Labil und instabil: Nationalmannschaft rumpelt sich zum Sieg und hat jetzt ein Schicksalsspiel gegen die Slowakei

Das teils erschreckend schwache und am Ende schnöde 2:0 gegen Außenseiter Luxemburg verrät viel über den aktuellen Zustand der deutschen Nationalmannschaft. Doch Druck und "Draufhauen" sei unangebracht, meinte Bundestrainer Julian Nagelsmann im Anschluss. Gegen die Slowakei gilt es am Montag, das WM-Ticket zu sichern und den Super-GAU eines Umwegs über die Playoffs mit Falltüren zu verhindern.

DFB-Sieg in Luxemburg "ein hart erkämpftes Stück Arbeit"

Quelle: SID

Pragmatisch, praktisch, gut. Na ja, durch die DFB-Brille gesehen - okay. Man kann es auch so sehen nach dem schnöden 2:0-Sieg der deutschen Nationalmannschaft in Luxemburg wie der Bundestrainer.
"Am Ende ist Fußball ein Ergebnissport", sagte Julian Nagelsmann am späten Freitagabend im schnuckeligen, aber hochmodernen Stade de Luxembourg. Das nüchterne Ergebnis: ein 2:0-Erfolg.
Erstmals konnte Nagelsmann seit seinem Debüt als Bundestrainer im Oktober 2023 vier Spiele in Serie gewinnen, erstmals gelangen seinem Team drei Partien in Folge ohne Gegentor. So weit, so: na gut. 
Am Montag (20:45 Uhr im Liveticker) genügt nun ein Unentschieden in Leipzig gegen die Slowakei für die direkte Qualifikation zur Nordamerika-WM 2026. Was nach der 0:2-Auftaktpleite Anfang September in Bratislava nicht unbedingt zu erwarten war. Oder, Herr Nagelsmann? "Ich habe gehofft, dass es so ist", sagte der 38-Jährige. Der Showdown in Gruppe A verlangt dank der besseren Tordifferenz keinen Sieg, ein Remis reicht. Eine knifflige Ausgangssituation. Falltüren inklusive.
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Bundestrainer Julian Nagelsmann in Luxemburg

Fotocredit: SID

Bloß keine nervenaufreibenden Playoffs im März

Für Nagelsmann wird das 29. Länderspiel seiner Amtszeit - und das Wichtigste. Unabhängig von den 16 Siegen und sechs Niederlagen in den 28 Partien zuvor.
Die Teilnahmen an nervenaufreibenden Playoffs im März, in denen zwei einzelne Partien gegen unterschiedliche Gegner (ohne Hin- und Rückspiel, ein Modus wie im DFB-Pokal) gewonnen werden müssen, wäre für den DFB und seine Planungen für 2026 ein Super-GAU.
Mit der Bestätigung der Qualifikation müsste man dann - bestenfalls - bis Ende März warten, was alle Planungen für die Quartiersuche, die konkreten Planungen der Vorbereitung nach Saisonende und der Testspiele erschweren würde.
Also volle Attacke gegen die Slowakei? Oder Safety first, samt auf ein Remis schielende Augen?
"Ich habe noch nie mit einer Mannschaft besprochen, dass wir nur einen Punkt holen wollen. Wir versuchen zu gewinnen", erklärte Nagelsmann und betonte: "Wir haben eine gewisse DNA in der Mannschaft. Die meisten Spieler kommen von Klubs, die oft Favorit sind. Wir wollen schon den Ball haben."
Wie bei Bayern oder Borussia Dortmund, beim FC Liverpool (Florian Wirtz) oder bei Newcastle United (Nick Woltemade).

Der luxemburgische Fanblock höhnte: "Üben! Üben!"

Seinen jüngsten Spruch verkniff er sich. In den Trainingstagen von Wolfsburg vor der Abreise nach Luxemburg hatte Nagelsmann vollmundig formuliert: "Leinen los! Ein bisschen mehr Risiko."
Davon war nichts zu sehen beim 97. der FIFA-Weltrangliste, dem Mini-Herzogtum Luxemburg (knapp 700.000 Einwohner). Die erste Halbzeit war komplett zum Vergessen aus DFB-Sicht. Nicht griffig, nicht gierig, wenig zielstrebig. Keine Ideen, kaum Torgefahr.
Als Wirtz aus guter Position recht wild drüber knallte (28.), sang der luxemburgische Fanblock: "Üben! Üben!". Vorne zu ungenau und fahrlässig bei den Chancen (Wirtz! Gnabry!), hinten fahrig und zu nachlässig.
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Florian Wirtz traf gegen Luxemburg nicht immer die richtige Entscheidung

