Nach dem 3:0-Heimsieg zum Auftakt der WM-Qualifikation gegen Island schickte Bundestrainer Joachim Löw im Spiel gegen Rumänien in Bukarest die identische Startformation auf den Rasen.
Durchaus ungewohnt, zuletzt vertraute Löw derselben Startelf in zwei aufeinanderfolgenden Länderspielen im Oktober 2016. Damals ebenfalls nach einem 3:0-Sieg in der WM-Qualifikation gegen Tschechien, als die Mannschaft gegen Nordirland mit 2:0 gewann.
Gegen die Tricolorii gab es wie schon vor gut viereinhalb Jahren ebenfalls einen Zu-Null-Sieg, allerdings traf die DFB-Elf in Person von Serge Gnabry (15. Tor im 19- Länderspiel) nur einmal und musste so am Ende sogar noch zittern.
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28/03/2021 AM 22:16
Was uns im zweiten Länderspiel des Jahres auffiel.

1. Deutschland braucht Plan B zu Kimmich

Die gute Leistung Joshua Kimmichs gegen Island war wohl Thema im Videostudium der Rumänen in der Vorbereitung auf die Partie gegen Deutschland. 176 Ballaktionen hatte Bayerns Mittelfeldchef beim 3:0 Donnerstag in Duisburg auf - Rekord für den 25-Jährigen, der ganz nebenbei noch 150 Pässe zum Mitspieler brachte (92 Prozent Passquote). Kimmich wird immer mehr zum Herzstück des DFB-Teams und Rumäniens Trainer Mirel Radoi wusste daher, was zu tun war.
Mit Florin Tanase und Valentin Mihaila setzte er gleich zwei Spieler auf Kimmich an. Der Stratege mit dem Adler auf der Brust sollte zu keinem Zeitpunkt Raum und Ruhe bekommen, das Spiel aufzubauen um somit denselben Einfluss zu nehmen, wie gegen Island.

Joshua Kimmich

Fotocredit: Getty Images

Ein Plan, der durchaus aufging: "Ich hätte mir natürlich mehr Spielanteile gewünscht", gab der Deutsche nach der Partie im Interview bei "RTL" zu. In der Tat schafften es die Rumänen, Kimmich phasenweise aus dem Spiel zu nehmen - besonders in der ersten Hälfte bereitete die Tricolorii der DFB-Elf so teils große Probleme. Beunruhigend war es, dass die Deutschen keinen wirklichen Plan B für einen solchen Fall zu haben schienen.
"Wir haben genügend Spieler, die meinen Part übernehmen können. Ilkay (Gündogan, Anm. d. Red.) und Leon (Goretzka, Anm. d. Red.) können das auch", befand der gebürtige Rottweiler zwar, beide taten sich aber extrem schwer, Kimmichs Rolle gleichwertig auszufüllen.

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Goretzka hatte nach Mittelstürmer Gnabry die zweitwenigsten Ballaktionen im Team, Gündogan schwächelte vor allem im ersten Durchgang im sonst so sicheren Passspiel. Nach 45 Minuten stand er bei einer ungewöhnlich schwachen Passquote von nur 72 Prozent - nach 90 Minuten waren es immerhin 85 Prozent.
Der Spielaufbau verlagerte sich so meist eine Reihe weiter nach hinten, wurde zur Hauptaufgabe der Innenverteidiger Matthias Ginter und Antonio Rüdiger.
Ganz aus dem Spiel nehmen konnten die Rumänen Kimmich aber natürlich nicht - dafür ist der Bayern-Star auch viel zu gut. Mit immerhin 93 Ballaktionen war Kimmich noch immer der deutsche Mittelfeldspieler, der das Spielgerät am häufigsten berührte Von 150 erfolgreichen Pässen war er mit 64 jedoch ein ganzes Stück entfernt.
Die logische Alternative zu Kimmich - Real Madrids Toni Kroos - könnte somit im Hinblick auf die EM im Sommer an Wertigkeit gewonnen haben. Er fehlt beim ersten Länderspiel-Dreierpack des Jahres verletzt.

