Der überraschend deutliche 36:27-Sieg gegen Slowenien am Samstag hatte die Tür zur Olympia-Qualifikation für das DHB-Team weit aufgestoßen, am Sonntag musste die Nationalmannschaft gegen Algerien aber noch eine Pflichtaufgabe erledigen.
Darum gab Bundestrainer Alfred Gislason nach dem Spiel im "ZDF"-Interview unumwunden zu, dass er den abgefallenen Druck sehr deutlich spüre. "Wir hatten heute noch die Möglichkeit, uns zu blamieren", sagte der 61-Jährige. Soweit kam es trotz einer durchwachsenen Leistung in der Defensive nicht.
Die deutsche Mannschaft fuhr einen souveränen Sieg ein – und richtete den Blick danach in die Zukunft.
Olympic Qualification Tournament
Olympia-Ticket perfekt: DHB-Team schlägt Algerien
14/03/2021 AM 16:15
Drei Dinge, die uns beim 34:26-Erfolg gegen Algerien auffielen.

1. DHB-Team holt Schwung für die Olympischen Spiele

Es war eines der großen Themen im Vorfeld des Olympia-Qualifikationsturniers in Berlin: Das seit etwa acht Jahren formulierte Ziel von der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Tokio. Bob Hanning hatte dieses Fernziel bei seinem Antritt als DHB-Vizepräsident im Jahr 2013 ausgegeben – und war davon auch nach dem enttäuschenden Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM im Januar in Ägypten nicht abgerückt.
Der Tenor der Kritiker war: Man müsse sich erst einmal qualifizieren. Auch Kreisläufer Hendrik Pekeler sagte in einem Interview mit dem "Mannheimer Morgen", dass man auch im Falle der Qualifikation andere Nationalmannschaften als stärker einschätzen müsse.
Nun ist die Qualifikation für Tokio 2021 geglückt – und der Mannschaft fiel merklich ein Stein vom Herzen. "Es lag vor dem Wochenende ein sehr großer Druck auf uns", sagte Kapitän Uwe Gensheimer am Sonntag nach dem Spiel im "ZDF". "Das war ein ganz großes Ziel, es zum größten Sportereignis der Welt zu schaffen." Für Philipp Weber ging "ein Kindheitstraum in Erfüllung."
Während für die Spieler ab Mittwoch wieder der Bundesliga-Alltag weitergeht, richtete Bundestrainer Alfred Gislason den Blick schon in Richtung Olympische Spiele. "Wenn ich weiß, wer alles dabei ist, werde ich anfangen, alle Spiele zu analysieren", sagte der 61-Jährige, über den man weiß, wie akribisch er das Videostudium betreibt.
Spannend wird nicht nur sein, auf welche Teams die deutsche Mannschaft in Japans Hauptstadt trifft, sondern auch mit welchem Personal sie antritt. Denn im Vergleich zum Olympia-Qualifikationsturnier werden für die einzelnen Partien keine 16er-Kader berufen, sondern nur 14 Spieler auf den Spielberichtsbogen geschrieben.
Nach den Eindrücken von Berlin dürfte es für den nicht nominierten Jannik Kohlbacher von den Rhein-Neckar Löwen schwer werden, von Pekeler, Patrick Wiencek oder Johannes Golla einen Platz als Innenblock-Spieler beziehungsweise Kreisläufer abzuluchsen. Auch die Rückraumspieler Fabian Böhm und Juri Knorr könnten ihren Kaderplatz verlieren. Im linken Rückraum gibt es einen Dreikampf zwischen Julius Kühn, Sebastian Heymann und Paul Drux, im rechten Rückraum zwischen Steffen Weinhold, Kai Häfner und Fabian Wiede.
Am 29. April und am 2. Mai spielt Deutschland in der EM-Qualifikation noch gegen Bosnien-Herzegowina und Estland. Diese Spiele wird Gislason für letzte Personaleindrücke nutzen und auch taktisch weitere Formationen ausprobieren. Denn im Vorfeld stellte der isländische Trainer auch eine offensive 3-2-1-Deckung in Aussicht, die man mit Weltklasse-Abwehrspielern wie Pekeler, Wiencek oder Weinhold gut spielen könne. Beim Qualifikationsturnier in Berlin verzichtete er auf diese Verteidigungsvariante aber noch.

