"Große Erleichterung" verspürte Alfred Gislason als er nach dem souveränen 36:27 (22:12)-Sieg gegen Slowenien am "ZDF"-Mikrofon zu seinem Gemütszustand befragt wurde.
Der Druck vor dem Olympia-Qualifikationsturnier war groß, im Auftaktspiel gegen Schweden hatte sich das DHB-Team gerade noch so ein 25:25-Unentschieden gesichert – die Partie gegen Slowenien hatte Endspiel-Charakter.
Umso wichtiger war der Erfolg und die zwei Punkte am Samstag gegen Slowenien. Mit 3:1 Punkten nach zwei von drei Spielen hat Gislalons Mannschaft die Olympia-Teilnahme nun selbst in der Hand. Bereist mit einem Unentschieden am Sonntag gegen Algerien wäre der Olympia-Traum perfekt.
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Doch nicht nur der Sieg sorgte für gute Laune, sondern auch die Spielweise. Seit sehr langer Zeit – die WM in Ägypten eingeschlossen – zeigte die deutsche Nationalmannschaft gegen ein europäisches Top.Team mal wieder eine spielerisch rundum überzeugende Leistung – und zwar auf allen Positionen und in Angriff wie Abwehr gleichermaßen. Drei Dinge, die auffielen …

1. Das DHB-Team findet zur Defensivstärke zurück

Wenig wurde vom deutschen Nationalteam im Vorfeld des Olympia-Qualifikationsturniers in Berlin so sehr beschworen wie folgender Dreiklang: Defensive Stabilität im Innenblock führt zu besserer Torwartleistung, was wiederum zu einfachen Toren über die Tempogegenstöße führt. Lange war das die Stärke des DHB-Teams, die Probleme lagen eher im Angriffsaufbau.
Bei der Weltmeisterschaft im Januar in Ägypten war es aber genau umgekehrt, da funktionierte der Spielaufbau recht gut, die Abwehr wurde als Problemzone beschrieben. Aber da waren ja auch Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek und Steffen Weinhold nicht dabei.
Nachdem im ersten Spiel des Qualifikationsturniers gegen Schweden die Abwehr erneut nicht restlos überzeugen konnte, gelang dem Defensivverbund gegen Slowenien eine außergewöhnlich gute Leistung. Pekeler und Johannes Golla bewegten sich im Innenblock stark, gingen aggressiv und mit dem richtigen Timing in die Zweikämpfe und hatten auch immer wieder über Blocks Erfolg.
Das führte dazu, dass sich Torwart Andreas Wolff nicht ausschließlich in freie Würfe aus dem Zentrum werfen musste und dadurch einige Paraden zeigen konnte. In gut 41 Minuten hielt er zehn Würfe. "Das war auf jeden Fall die Abwehr, die wir uns vorgestellt haben", sagte Kreisläufer Golla nach dem Spiel im "ZDF". "Andi hat mehr gehalten als in den letzten Spielen bei der WM."
Aufgrund der Torhüterleistung und weil die Abwehr zahlreiche Bälle eroberte, funktionierte der erhoffte Dreiklang, denn die deutsche Nationalmannschaft erzielte laut Spielberichtsbogen fünf Tore per Tempogegenstoß (viermal Linksaußen Marcel Schiller, einmal Kreisläufer Pekeler). Sehr viel häufiger waren die Deutschen aber über die zweite Welle erfolgreich, also per Gegenstoß, für den man zwei oder mehr Pässe benötigt.
"Unsere Abwehr war sehr beweglich, wir sind mit sehr viel Druck nach vorne gelaufen – fast alles über die zweite Welle", sagte Bundestrainer Gislason im "ZDF"-Interview. "Das war ein Riesenplus. Andi Wolff hat sehr gut gehalten hinter dieser Abwehr, dann ist das Leben leichter."
Leichter machte diese Defensivstärke auch das Spiel aus dem gebundenen Spielaufbau. "Wir haben viele einfache Tore in der zweiten Welle erzielt, und so fällt es einem auch vorne im Positionsangriff leichter", sagte Rückraumspieler Julius Kühn, der sechs Treffer erzielte und die Erklärung direkt lieferte: "Man muss vorne nicht immer performen, sondern kann auch mal durchschnaufen, weil man sich hinten die Bälle wieder holt."
So erweiterte der 27-Jährige den Dreiklang Innenblock-Torwartleistung-Gegenstoßspiel um den Faktor Angriffslockerheit zum Vierklang.

