WM 2022 - Spitzhacke statt Hacke-Spitze: Warum Antoine Griezmann Frankreichs eigentlicher Held in Katar ist
Antoine Griezmann hat seine Klasse in den vergangenen Jahren ausreichend hinterlegt, war Protagonist bei der EM 2016 und beim WM-Sieg zwei Jahre später. Seit einiger Zeit ist es auf Vereinsebene ruhiger um den Schöngeist geworden. In Katar blüht er dieser Tage allerdings wieder auf - und das in einer überraschenden Rolle. Darum ist Griezmann der eigentliche Held der Wüsten-Weltmeisterschaft.
Herz und Hirn von Frankreich: Griezmanns zweiter Frühling
Quelle: Perform
Der Fußball lebt auch von seinen Geschichten abseits des Feldes, von Mythen und Überlieferungen selbiger. Eine kleine Erzählung, die sich um Antoine Griezmann und Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps rankt, wird aktuell gerne wieder aus der viel zitierten Mottenkiste hervorgekramt.
Vor etwas mehr als drei Jahren, im Oktober 2019, nach einem Arbeitssieg gegen Island (1:0), soll Deschamps seinem Spieler einen Spruch gedrückt haben, der seinerzeit mehr flapsig denn ernstzunehmend aufgenommen wurde.
"Weißt Du, dass Du ein sehr guter defensiver Mittelfeldspieler wärst?", so die angeblichen Worte des Coaches, die sowohl bei Griezmann selbst als auch bei dessen Teamkollegen ein müdes Lächeln hervorgerufen haben soll.
Der torgefährliche Techniker, der schöngeistige, freiheitsliebende Offensivmann als schnörkelloser Arbeiter?
Das lag außerhalb jeglicher Vorstellungskraft. Mit sechs Toren wurde Griezmann bei der EM 2016 im eigenen Land Torschützenkönig, einzig Landsmann Michel Platini gelangen in der Geschichte der Europameisterschaften während eines Turniers noch mehr Treffer (9 bei der Endrunde 1984).
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Frankreich-Trainer Deschamps: "Das hätte man heute nicht gedacht"
Quelle: MagentaTV
Zwei Jahre später steuerte Griezmann in Russland vier Tore bei und hatte somit erheblichen Anteil am zweiten WM-Gewinn der Équipe Tricolore.
Mittlerweile wartet der einstige Dauerknipser in der Nationalmannschaft seit mehr als einem Jahr (13. November 2021, beim 8:0 gegen Kasachstan) auf einen Treffer. Griezmanns Flaute erstreckt sich auf 14 Partien, während der WM in Katar hielt sie bislang an.
Deschamps-Witz wird zur Realität
Dass der Torjäger nicht mehr als solcher in Erscheinung tritt, hat einen einfachen Grund: Deschamps vermeintliches Witzchen von einst ist Realität geworden.
Mit Kylian Mbappé, Olivier Giroud und Ousmane Dembélé verfügt der Trainer über ausreichend Qualität, dahinter hat sich das personelle Feld vor allem nach den verletzungsbedingten Ausfällen der beiden Schaltzentralen und Verbindungsspieler N'Golo Kanté und Paul Pogba jedoch gelichtet.
Deschamps stellte von einem 3-4-1-2 auf 4-2-3-1 um und zog Griezmann eine Position nach hinten. Ein meisterlicher Schachzug, wie sich herausstellen sollte. Bei Ballbesitz als Zehner agierend, ackert der 31-Jährige gegen den Ball wie ein klassischer Abräumer.
Griezmann: Spitzhacke statt Hacke-Spitze
Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider. Gegen Dänemark (2:1) wartete er mit den meisten gewonnenen Zweikämpfen und den meisten Balleroberungen auf, gegen Polen (3:1) war er derjenige mit der höchsten Laufleistung, gegen England (2:1) verbuchte er die meisten Tacklings.
