben Ausrufezeichen gegen Bosnien-Herzegowina: Julian Nagelsmanns Statement-Sieg auf dem Weg zur WM
Publiziert 17/11/2024 um 21:31 GMT+1 Uhr
Die deutsche Nationalmannschaft hat mit dem 7:0-Sieg gegen Bosnien-Herzegowina ein echtes Statement gesetzt. Julian Nagelsmann sieht Deutschland wieder näher an der Weltspitze - der Bundestrainer hat es geschafft, Fans und Mannschaft miteinander zu vereinen. Auf dem Weg zur Weltmeisterschaft 2026 gehört das Team nun unweigerlich zu den Mitfavoriten. Man denkt wieder groß beim DFB.
Nagelsmann nach 7:0: "Ich bin kein Heilsbringer"
Quelle: Perform
Die Stadionregie hat beide Lieder eingespielt nach dem Abpfiff in Freiburg, als Melodien des Schützenfestes. Den alten Fan-Klassiker "Oh, wie ist das schön!" - so beliebt und old school wie "La Ola", die Welle, die durchs Europa-Park-Stadion schwappte.
Und da war auch noch der Hit des Jahres 2024, der ständige Ohrwurm-Begleiter der deutschen Nationalmannschaft. "Major Tom" von Peter Schilling schallte auch an diesem kalten Abend im Breisgau durch die Arena.
"Völlig losgelöst" war auch das letzte DFB-Heimspiel dieses Jahres. Beeindruckend. Begeisternd. Mit 7:0 fertigte die Nationalelf von Bundestrainer Julian Nagelsmann den Außenseiter, die völlig überforderte Auswahl von Bosnien-Herzegowina ab und sicherte sich souverän den Gruppensieg dieser Nations-League-Vorrunde. Und das bereits vor dem abschließenden Spiel am Dienstag in Budapest gegen Ungarn.
Schwindelerregend gut. Oder war der Gegner, der 74. der Fifa-Weltrangliste, so schwach? Die Mannschaft von Trainer Sergej Barbarez machte in den Tagen vor dem Spiel einen Abstecher in den Europa-Park in Rust.
Furchtlos fuhren die Stars um Kapitän Edin Dzeko den "Silver Star", eine 73m-hohe Achterbahn des Freizeitparks. Die Höchstgeschwindigkeit: 130 km/h.
Von den DFB-Akteuren bekamen sie dann eine richtige Rutsche. Ob das 7:0 auf den spielerisch limitierten Gegner zurückzuführen ist, der sich in sein Schicksal ergab? Ja, aber nur ein bisschen.
Das nächste Schützenfest in Freiburg
Ob es tatsächlich am Austragungsort Freiburg lag, dem Schützenfest-Pflaster der deutschen Nationalelf? Die letzten vier Partien, damals noch im Dreisamstadion ausgetragen, hatte Deutschland mit Kantersiegen gewonnen.
Im Juni 2000 gab's ein 8:2 gegen Liechtenstein, im Mai 2002 ein 7:0 gegen Kuwait, im Mai 2004 ein 7:0 gegen Malta und im Mai 2006 ein 7:0 gegen Luxemburg. Dass nun wieder ein 7:0 folgt – war, nun ja, nicht wirklich zu erwarten.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/11/17/image-44cf8612-96b3-482d-8858-3405633d4396.jpeg)
Durfte auf der Pressekonferenz rundum zufrieden sein: Bundestrainer Julian Nagelsmann
Fotocredit: Getty Images
Gegner hin, gutes Omen her – diese Nationalmannschaft ist einfach gut und berauscht sich an sich selbst. Er habe "keine fußballerischen Wünsche mehr offen", sagte ein totaler zufriedener Bundestrainer Nagelsmann spätabends auf der Pressekonferenz und fügte hinzu: "Es war nahezu perfekt. Ich bin sehr zufrieden mit allen Spielern. So eine gierige Mannschaft im November zu sehen, ist nicht selbstverständlich."
Weil die Spieler im trüben Herbst bereits zig englische Wochen in den Knochen haben, in allerlei Klub-Wettbewerben gefordert sind und das dritte Länderspiel-Fenster in drei Monaten absolvieren. Das erste Drittel der Saison ist vorbei, der Weg bis zur entscheidenden Saisonphase ab März aber noch weit.
Diesmal kein November-Blues
Nagelsmann sagte das wohl auch deshalb, weil er in seiner erst 14 Monate währenden Amtszeit einen dicken November-Blues erlebt hatte.
Vor ziemlich genau einem Jahr. Nach einer mittelprächtigen US-Tour im Oktober mit den ersten Länderspielen (3:1 gegen die USA, 2:2 gegen Mexiko) der Ära Nagelsmann schlitterte man in ein Desaster.
Es folgte ein 2:3 gegen die Türkei in Berlin und ein fußballerisch noch schlechteres 0:2 in Österreich. Niederschmetternd. Deutschlands liebstes und wichtigstes Team lag am Boden, desillusioniert, ohne Hoffnung. Besser abmelden als Gastgeber der Heim-EM 2024, spottete so mancher.