Fotocredit: Getty Images

Der Underdog ging dem Favoriten durch intensives Pressing, aber auch mutiges Offensivspiel gehörig auf die Nerven und war in Durchgang eins: besser. Eine peinliche und zugleich schmeichelhafte Nullnummer zur Pause.
"Wir haben in der ersten Hälfte nicht alles von Anfang an reingeworfen. Wir hätten ein Gegentor verdient gehabt. Aber wir haben keines gekriegt, da können wir uns glücklich schätzen." Man habe "super viele Rückpässe" und "extrem langsam" gespielt, so Nagelsmann, das Spiel defensiv "gar nicht beruhigt gekriegt" und in der Offensive "aus Umschaltsituationen zu wenig gemacht". 
Leinen los? Eher ging das alte Leiden los. "Rumpel-Rückfall", titelte "Bild". Der Doppelpack von Mittelstürmer Nick Woltemade in Durchgang zwei rettete den Abend. Man kam glimpflich davon. Aus der Pflichtübung wurde ein mühsamer Zittersieg, "deutlich mühsamer als erhofft", so der Bundestrainer.
Die Euphorie der Heim-EM 2024? Ist längst verflogen. Die Leichtigkeit auch weg mittlerweile. Aber wo sind die Hoffnungsträger? Die Mutmacher?

Der Bundestrainer ist weiterhin ein Suchender

Höchstens in der Reha. Antonio Rüdiger, Kai Havertz und vor allem Zehner Jamal Musiala fehlen dieser Mannschaft. Seit den Rücktritten der erfahrenen Haudegen und Anführer Toni Kroos, Thomas Müller, Ilkay Gündogan und Torhüter Manuel Neuer nach der Heim-EM fehlt ein Gerüst, eine klare Hierarchie.
Und die klare Rollenverteilung innerhalb des Kaders, die Nagelsmann im Frühjahr vor der EM ausgerufen und die sich sehr bewährt hatte. Der Bundestrainer ist weiterhin ein Suchender, siehe das Hin und Her bei den Nominierungen von Kandidaten wie Leroy Sané (plötzlich wieder dabei) und Angelo Stiller (plötzlich nicht mehr dabei).
Die Mannschaft wirkt auch wie auf der Suche - nach einer neuen Identität. Die letzten sehr guten Halbzeiten der Nationalmannschaft? Die zweite Halbzeit im Viertelfinal-Hinspiel der Nations League im März in Mailand, als man gegen Gastgeber Italien aus einem 0:1 einen 2:1-Erfolg machen konnte.
Und die furiose erste Halbzeit des Rückspiels drei Tage später in Dortmund - 3:0. Nach der Pause verspielte man die Führung, das 3:3 bewahrte die Mannen von Nagelsmann gerade noch vor einer Verlängerung. Der aktuelle Zustand des DFB-Teams? Labil und instabil.
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Matchwinner Woltemade nach Doppelpack "sehr froh"

Quelle: SID

"Ich habe nicht das Gefühl, dass es die Mannschaft verträgt, wenn man super draufhaut"

Was Nagelsmann nach dem Luxemburg-Spiel verriet, als es um seine Gedanken vor der Halbzeitansprache ging.
"Ich habe mir selbst die Frage gestellt, wie ich da jetzt in der Kabine aufdribbele", meinte er salopp und verriet dann: "Ich habe nicht das Gefühl, dass es die Mannschaft verträgt, wenn man super draufhaut. Wir wollen alle gemeinsam erfolgreich sein, deshalb habe ich sie mitgenommen. Ich bin beim Inhalt geblieben. Wir haben es in der zweiten Halbzeit besser umgesetzt, auch die Einwechselspieler haben uns gutgetan. Wir haben ein bisschen lange gebraucht, bis wir an die Grenze gekommen sind. In der zweiten Halbzeit sind wir mehr marschiert."
Erleichtert und beschwingt dank der Abschlussstärke von Woltemade. Denn, und das war deutlich zu spüren, "es war ein bisschen Druck dabei", so Nagelsmann, "der geht nicht spurlos an einem vorüber".

"Bei Schlotti bin ich vorsichtig optimistisch, bei Joshua vorsichtig skeptisch"

Wird am Montag in Leipzig nicht anders sein. Die Slowaken haben eine einmalige Chance, eine Sensation zu schaffen, die deutsche Mannschaft hat alles zu verlieren.
Damit man den unwägbaren Umweg Playoffs abwenden kann, soll Joshua Kimmich mit seinem Willen und seiner Mentalität helfen. Auch der lädierte Innenverteidiger Nico Schlotterbeck (Fleischwunde) vom BVB.
"Wenn die Verletzten zurückkommen, würde uns das gut zu Gesicht gestehen", sagte Nagelsmann offen und erklärte auf Nachfrage, nach den Einsatzchancen der beiden: "Bei Schlotti bin ich vorsichtig optimistisch, bei Joshua vorsichtig skeptisch."
Der Bayern-Profi, in der Nationalelf seit Oktober wieder als Rechtsverteidiger benötigt, sei schließlich "super ehrgeizig". Die Verantwortlichen in München werden genau verfolgen, wie weit die Kapselverletzung im Sprunggelenk bei ihrem Vizekapitän ausgeheilt ist. Nagelsmann versicherte: "Wir schauen im Rahmen der Vernunft, was möglich ist."
Ein schmaler Grat - wie wahrscheinlich das ganze Spiel gegen die Slowaken.
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Woltemade verhindert Blamage: DFB-Team auf WM-Kurs

Quelle: Eurosport


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