Eigentlich fachfremde Statistiken für Griezmann. Spitzhacke statt Hacke-Spitze.
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Antoine Griezmann und Didier Deschamps
Fotocredit: Getty Images
"Antoine interpretiert seine Rolle sehr intelligent und schafft ein Gleichgewicht", lobte Deschamps seinen eifrigen Malocher. Der Ex-Profi, der früher bei Frankreich selbst den Handwerksmann und nicht den Künstler gab, ergänzte: "Ich verlange jetzt wahrscheinlich andere Dinge von ihm. Aber es ist auch nicht so, dass wir ihn geopfert haben. Er ist ein Teamplayer. Er hat Freude im Aufbauspiel, jedes Mal, wenn er den Ball berührt."
Mischung aus Kreativität und Simplizität
Freilich gehen Griezmann seine Fähigkeiten als Kreativling in seiner ungewohnten Rolle nicht gänzlich ab. Im Gegenteil, der Mann von Atlético Madrid verbindet sie perfekt mit der neu gewonnenen Simplizität. Drei Torvorlagen lieferte er während der WM, zwei davon im engen Viertelfinal-Duell mit England.
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Frankreichs Präsident Macron vor WM-Finale über Phänomen Messi
Quelle: Perform
"Seine Rolle hat sich etwas geändert, aber er hat immer noch die gleichen Qualitäten", schwärmte Raphaël Varane mit Blick auf Griezmann. Der Innenverteidiger von ManUnited schob nach: "Er kann das Tempo des Spiels bestimmen. Er kann es schnell machen oder beruhigen." Jules Koundé attestierte Griezmann: "Er hat sich zum Schlüsselspieler entwickelt, er kämpft für das Team." Griezmann war auf dem Weg ins Endspiel (Sonntag, 16:00 Uhr im Liveticker) also Herz und Hirn zugleich.
Griezmann bei Atlético in Kurzarbeit
Dabei dürften im Vorfeld der WM nur wenige Fans und Experten mit dieser Entwicklung gerechnet haben. Bei seinem Klub war er, nach dem sich vor wenigen Jahren noch ganz Europa die Finger geleckt hatte, vor allem im ersten Saisondrittel zur Randfigur geworden. Trainer Diego Simeone setzte Griezmann nur punktuell ein.
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Antoine Griezmann im Atlético-Dress
Fotocredit: Getty Images
Der Grund für die Degradierung war - zumindest medial - schnell gefunden: Die Madrilenen, die Griezmann im vergangenen Jahr von seinem zweijährigen Horror-Intermezzo beim FC Barcelona auf Leihbasis erlöst hatten, sahen sich mit einer Kaufpflicht über 40 Millionen Euro konfrontiert, die im Sommer 2023 greifen sollte.
Nur noch selten Schlüsselspieler
Allerdings nur dann, wenn er in der laufenden Saison in 14 Spielen jeweils auf mehr als 45 Minuten Spielzeit kommen würde. Da die Colchoneros nicht gewillt waren, derart tief in die Tasche zu greifen, ließ Simeone seinen vormaligen Lieblingsschüler schmoren. Anfang Oktober einigten sich die beiden Klubs darauf, die Ablöse auf 20 Millionen Euro zu halbieren. Nach der Übereinkunft war die skurrile Minutenregelung Geschichte und Griezmann stand wieder regelmäßig in der Startelf.
Einfluss auf die Leistung hatte das Theater verständlicherweise dennoch, Griezmann avancierte nur noch selten zum Unterschiedsspieler bei den Rojiblancos, die überraschend als Gruppenletzter schon in der Champions-League-Vorrunde die Europapokal-Segel streichen mussten.
Pionier Deschamps hat dem bisweilen Abgeschriebenen in Katar zur Renaissance verholfen. Mit einer Idee, die scheinbar schon vor drei Jahren, im Oktober 2019, nach einem Arbeitssieg gegen Island gereift war.
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