Nagelsmann brachte frischen Wind rein, vor allem mit der Königspersonalentscheidung: der Rückkehr von Spielmacher Toni Kroos. Die Altstars um Manuel Neuer, Thomas Müller und Kapitän Ilkay Gündogan hängten in ihr letztes Turnier vor dem DFB-Rücktritt so richtig rein.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/11/17/image-b988d1bc-cf4f-4e70-becc-8bbd19a28d22.jpeg)
Die deutsche Nationalmannschaft versprühte gegen Bosnien-Herzegowina Spielfreude
Fotocredit: Getty Images
Viele frische Gesichter kamen seit einem Jahr hinzu: Maximilian Mittelstädt, Robert Andrich, Tim Kleindienst, Deniz Undav, Aleksandar Pavlovic, Angelo Stiller (letztere drei fehlen aktuell verletzt) – das Alter spielt dabei keine Rolle. Eher das Vertrauen in die eigene Stärke, das Rollenverständnis eines jeden Einzelnen und die Besinnung auf ein klares, gewohntes 4-2-3-1-System.
Ein Jahr und eine begeisternde Heim-EM (wenn auch ohne Titelgewinn oder gar Medaille) später freut sich die Fußball-Nation wieder auf die Länderspiele, das Spiel in Freiburg gegen Bosnien-Herzegowina war binnen Minuten ausverkauft. Die TV-Einschaltquoten bleiben nach der mitreißenden EM selbst bei Partien gegen Ungarn oder Bosnien-Herzegowina stabil. Der Umschwung ist geschafft. Die Wirkung ist nachhaltig.
Die Wiederentdeckung der Gier
Die Energie der Mannschaft überträgt sich auf die Fans, zu spüren sind die (Spiel-)Freude, der Wille und die Gier nach Toren und Siegen. Ein Sinneswandel, ein Klimawandel. Auch nach einer hohen Führung macht diese Mannschaft weiter, immer weiter.
"Wir haben Tore aus Standards, Ballbesitzphasen und Umschaltmomenten gemacht. Es war ein buntes Potpourri an Toren", freute sich Nagelsmann. Allen voran Doppeltorschütze Florian Wirtz und sein kongenialer Offensiv-Partner Jamal Musiala (traf wie zuletzt bei Bayern wieder mit dem Kopf!) verzauberten die Fans.
Aber auch Tim Kleindienst, der Ersatz des verletzten Mittelstürmers Niclas Füllkrug, sowie Leroy Sané, der mit der Einwechslung sein Comeback seit dem Viertelfinal-Aus gegen Spanien Anfang Juli feierte, trafen.
Dank des durch Nagelsmann erweiterten Kaders, in dem jeder Profi sein Standing und seine Rolle kennt, herrscht solch ein Konkurrenzdruck, dass man auch bei einer 5:0-Führung nicht nachlassen darf. "Wir haben ein unglaublich gieriges Spiel abgeliefert, auch nach den Wechseln gab es keinen Bruch", meinte Nagelsmann.
Es flutscht - dank Flow & Flo
Es stimmt nicht nur das System und das Gerüst, auch der zweite und dritte Anzug sitzen. Dieses überzeugende 7:0 vor den Augen von Weltmeister-Trainer Joachim Löw ist nach dem 1:0 gegen die Niederlande im Oktober ein weiteres dickes Ausrufezeichen, ein Statement-Sieg, der international Beachtung findet. Es flutscht unter Nagelsmann, alles ist im Flow – dank Flo & Co.
Wirtz und Musiala sind das Faustpfand für die nächsten Jahre. Aktuell ist das erstmalige Erreichen der K.o.-Runde einer Nations League nur ein erreichtes Etappenziel.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/11/17/image-f6b16d16-1c30-47be-b30b-b8dcb45774e1.jpeg)
Ihm gelingt beinahe alles: Florian Wirtz traf sogar per direktem Freistoß
Fotocredit: Getty Images
Nagelsmann formulierte es so: "Der erstmalige Einzug ins Final Four ist für uns im kommenden Jahr ein wichtiges Zwischenziel auf dem Weg zur WM 2026."
Die Zielsetzung Weltmeister für das Turnier in Nordamerika hatte er bereits sofort nach dem EM-Aus in den Mund genommen hat. Womit? Mit Recht.
Deutschland ist einer der Mitfavoriten auf den WM-Titel. Für DFB-Rekordnationalspieler Lothar Matthäus war das 7:0 aus der Kategorie "Traumfußball" und "eines der besten Spiele, das ich von der deutschen Nationalmannschaft jemals gesehen habe".
Das DFB-Team zurück in der Weltspitze? Matthäus, für "RTL" als Experte am Mikrofon: "Wir sind dabei!"
Nagelsmann: "Alleine gewinne ich nichts"
Da gibt sich Nagelsmann natürlich defensiver, sagte: "Wir sind näher dran. Es ist aber schwer zu vergleichen, weil man nicht gegen jeden Gegner spielt. Die Entwicklung ist eine gute. Aber es ist noch ein Weg, ein Lernprozess. Es gibt viele gute Signale. Wir sind aber noch nicht fertig und müssen noch einige Schritte gehen."
Als Heilsbringer des deutschen Fußballs, so eine Frage der Reporter, sehe sich der 37-Jährige selbst nicht. "Das bin ich nicht", sagte Nagelsmann, "wir haben alle eine gute Wandlung gemacht. Als Trainerteam tragen wir alle unseren Teil dazu bei. Alleine gewinne ich nichts."
Hat er schon. Denn nach dem Wendemanöver in 2024 und dem positiven Schub für die Nationalelf in nur einem Jahr, scheint alles möglich. Auch wenn man nicht tönt und es nicht ausspricht: Man denkt wieder groß beim DFB.
Das könnte Dich auch interessieren: Drei Dinge, die auffielen: Dieses DFB-Team hat Ära-Potenzial
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/11/17/4062691-82391468-2560-1440.jpg)
Deutschland wieder Weltspitze? "Sind näher ran"
Quelle: Perform
Werbung
Werbung