WM 2022: Frankreich trotzt nach Final-Niederlage Drama und Dummheit - das Beste kommt erst noch
VonThomas Gaber
Publiziert 20/12/2022 um 13:34 GMT+1 Uhr
Frankreich hat das historische Double bei der WM 2022 in Katar verpasst und tut sich bei der Aufarbeitung des Final-Dramas schwer. Von den Anhängern werden Kylian Mbappé und Co. im Gegensatz zu früheren Jahren dennoch gefeiert. Außerdem genießt der Trainer Narrenfreiheit. Die Vorzeichen für die Fortsetzung der erfolgreichen Ära der Équipe Tricolore stehen noch aus anderen Gründen äußert günstig.
Feierlicher Empfang: Équipe Tricolore in Paris bejubelt
Quelle: Perform
Einen ehemaligen Adelspalast hatte der französische Fußballverband auserkoren für dem Empfang seiner Nationalmannschaft in der Heimat. Der prachtvolle Stadtpalais am Place de la Concorde in Paris ist heute ein Luxushotel, das den Namen Hotel de Crillon trägt. Neben Politikgrößen wie Theodore Roosevelt oder Helmut Kohl stieg dort auch die Creme de la Creme des Showbusiness wie Charlie Chaplin, Arnold Schwarzenegger oder Madonna regelmäßig ab.
Ein würdiger Rahmen für die Équipe Tricolore anlässlich der Rückkehr nach einem denkwürdigen und für die Franzosen so herzzerreißenden WM-Finale in Katar. Doch von einem WM-Kater war bei der Grand Nation am Montagabend nichts zu spüren.
Zehntausende Landsleute bescherten ihren Helden einen warmen Empfang. Sie schwenkten blau-weiß-rote Flaggen, zündeten bengalische Feuer und sagen lautstark "Merci les Bleus". "Das ist großartig, es wärmt das Herz. Es ist eine große Freude zu sehen, dass wir so viele Franzosen stolz und glücklich machen konnten", sagte Stürmer Marcus Thuram bei "TF1".
Kylian Mbappé und Ousmane Dembélé lächelten anfangs ein wenig gequält, doch die gute Stimmung der Anhänger übertrug sich auf die Spieler. Olivier Giroud und Antoine Griezmann genossen sichtlich das Bad in der Menge und animierten die Fans zu La Ola.
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Kylian Mabppé und Didier Deschamps beim Emfpang der Equipe Tricolore in Paris
Fotocredit: Getty Images
Ousmane Dembélé wird zum Sündenbock
Balsam auf die Seele für eine Mannschaft, die am Sonntag in Doha eine große Chance vertan hat. 75 Minuten lang war Frankreich im Finale gegen Argentinien nur ein Schatten seiner selbst und hätte den Titel doch noch um ein Haar erfolgreich verteidigt.
Eine Glanzparade von Argentiniens Torhüter Emiliano Martínez gegen Randal Kolo Muani (120.+3) und das vermaledeite Elfmeterschießen standen dem im Weg. So bleibt Brasilien das einzige Team, dass zwei WM-Turniere in Folge gewinnen konnte (1958 und 1962).
In die Begeisterung der Fans mischt sich allerdings auch ein Gefühl der Ratlosigkeit hinsichtlich der Leistung der Nationalmannschaft in Katar. Experten und Medien tun sich schwer bei der Beurteilung. Die Zeitung "France Football" machte die Diskussion auf, ob man Hugo Lloris, der nicht gerade als Elfmetertöter bekannt ist, aber nunmal der Kapitän, vor der abschließenden Lotterie gegen einen der beiden Ersatztorhüter hätte austauschen sollen.
Die "L'Équipe" machte derweil Dembélé zum Sündenbock für das verlorene Finale. Die Zeitung weigerte sich sogar, dem 25-Jährigen eine Note für seine Leistung zu geben und nannte Dembélés Vorstellung bis zu dessen Auswechslung in der 41. Minute schlicht "unwürdig". Der englische TV-Experte Roy Keane wertet das Foul von Dembélé an Ángel Di María per se nicht als elfmeterwürdig, doch "manchmal muss der Verteidiger dafür bestraft werden, dass er so dumm ist".
Pragmatismus statt Spektakel: Deschamps hat Narrenfreiheit
Überlagert wird die Debatte von der Frage, ob Nationaltrainer Didier Deschamps Frankreichs herausragende individuelle Klasse voll ausgeschöpft hat. "Die Mannschaft müsste mit diesen Spielern einen viel aufregenden Fußball spielen. Stattdessen müssen wir uns schon vor einem Spiel auf Langeweile einstellen", kritisierte Ex-Nationalspieler Emmanuel Petit.
