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2006: "Sommermärchen"
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Publiziert 19/05/2010 um 12:12 GMT+2 Uhr
Bei der Weltmeisterschaft 2006 berauschte sich das ganze Land am dritten Platz seiner Nationalmannschaft und erlebte eine Begeisterung wie nie zuvor - zumindest im Feiern hatten die Deutschen den WM-Titel gewonnen.
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Der 3:1-Sieg in Stuttgart gegen Portugal belohnte einen nahezu perfekten Auftritt der Elf von Trainer Jürgen Klinsmann mit einem dritten Platz, der fast so viel Wert war wie ein Titelgewinn. So gut gelaunt und voller Emotionen wie bei der 18. Fußball-Weltmeisterschaft hatte sich Deutschland seit der Vereinigung 1990 nicht mehr gegeben. Vergleichbares war nur bei Olympia 1972 in München gelungen, als die "heiteren Spiele" bis zum Terroranschlag auf das Israel-Team tatsächlich heiter waren.
So zählte der Gastgeber - neben Weltmeister Italien - zu den größten Gewinnern einer auch vom Ausland hoch gelobten Veranstaltung. Sie wurde geprägt von Jürgen Klinsmann, Franz Beckenbauer und den Fans. Als Makel blieb lediglich zurück, dass die Qualität der 64 Spiele im Kontrast stand zum Stimmungshoch. Es dominierten der Verteidigungs-Fußball und das taktische Kalkül mit ihren erstickenden Wirkungen. Das Team des Erneuerers Jürgen Klinsmann zog auf seinem Weg zurück in die Weltklasse auch deshalb so viel Begeisterung auf sich, weil es sich mit seinem Fußball der Attacke von den meisten Mannschaften unterschied.
Beste WM aller Zeiten
"Deutschland hat das Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" mit Leben erfüllt", bilanzierte Kanzlerin Angela Merkel. Außenminister Frank-Walter Steinmeier spach von einem "großen Fest der Völkerfreundschaft" mit nachhaltiger Wirkung für das Bild Deutschlands im Ausland. "Die meisten der zwei Millionen WM-Besucher fahren mit guten Erinnerungen nach Hause." Die neue Unbeschwertheit der Deutschen im Umgang mit den nationalen Symbolen wurde als "weiterer Schritt zur Normalität" bewertet.
Möglich wurde dieses "Fußball einig Vaterland" durch das Zusammenspiel von Politik und Sport, es fand durch die Umarmung von Kanzlerin Merkel mit Franz Beckenbauer nach dem Elfmeter-Sieg im Viertelfinale gegen Argentinien sein symbolträchtiges Bild. Ohne Beckenbauer, den Fußball-Außenminister und Vorstand des deutschen Organisationskomitees, wäre die WM gegen den Willen von FIFA-Chef Joseph Blatter vor sechs Jahren kaum nach Deutschland vergeben worden. Der hatte längst Abbitte geleistet und rühmte die Weltmeisterschaft "als beste aller Zeiten. Noch nie ist ein Event so emotional und global dargestellt worden".
"Verlierer gibt es nicht"
"Wir sind alle Gewinner, Verlierer gibt es nicht", sagte Beckenbauer und sah "die Fans als die großen Sieger". Ohne Jürgen Klinsmann, den Anstifter des neuen deutschen Fußball-Glücks, wäre die Party wohl nur halb so schön geworden. "Das Deutschland der neuen Ideen - die Idee ist Klinsmann", beschrieb der argentinische Fußball-Weltmeister von 1986 und Schriftsteller Jorge Valdano die Wirkungsweise des 41-Jahre alten Bäckersohns. Zunächst bekämpft und auch von Beckenbauer mit herber Kritik begleitet, wurde der zum Weltbürger gereifte Schwabe als unersetzlicher Reformer akzeptiert.
Mit dem Public Viewing hatte sich bei der WM 2006 neben dem Fußball ein neuer Volkssport etabliert. Gedacht waren die Fanmeilen in den 12 WM-Städten als Parallel-Arenen für Enttäuschte, die im Wettbewerb der 30 Millionen Kartennachfrager keines der drei Millionen Tickets abbekommen hatten. Daraus entwickelten sich multikulturelle Zonen der Begegnung und des gemeinsamen Feierns, die aus allen Nähten platzten. Nahezu 20 Millionen tummelten sich bei diesen Alternativ-Events - fast neun Millionen allein in der Party-Hauptstadt Berlin.
Clevere Italiener und "Zizous Kopfstoß"
Sehr viel differenzierter fiel die sportliche Bilanz dieser Weltausstellung des Fußballs aus, bei der sich das Klinsmann-Deutschland hinter den Finalisten Italien und Frankreich wieder in die Spitze gespielt hatte. Der Offensiv-Fußball bescherte der DFB-Elf eine makellose Vorrunden-Bilanz. Mit Siegen über Costa Rica (4:2), Polen (1:0) und Ecuador (3:0) qualifizierte sich die Klinsmann-Truppe als Gruppen-Erster souverän für das Achtelfinale. In der Runde der letzten 16 stellte Schweden (2:0) keinen großen Stolperstein für die DFB-Elf dar. Das Viertelfinale gegen die starken Argentinier wurde zum emotionalsten Spiel der WM: Der Elfmeterkrimi (4:2 i.E.) gegen die Südamerikaner und Jens Lehmanns Spickzettel gingen in die Fußball-Geschichte ein. Deutschlands WM-Traum zerplatzte letztlich im Halbfinale durch zwei clevere italienische Tore (0:2) in der Verlängerung. Nach dem 3:1-Sieg gegen Portugal im Spiel um Platz drei feierten hunderttausende den "Weltmeister der Herzen" vor dem Brandenburger Tor.
Im Endspiel am 9. Juli vor 69.000 Zuschauern im ausverkauften Berliner Olympiastadion kehrte Italien auf den Fußball-Thron zurück. Dank ihrer Nervenstärke setzte sich die "Squadra Azzurra" im ersten europäischen WM-Finale seit 24 Jahren mit 5:3 im Elfmeterschießen gegen Frankreich durch und holte sich nach 1934,1938 und 1982 zum vierten Mal das begehrte WM-Championat. Ein Höhepunkt negativer Art war der Kopfstoß von Frankreichs Star Zinedine Zidane gegen den Italiener Marco Materazzi, für den "Zizou" in der Verlängerung die Rote Karte sah.
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