2. Qualitative Breite der Nationalmannschaft kommt zum Tragen

Der zweite viel beschworene Vorteil des deutschen Teams beim Olympia-Qualifikationsturnier im Vergleich zur Weltmeisterschaft in Ägypten ist die qualitativ hochwertige Breite im Kader. Von den Rückkehrern Pekeler, Wiencek, Weinhold und Fabian Wiede erhoffte sich Bundestrainer Gislason, das spielerische Niveau über einen längeren Zeitraum halten zu können. Auch Rückraumspieler Sebastian Heymann hätte Gislason bei der WM gerne dabeigehabt, doch der 23-Jährige fühlte sich nach ausgestandener Kreuzbandverletzung nicht fit genug.
Schon gegen Schweden merkte man, dass die Rückkehrer dem Team Stabilität verliehen, aber erst im Duell mit Slowenien wurde die wiedergewonnene Breite richtig bemerkbar.
Zum einen hatte Gislason mit Kai Häfner (zwei Tore, sieben Assists) und Weinhold (drei Tore, zog einige Zeitstrafen) zwei torgefährliche Spieler im rechten Rückraum, zum anderen war die Breite auch taktisch sichtbar: Pekeler, Golla und Heymann können alle im Innenblock decken und im Angriff spielen – dadurch kann die Mannschaft mehr ins Tempo gehen, weil sie sich ohne Spezialistenwechsel nicht selbst um Geschwindigkeit beraubt.
Alle Innenblockspieler zeigten eine starke Leistung, so konnte es sich Gislason erlauben, Wiencek 60 Minuten zu schonen. Schließlich sind drei Spiele in drei Tagen ein Kraftakt, wie Kühn und Golla nach dem Spiel zugaben. "Das eine oder andere Wehwehchen hat sich bei uns schon eingestellt", sagte Kühn. "Das hat man auch an der Verletzung von Jogi Bitter gesehen."
Doch auch dieses Fehlen fiel nicht ins Gewicht, weil neben Wolff auch Silvio Heinevetter ein gutes Spiel machte und in gut 16 Minuten Spielzeit vier Paraden sammelte.
Das Spiel gegen Slowenien zeigte allerdings auch, dass hinsichtlich der Breite trotz des klaren Erfolgs Optimierungspotenzial besteht. Mitte der zweiten Halbzeit spielten Wiede, Juri Knorr und Heymann im Rückraum – in dieser Konstellation erwischte das DHB-Team eine schwache Phase, die Slowenien zu einem 5:0-Lauf nutzte.

3. Bundestrainer Gislason lebt Erfolgsbesessenheit vor

Die Ausgangslage vor der Partie war eindeutig: Bei einer Niederlage gegen Slowenien hätte die deutsche Mannschaft die Olympia-Qualifikation nicht mehr aus eigener Kraft schaffen können. "Uns war die Wichtigkeit vor dem Spiel klar", sagte Julius Kühn nach dem Spiel. "Wir saßen in der Kabine und wussten, dass das ein Do-or-Die-Spiel ist." Auch Rechtsaußen Timo Kastening war nach der Partie "zufrieden, dass wir die Chance haben, uns aus eigener Kraft für das Olympische Turnier zu qualifizieren."
Die deutsche Mannschaft erwischte einen sehr guten Tag und spielte von Beginn an sehr dominant – das half natürlich gegen phasenweise überfordert wirkende Slowenen. Doch auch die Erfolgsbesessenheit, die Bundestrainer Gislason ausstrahlt, scheint der Mannschaft gutzutun.
Bestes Beispiel dafür war eine Auszeit, die Gislason in der 54. Spielminute nahm. Deutschland lag souverän mit sieben Treffern Vorsprung in Führung, hatte aber auch zehn Minuten lang kein eigenes Tor erzielt. "Wir spielen jetzt wieder Richtung Tor, verdammt nochmal", fuhr der Isländer seine Spieler an.
Danach wechselte er Spieler wie Knorr oder Wiede, die bis dahin eher glücklos agiert hatten, wieder für die in der ersten Halbzeit starken Weber und Häfner aus. Auch in der Abwehr spielte wieder Pekeler, Gislason wollte nichts dem Zufall überlassen – in den Minuten danach steigerte sich seine Mannschaft wieder.
Nach dem Spiel war der 61-Jährige aber wieder versöhnlich gestimmt und zeigte Verständnis dafür, dass Spieler, die lange auf der Auswechselbank warten müssen, "sofort zeigen wollen, dass sie mehr Spielanteile verdienen". Aber das DHB-Team habe eben auch wegen fehlender Konzentration den Rhythmus verloren.
Und dann muss man gegensteuern, um einen sichergeglaubten Sieg nicht in Gefahr zu bringen. Die Anspannung vor dem Spiel spürten übrigens nicht nur die Spieler, sondern auch ihr Chef. "Ich habe letzte Nacht nicht gut geschlafen", sagte Gislason. "Mir sind schon sehr große Brocken vom Herzen gefallen, der Druck war groß, aber wir haben überragend reagiert."
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