Christian Karembeu, wie Petit Weltmeister von 1998, sieht dagegen in Deschamps den perfekten Coach. "Didier ist pragmatisch. Genau das ist es. Er hatte hier mit vielen Verletzungen und Absagen zu tun. Aber er hat die richtigen Entscheidungen getroffen, die richtigen Wechsel vorgenommen, die richtige Mannschaft gefunden", sagte Karembeu über seinen ehemaligen Weggefährten.
Die Fans gestehen der Mannschaft einen unspektakulären Stil zu. Siege sind ihnen wichtiger als Show und davon gab es reichlich in den letzten Jahren. Bei drei der vier letzten großen Turniere stand Frankreich im Finale. Die Anhänger rechnen Deschamps hoch an, dass er aus vielen schwierigen Charakteren seit seiner Amtsübernahme 2014 bei großen Turnieren stets eine Einheit geformt hat.
"Wir alle können uns noch an den Sauhaufen bei der WM 2010 erinnern. Das läuft unter Deschamps komplett anders. Didier sieht alles. Er hat nach der Euro 2021 die richtigen Schlüsse gezogen, eine neue Entwicklung eingeleitet und eine super Arbeit geleistet. Er ist ein Leader, ein wahrer Anführer für die Gruppe", sagte Youri Djorkaeff, ebenfalls ein 98er-Weltmeister.
Deschamps wird auch verziehen, dass er im Finale beim In-Game-Coaching keine Lösungen fand, die Lücken auf den Flügeln hinter den "Defensivverweigerern" Mbappé und Dembélé zu schließen, in die die Argentinier immer wieder hineinstießen.
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World Cup : Fans celebrate Argentina's win against France in WC
Quelle: Eurosport
Zinédine Zidane muss sich gedulden
Die Vorstellung, Zinédine Zidane würde die Mannschaft zur EM 2024 und zur WM 2026 führen, ist äußerst charmant. Frankreichs Nationalheld, der als Trainer von Real Madrid unerhört erfolgreich war, würde laut französischen Medienberichten liebend gerne sofort übernehmen.
Doch wer Mbappé, Aurélien Tchouaméni, Eduardo Camavinga, Kolo Muani und all die anderen Stars und Talente in Zukunft trainieren wird, entscheidet einzig und allein der aktuelle Amtsinhaber.
"Der Verbandspräsident hat bereits verlauten lassen, dass er Deschamps halten will. Deschamps kann machen, was er will", sagt auch Maxime Dupuis von Eurosport Frankreich. Für Januar ist ein Treffen mit der Verbandsspitze angesetzt und es würde doch sehr überraschen, sollte Deschamps den Weg frei machen.
Im Gegensatz zu vielen anderen großen Fußballnationen steht bei den Franzosen in naher Zukunft kein Umbruch an. Etwaige Rücktritte von Veteranen wie Giroud oder Lloris kann die Mannschaft locker auffangen. Das Gerüst für die nächsten Jahre steht, das Reservoir an Weltklasse-Fußballern ist schier unerschöpflich.
Frankreichs Nationalmannschaft kann eine lange Ära prägen
In Katar fehlte mit den verletzten Paul Pogba, Lucas Hernández, N'Golo Kanté, Christopher Nkunku, Boubacar Kamara, Karim Benzema und dem potentiellen Lloris-Nachfolger Mike Maignan eine halbe Mannschaft, jeder einzelne Spieler hat Startelfpotential.
Kolo Muani hat in den K.o.-Spielen gezeigt, welches Juwel Eintracht Frankfurt in seinen Reihen hat. Dem 21-jährigen William Saliba (FC Arsenal), der in Katar 30 Minuten zum Einsatz kam, wird ein Stammplatz in der Innenverteidigung zugetraut.
Und obendrein hat Frankreich mit Mbappé den Spieler, der bereits Grenzen verschoben hat und auch die nächsten Jahre auf internationalem Terrain prägen wird. "Der Stachel nach dem Final-Drama von Doha sitzt tief und es wird den Spielern einiges abverlangen, das zu verarbeiten. Aber nach Regen scheint wieder die Sonne. Für Frankreichs Nationalteam mehr denn je", kommentierte die "L'Équipe".
Das historische WM-Double hat nicht sollen sein, aber die erfolgreiche Ära der Équipe Tricolore scheint noch lange nicht zu Ende. Keine andere Fußball-Nationalmannschaft ist mit so viel Talent - auch auf lange Sicht - gesegnet die Frankreich. Der Trainer wird in höchstem Maße respektiert, die Fans stehen geschlossen wie selten hinter ihrer Elf.
Es wäre nicht verwunderlich, wenn sich die Mannschaft in 19 Monaten erneut von zehntausenden Anhängern am Hotel de Crillon feiern lässt - dann aber mit einer Trophäe in den Händen.
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"Genau so traurig wie er": Macron leidet mit Mbappé nach Final-Pleite
Quelle: Perform
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