WM 2022 - Navina Omilade exklusiv zur Nationalmannschaft: Joshua Kimmich hat für seine Angst-Aussage Respekt verdient

WM-Expertin Navina Omilade äußert sich im exklusiven Interview mit Eurosport über die Katar-Nachwehen beim DFB, die im Rücktritt von Oliver Bierhoff gipfelten. Zudem spricht sie über die Mammutaufgaben, die bis zur EM 2024 auf Bundestrainer Hansi Flick zukommen. Die ehemalige Nationalspielerin verrät darüber hinaus, vor welchen großen Herausforderungen der Verband nun steht.

Joshua Kimmich (l.) und Navina Omilade

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Der DFB leckt dieser Tage die WM-Wunden, zwei wichtige personelle Entscheidungen wurden bereits getroffen. Oliver Bierhoff ist nicht länger Geschäftsführer Nationalmannschaften und Akademie der DFB GmbH & Co. KG, Hansi Flick darf Bundestrainer bleiben.
WM-Expertin und Ex-Nationalspielerin Navina Omilade äußert sich zu den jüngsten Entwicklungen im Verband und erklärt, warum sie Matthias Sammer gerne als Bierhoff-Nachfolger gesehen hätte. Omilade spricht über Flicks Mammutaufgaben mit Blick auf die Heim-EM 2024 und verrät, in welchen Bereichen die größten Herausforderungen liegen.
Außerdem spricht die 41-Jährige über die Achtelfinal-Begegnungen, die enttäuschenden Spanier und die Mannschaften, die sie bisher ganz besonders beeindruckt haben.
Das Interview führte Dennis Melzer
Sie haben zuletzt gesagt, dass Oliver Bierhoff sich hinterfragen müsse. Das hat er offenbar getan, am Montag wurde sein Aus beim DFB bekanntgegeben. Wie ordnen Sie die Entscheidung ein?
Navina Omilade: Er hat offenbar festgestellt, dass die Zeit gekommen ist, um Platz für frischen Wind und neue Ideen zu machen. Er hat die Konsequenz aus den Negativereignissen der vergangenen Jahre gezogen und sich selbst nicht aus der Verantwortung gestohlen. Davor ziehe ich meinen Hut, das war konsequent. Jetzt muss man sehen, wer auf ihn folgt. Es gibt aber keine Garantie dafür, dass es ohne ihn besser läuft.
Es werden mehrere Namen gehandelt, Matthias Sammer steht offenbar nicht zur Verfügung, Fredi Bobic hat bereits abgesagt. Was muss der oder die "neue" Oliver Bierhoff aus Ihrer Sicht mitbringen?
Omilade: Ich hätte Matthias Sammer gerne in dieser Position gesehen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und räumt auf. Er traut sich, auf den Tisch zu hauen. Neben Sammer hätte ich mir auch Max Eberl vorstellen können, der aber jetzt erst wieder einen neuen Job angenommen hat. Der DFB braucht jemanden mit diesem Profil, jemanden, der ein hohes Standing genießt. Derjenige, der Oliver Bierhoff beerbt, benötigt Vertrauen und Zeit. Und die bekommt man nur, wenn man sich einen Namen in der Branche gemacht hat und eine gewisse Wertschätzung gegeben ist.
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Hansi Flick

