WM-Qualifikation: Thomas Tuchel und sein Kampf gegen die Skepsis in England - Harry Kane als Hürde vor dem Debüt?
Update 20/03/2025 um 15:22 GMT+1 Uhr
Am Freitagabend wird Thomas Tuchel erstmals ein Spiel der englischen Nationalmannschaft leiten. Das Heimspiel gegen Albanien in der WM-Qualifikation ist eine erste Standortbestimmung der Three Lions auf dem Weg zum ersten Titel seit 1966. Doch seit seiner Amtsübernahme kämpft Tuchel gegen eine große Skepsis an. Darüber hinaus muss er sich mit einer großen Hürde namens Harry Kane beschäftigen.
Tuchel stellt klar: "Kane ist der Kapitän"
Quelle: Perform
Die englische Nationalmannschaft hat unter der Leitung von Thomas Tuchel noch keine Spielminute absolviert, rechtfertigen musste sich der frischgebackene Coach der Three Lions aber trotzdem.
"An den Wochenenden, an denen ich bei der Premier League nicht im Stadion bin, schaue ich mindestens fünf Spiele live auf einem Großbildschirm an", verteidigte sich Tuchel jüngst auf einer Pressekonferenz. "Ich sehe mehr, wenn man mich selbst nicht sieht. Wenn ich im Stadion bin, sehe ich die Partien davor und danach nicht."
An 1. Januar nahm der 51-Jährige seine prestigeträchtige Tätigkeit auf, seitdem wird jeder seiner Schritte unter die Lupe genommen - und strengstens beurteilt. Seine Abwesenheit bei so manchem Ligaspiel stieß einigen sauer auf, Tuchel lieferte aber einen cleveren und nachvollziehbaren Konter.
"Ich brauche ein bisschen Vertrauen von Euch, dass Ihr mir zutraut, diesen Job mit hoher Intensität und auf die bestmögliche Weise zu erledigen", forderte Tuchel. Doch das Vertrauen muss er sich erst einmal erkämpfen, so viel verrieten jedenfalls die Reaktionen auf seinen Kader.
Tuchel holt Rashford und Henderson zurück
Einmal aussortiert, immer aussortiert. Für Marcus Rashford und Jordan Henderson schien der Weg zurück in die Nationalmannschaft mitunter am längsten. Tuchel öffnete dem gebrandmarkten Duo aber die Tür.
Rashford kämpfte sich nach einem beispiellosen Abfall bei Manchester United und der Nicht-Berücksichtigung für die EM 2024 im Trikot von Aston Villa zurück in alte Form, Henderson blüht nach seinem unglücklichen Abstecher nach Saudi-Arabien nun bei Ajax Amsterdam wieder auf.
"Viele englische Fans sind etwas enttäuscht über die erste Kaderauswahl von Tuchel. Es gibt einige Spieler, für die sie sich eher eine Nominierung gewünscht hätten", meinte Fußball-Experte Pete Sharland von Eurosport UK.
Da stechen einst unter Gareth Southgate ausgemusterte Namen wie Rashford und Henderson natürlich sofort negativ ins Auge. Mit diesem Zug beweist Tuchel aber: Bei ihm zählt nur die aktuelle Leistung - so wie beim 32-jährigen Kader-Debütanten Dan Burn von Newcastle United.
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Dan Burn und Thomas Tuchel
Fotocredit: Getty Images
Tuchel soll England das Sieger-Gen einpflanzen
Seine allseits bekannte Liebe für das Detail hat Tuchel auch in England nicht abgelegt. "Er hat einen wirklich starken Eindruck hinterlassen", schwärmte Englands Fußballchef Mark Bullingham von seiner Arbeitsweise. "Er hat unheimlich viele Spieler kontaktiert, das ist wirklich beeindruckend."
Um genauer zu sein: Mit 55 Spielern tauschte sich Tuchel vor seiner Nominierung für die WM-Qualifikationsspiele gegen Albanien (Freitag, 20:45 Uhr) und Lettland (Montag, 20:45 Uhr) aus. Seit Januar haben sich zahllose Stunden an Einzelgesprächen angesammelt, um eine Beziehung zu seinen Schützlingen aufzubauen - und ihnen letztlich auch das Sieger-Gen einzupflanzen.
"Es mag sich seltsam anhören, wenn man bedenkt, dass England bei den Turnieren stark abgeschnitten hat. Aber es hat sich so angefühlt, als ob sie in den wichtigsten Momenten ständig versagt haben", merkte Sharland an. Tuchel sei hingegen ein "ausgewiesener Gewinner", der den Unterschied machen soll.
Seine Zeit beim FC Bayern München, die zum Abschluss der vergangenen Saison vorzeitig geendet hatte, habe dabei keinen negativen Einfluss auf die Wahrnehmung von Tuchel. "Die meisten Engländer interessieren sich nicht für die Bundesliga", so Sharland. "Also können die meisten Leute wahrscheinlich nicht sagen, was bei Bayern passiert ist."
Deutlich mehr im Vordergrund stünde seine Zeit beim FC Chelsea, mit dem er in der Saison 2020/21 die UEFA Champions League gewonnen hat. Ein Teil seiner Bayern-Vergangenheit holt ihn aber dennoch ein.
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Tuchel wehrt sich gegen Kritik zu Deutschland-Aufenthalten
Quelle: Perform
Tuchel und die große Hürde namens Kane
"Für mich ist Harry Kane seine größte Herausforderung", führte Sharland aus. Mit dem Zenit seiner Karriere angeblich schon im Rückspiegel sieht sich der laut diversen Medien unbewegliche Kane regelmäßig harter Kritik ausgesetzt.
"Nach der letztjährigen Europameisterschaft waren die meisten englischen Fans bereit, Kane auf die Ersatzbank zu setzen", so Sharland weiter. "Aber er hat bei Bayern eine fantastische Saison gespielt. Kann Tuchel in den 18 Monaten bis zur Weltmeisterschaft das Beste aus Kane herausholen?"
Immerhin: Nach dem Tuchel-Abschied bei den Bayern behielt Kane seine Torquote von einem Treffer alle 89 Minuten bei. Dieses Monster will Tuchel nun auch in England wieder wachküssen.
Eine Hilfe könnte dabei sein traditioneller Ansatz sein. "Die Premier League ist eine sehr physische Liga, eine sehr physisch anspruchsvolle Liga, eine sehr direkte Liga", meinte Tuchel. "Wir sollten stolz genug auf die Kultur und den Stil des englischen Fußballs und der englischen Liga sein und das in unser System einfügen."
Kane, der Tuchel aus der gemeinsamen Zeit in München bestens kennt, schwärmte von dem neuen Coach. "Thomas bringt viel mehr Energie und Enthusiasmus mit, er ist sehr leidenschaftlich, wenn er spricht. Er war einer der Hauptgründe, warum ich überhaupt zu Bayern München gegangen bin", sagte der Angreifer: "Ich kenne seine Eigenschaften und weiß, wie gut er als Trainer ist, und alle Jungs sind von ihm beeindruckt."
Trotz der Vielzahl an technisch versierten Spielern könnte den Three Lions die Rückkehr zu rustikaleren Mitteln guttun. "Manchmal hatte man das Gefühl, dass sie zu viel nachdenken und es ihnen an Ideen fehlt. Wenn Tuchel sie dazu bringt, schneller zu spielen und mehr auf ihre Instinkte zu vertrauen, dann könnte das wirklich von Vorteil sein", hob Sharland hervor.
Weniger denken und einfach machen - damit soll England unter Tuchel florieren. Bestenfalls schon am Freitag.
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