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2. Chancenwucher wird zum Problem

Zum zweiten Mal in Folge spielte das DFB-Team zu Null. Das ist deshalb erwähnenswert, weil die Defensive im Kalenderjahr 2020 das große Problem der deutschen Nationalmannschaft war (16 Gegentore in acht Spielen). Unvergessen natürlich die 0:6-Pleite in Spanien - aber lassen wir das.
In Bukarest stand die deutsche Mannschaft hinten über weite Strecken sicher. Allein in der Anfangsphase, als man in zwei gefährliche Konter lief, sowie kurz vor Ende des Spiels, als die Gastgeber zu zwei guten Abschlussgelegenheiten im deutschen Strafraum kamen und beinahe noch den Ausgleich erzielten, bildeten sich leichte Schweißperlen auf der Stirn von Kapitän Manuel Neuer.
Hinter sich greifen musste der Kapitän in seinem 98. Länderspiel jedoch nicht, dafür gab die Offensive Grund zur Sorge. Nicht, weil selbige keine Torgelegenheiten produzierte, sondern weil diese nur ungenügend genutzt wurden.

Leroy Sané

Fotocredit: Getty Images

"Wir müssen früher den Deckel drauf machen, dann kommen wir nicht noch in Gefahr", ärgerte sich Neuer nach dem Spiel. Ähnlich sah es auch Löw: "Wenn man was kritisieren kann, dann die Chancenverwertung. Wir hätten es uns leichter machen können."
Vor allem zu Beginn der zweiten Hälfte erspielte sich das DFB-Team eine hochprozentige Torchance nach der anderen. Insgesamt 18 Torschüsse gab Deutschland ab, neun davon auf den Kasten des Gegners. Statistiken, die sich in Zukunft zwingend auch im Ergebnis widerspiegeln müssen. Vor allem dann, wenn es in der Gruppenphase der Europameisterschaft gegen Gegner wie Frankreich oder Portugal geht.
Gegen Rumänien war das nicht der Fall, weil das DFB-Team einerseits zu verschnörkelt vor dem gegnerischen Tor agierte und selbiges auch noch vom hervorragend aufgelegten Florin Nita gehütet wurde.
Das erkannte auch Neuer an: "Glückwunsch an mein Gegenüber, der wirklich gut gehalten hat", lobte der mehrfache Welttorhüter.

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3. Schwachstelle Außenverteidigung

Für die Außenverteidigerpositionen bleib Trainer Löw nicht wirklich viel Spielraum.
Marcel Halstenberg (Kontaktperson von Coronafall Jonas Hofmann), Niklas Süle (verletzt) und Robin Gosens (verletzt) standen gegen Rumänien nicht zur Verfügung, mit Philipp Max saß nur ein einziger gelernter Außenverteidiger auf der Ersatzbank.
Löw vertraute daher wie schon gegen Island Lukas Klostermann auf der rechten und Emre Can auf der linken Seite. Die vielbesungenen Automatismen sollten sich einstellen und der Abwehrreihe so die nötige Sicherheit geben.

Lukas Klostermann

Fotocredit: Eurosport

Gegen den Ball klappte das ganz passabel, in Ballbesitz blieb aber deutlich Luft nach oben. Vor allem Klostermann auf der rechten Seite wirkte fahrig, traute sich kaum einen tiefen Flankenlauf zu. Immer wieder stoppte er in aussichtsreichen Positionen auf Höhe der Strafraumkante und wählte dann den Rückpass, anstatt zur Grundlinie durchzudringen.
Klostermanns Pendant auf der linken Seite, Can, war zwar bemüht und trieb immer wieder an, einen klassischen Außenverteidiger gab aber auch er nicht ab. Nur zwei Flanken aus dem Spiel heraus brachte der Dortmunder in die Box - mau, bei 120 Ballaktionen (Topwert).
Sowohl Löw als auch Can selbst wissen, dass der 27-Jährige eher ein Mann für die Zentrale ist - egal ob in der Innenverteidigung oder im defensiven Mittelfeld. Als einen solchen würde der Bundestrainer den in München ausgebildeten Deutsch-Türken auch zur EM mitnehmen.
Klostermann hingegen muss zulegen, wenn er weiterhin erste Wahl bleiben will.
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