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Über Hansi Flicks Zukunft wurde nach dem Aus ebenfalls wild spekuliert. Er wurde zum Rapport in die DFB-Zentrale bestellt und darf weitermachen. Hat der DFB richtig entschieden?
Omilade: Es ist schwierig zu beurteilen, was im Detail besprochen wurde und wie die Analyse ausgefallen ist. Bislang ist nicht viel durchgesickert. Offenbar trauen die Verantwortlichen ihm aber zu, dass es bei der Heim-EM in 18 Monaten besser läuft. Grundsätzlich hat er bei Bayern bewiesen, dass er ein richtig guter Trainer ist. Ich habe keinerlei Zweifel an seinen Qualitäten. Er kann definitiv der Richtige sein, wenn er die Fehler mit seinem Team aufarbeitet. Es muss eine Selbstreflexion stattfinden und die richtigen Schlüsse daraus gezogen werden.
Was sind nun für Flick die größten Baustellen, die er in anderthalb Jahren abarbeiten muss?
Omilade: Die größte Baustelle ist die Defensive. Flick muss es schaffen, bis zur EM eine eingespielte Abwehr aufzustellen. Er kann nur mit den Spielern arbeiten, die er zur Verfügung hat. Da wird sich bis zum nächsten Turnier nicht sonderlich viel verändern. Somit sollte er auch eng mit den jeweiligen Vereinen im Austausch sein. Aus meiner Sicht ist es problematisch, dass in der Zwischenzeit kein einziges Pflichtspiel ansteht, sondern nur Freundschaftsspiele ausgetragen werden. Einfach, weil der echte Wettkampf fehlt.
Sie sind bereits auf das Defensivpersonal eingegangen. Häufig wird die mangelnde Qualität auf den Außenverteidigerpositionen thematisiert. Inwiefern hat Flick überhaupt die Chance, dieses Dilemma in so einer kurzen Zeit zu beheben?
Omilade: Es muss intensiv an einer festen Formation gearbeitet werden. Die Jungs sind ja nicht schlecht, im Verein zeigen sie gute Leistungen. Das Zusammenspiel, die Abstimmung und die Kommunikation haben bei der WM aber einfach nicht funktioniert. Vielleicht war es der kurzen Vorbereitungszeit geschuldet, aber damit hatten alle Mannschaften zu kämpfen. Es wird am Ende nur klappen, wenn es ein funktionierendes Kollektiv gibt. Damit können mögliche individuelle Defizite ausgeglichen werden.
Joachim Löw hat nach der WM 2018 einen tiefen Einschnitt gemacht und Mats Hummels, Jerome Boateng sowie Thomas Müller zwischenzeitlich vor die Tür gesetzt. Trauen Sie Hansi Flick einen ähnlichen Schritt mit Blick auf beispielsweise Müller und Ilkay Gündogan zu?
Omilade: Bei so verdienten Profis sollten persönliche Gespräche zwischen den Spielern und dem Bundestrainer geführt werden und die Sache gemeinsam analysiert werden, um dann zu schauen, was das Beste für die Nationalmannschaft ist und nicht für den einzelnen Spieler.
Joshua Kimmich hat bekanntlich den Anspruch, als Leader aufzutreten. In der Nationalmannschaft gelang das bei großen Turnieren nicht, er selbst hat nach dem Costa-Rica-Spiel die Angst geäußert, in ein Loch zu fallen. Wie wirkt man dem entgegen?
Omilade: Erst einmal möchte ich ihm für diese Aussage großen Respekt aussprechen. Das in der Öffentlichkeit zu sagen, zeugt von Stärke. Mit dem Eingeständnis ist ein großer Schritt schon getan. Darüber hinaus gibt es ganz bestimmt Sportpsychologen und Vertrauenspersonen in seinem Umfeld, mit denen er arbeiten kann. Auch der FC Bayern wird ihn mit Sicherheit dabei unterstützen. Ich gehe fest davon aus, dass er von dieser mentalen Krise erstarkt zurückkommen wird.
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Joshua Kimmich

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In den vergangenen Jahren hat die Begeisterung für die Nationalmannschaft in der Bevölkerung abgenommen. Wie kann es gelingen, wieder eine Stimmung à la Sommermärchen zu kreieren?
Omilade: Das ist die große Frage. Das Verhältnis zu den Fans aufzupolieren, wird die vielleicht größte Herausforderung. Es muss ganz viel Vertrauen zurückgewonnen werden. Das geht aber nur über gute Leistungen und mit ganz viel Herz und Leidenschaft auf dem Platz. Wenn aber nur Freundschaftsspiele auf dem Programm stehen, wird es schwierig, wieder Begeisterung zu entfachen. Ich hoffe trotzdem, dass es irgendwie gelingt.
Nicht nur die deutsche Mannschaft hat enttäuscht, auch Spanien scheiterte nach 2014 und 2018 erneut früh. Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe?
Omilade: Die Niederlage gegen Marokko war sicherlich eine große Überraschung. Spanien hat unglaublich gut losgelegt mit dem 7:0 gegen Costa Rica. Das war dann aber auch schon der letzte Sieg in diesem Turnier und ist unterm Strich für eine so große Fußballnation zu wenig. Natürlich werden sie jetzt zerrissen, aber zur Wahrheit gehört auch, dass Marokko es sehr gut gemacht hat. Das kann bei einer WM mal passieren. Besonders diese WM hat gezeigt, dass es keine vermeintlich kleinen Gegner mehr gibt. Spanien hat einen jungen Kader und viel Potenzial. Aus meiner Sicht haben sie eher einen taktischen Fehler gemacht.
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WM 2022: Álvaro Morata ist fassungslos - Marokko vs. Spanien

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Welchen?
Omilade: Man weiß nicht, wie es im anderen Turnierzweig gelaufen wäre - aber, dass Luis Enrique im letzten Gruppenspiel gegen Japan sieben Spieler herausgenommen und auf Platz zwei spekuliert hat, damit er Brasilien im Viertelfinale aus dem Weg geht, ist ihm rückblickend zum Verhängnis geworden. Man sollte nicht taktieren, sondern mit der stärksten Elf spielen. Wenn man ein Turnier gewinnen will, muss man jeden schlagen. Und dieses Selbstverständnis sollten die Spanier haben.
Es wurde immer wieder Kritik an der Spielweise laut. Die "Marca" schreibt beispielsweise von einer "Passsucht" und bemängelte fehlende Abschlüsse. Wie schwierig ist eine Abkehr von der bisherigen Philosophie?
Omilade: Ich glaube, eine Abkehr ist gar nicht nötig. Der viele Ballbesitz, das sogenannte Tiki-Taka, hat die Spanier immer stark gemacht und geprägt. Es muss eine gesunde Mischung gefunden werden. Im Gegensatz zu beispielsweise Brasilien fehlte den Spaniern nämlich der Lösungsansatz gegen tiefstehende Gegner.
Welche Mannschaft hat Sie auf der anderen Seite im Achtelfinale am meisten beeindruckt?
Omilade: Das waren tatsächlich mehrere. Allen voran Frankreich (3:1 gegen Polen) und Brasilien (4:1 gegen Südkorea). Aber auch Portugal hat mich überzeugt. Sie haben ein tolles Spiel gegen die Schweiz (6:1) gezeigt, das Kombinationsspiel war beeindruckend, die Tore super herausgespielt.
Jetzt stehen die großen Spiele an. Welcher Mannschaft würden Sie aktuell die obligatorische Reife für den Titel attestieren?
Omilade: Brasilien hat auf ganzer Linie überzeugt. Das war toller Fußball mit viel Leidenschaft und Spielwitz. Es war alles dabei und genau deshalb traue ich ihnen den Titel am ehesten zu. Besonders, weil sie eben nicht von einem einzelnen Spieler abhängig sind, sondern als Mannschaft funktionieren. Man kann niemanden herausheben.
Dennoch kommt es auch auf die viel zitierten Unterschiedsspieler an. Wer hat Ihnen während dieser WM ganz besonders imponiert?
Omilade: Definitiv Kylian Mbappé, er spielt ein wahnsinnig gutes Turnier. Er war in jedem Spiel präsent, er ragt heraus. Er bringt wirklich alles mit, was man sich von einem Fußballer erhofft.
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Cristiano Ronaldo mit Portugals Nationaltrainer Fernando Santos

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Lionel Messi und Cristiano Ronaldo sind die prägenden Figuren der letzten 15 Jahre. Der eine ist Leistungsträger, der andere wurde auf die Bank verbannt. Wie kommen diese Unterschiede zustande?
Omilade: Es hat sich bei Cristiano Ronaldo schon auf Vereinsebene angekündigt. Es ist schwierig, eine WM in Top-Form zu spielen, wenn man im Verein die meiste Zeit auf der Ersatzbank verbracht hat. Es fehlt einfach der Wettkampf auf höchstem Niveau, darunter leiden automatisch der Spielwitz und die Schnelligkeit. Ich wünsche ihm das zwar nicht, weil seine Karriere einzigartig ist - aber die Entwicklung war in seinem Falle schon ein bisschen absehbar. Bei Messi ist es genau das Gegenteil, er hat nach einer schweren ersten Saison bei PSG jetzt seinen Spielwitz wieder gefunden.
Wie sollte Ronaldo nun mit seiner "neuen" Rolle umgehen?
Omilade: Sein Vertrerter Gonçalo Ramos hat einen riesigen Job gemacht. Ich fand gut, dass Ronaldo sich zumindest in der Öffentlichkeit für seine Kollegen gefreut hat. Jetzt muss er seine Rolle anders definieren. Er ist immer noch der Kapitän und immer noch der Superstar. Er muss seiner Mannschaft jetzt anders helfen, eher auf mentaler Ebene, und wenn er dann rein kommt, kann er immer noch viel ausrichten. Wer weiß, vielleicht wird er ja als Joker in einem der K.o-Spiele der Matchwinner. Zuzutrauen ist es ihm allemal.
Wir haben über die ganz großen Namen gesprochen, nun schickt sich ein junger Engländer an, ebenfalls in die Riege der Spitzenspieler aufzusteigen: Jude Bellingham. Was zeichnet ihn schon in jungen Jahren aus?
Omilade: Was ich von ihm gesehen habe, war total beeindruckend. Wir können uns in der Bundesliga auf einen Spieler freuen, der während des Turniers nochmal an Reife gewonnen hat. Für mich ist er eine der ganz großen Überraschungen dieser WM. Es ist schön zu sehen, wie sich ein so junger Spieler während eines Turniers entfalten und zu einem der Stars heranwachsen kann.
Allzu lange dürften wir wohl keine Freude mehr an ihm in der Bundesliga haben.
Omilade: Wenn sich ein Verein damit auskennt, unbekannte Jungs innerhalb kürzester Zeit zu europaweit umworbenen Top-Spielern zu machen, dann ist es Borussia Dortmund. Bisher haben sie es immer gut kompensiert. Aber Bellinghams Entwicklung werden sie vermutlich mit einem lachenden und einem weinenden Auge verfolgen (lacht).
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"Ronaldo ist die Vergangenheit": United trauert CR7 nicht nach

Quelle: Perform

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