2. Fazit zum Quali-Turnier: Gislasons Handschrift wird klarer

Kapitän Uwe Gensheimer lächelte nach Abpfiff des dritten Spiels beim Qualifikationsturnier selig in die "ZDF"-Kamera. "Wir haben es geschafft, die drei Tage ungeschlagen zu bleiben", sagte der Linksaußen. "Wir können stolz sein, wie wir am Freitag zurückgekommen sind und noch Unentschieden gespielt haben und gestern unter Druck Slowenien mit so einer außergewöhnlichen Leistung geschlagen haben."
Tatsächlich war bei der deutschen Nationalmannschaft über die drei Tage eine spielerische Entwicklung im Vergleich zur Weltmeisterschaft in Ägypten zu erkennen. Zwar waren die Voraussetzungen mit der Rückkehr von Pekeler, Wiencek, Weinhold und Wiede sowie einer gemeinsamen Trainingswoche auch günstig, doch die Mannschaft scheint die Vorgaben von Bundestrainer Gislason anzunehmen und konnte sie umsetzen.
Im Spielaufbau bestätigte die Mannschaft in allen drei Spielen die guten Leistungen der WM. Philipp Weber kombinierte individuelle Zweikampfstärke mit Spielübersicht und zieht lange Kreuzungen mit den Halb-Angreifern. Das brachte den wurfstarken Julius Kühn häufig in gute Abschlusspositionen.
Und der Rechte-Rückraum-Spieler Kai Häfner suchte ausgehend von einer hohen Dynamik oft den Kreisläufer. "Jede Einheit und jedes Spiel, das wir dazubekommen, ist gut für die kleine Abstimmung in der Mannschaft", sagte der 31-Jährige über genau dieses Zusammenspiel zwischen Rückraum und Kreisläufer. "Das hat man, glaube ich, gesehen, darauf können wir aufbauen."
Noch viel deutlicher konnte man den Fortschritt im Tempospiel sehen. In allen drei Partien attackierte das DHB-Team über 60 Minuten die gegnerische Abwehr mit einer sehr hohen Geschwindigkeit. Nach Gegentoren über die Schnelle Mitte, nach Ballgewinnen über den Tempogegenstoß oder – sehr viel häufiger – über die zweite Welle. Auf diese Weise entstehen zum einen mehr einfache Tore, zum anderen spielt man den Gegner schneller müde, weil dieser auch im Rückzugsverhalten gefordert ist.
Zudem funktionierte die Abwehr im Spiel gegen Slowenien außergewöhnlich gut. "Wir haben eine gute Entwicklung gezeigt, vor allem im Slowenien-Spiel hat sehr viel gepasst", sagte Häfner und Weber ergänzte zum zweiten Spiel beim Qualifikationsturnier: "Wir haben mit dem Sieg gemerkt, dass wir echt bereit sind für größere Sachen. Das hat der Mannschaft Selbstbewusstsein gegeben für die kommenden Aufgaben."

3. Deutschland mit Abwehrschwächen gegen Algerien

Auch wenn der Abwehrverbund über das Qualifikationsturnier hinweg besser funktionierte als bei der WM in Ägypten, im ersten Spiel gegen starke Schweden und auch im dritten Spiel gegen Algerien zeigten sich Defizite. "Wir kamen, was Abwehr und Torhüterleistung betrifft, nicht so gut rein ins Spiel", sagte Gislason im "ZDF"-Interview nach dem Spiel und Kreisläufer Pekeler merkte an, "„dass bei uns nicht so die Spannung da war" wie noch gegen Slowenien am Vortag. "Wir hatten in der Abwehr einige Probleme", merkte Pekeler an.
Nach dem dritten Spiel in drei Tagen ist es zwar durchaus verständlich, wenn die allerletzte Spritzigkeit in den Beinen fehlt, es war dann aber doch auffällig, wie häufig Algerien unbedrängt Distanzwürfe aus dem Rückraum abgeben durfte. Rückraumspieler Zoheïr Naïm erzielte neun Treffer, ihn bekam die rechte Abwehrseite 60 Minuten lang nicht in den Griff.
Mit der Spielweise der Slowenen, die über Eins-gegen-Eins-Duelle versuchten, zum Erfolg zu kommen, kam das DHB-Team deutlich besser zurecht. Gegen die Algerier traten die deutschen Spieler viel zu passiv aus dem Abwehrverbund. "Die Algerier haben es uns heute nicht leicht gemacht", sagte Pekeler und sein Trainer Gislason hatte erkannt, dass "das Feuer nicht ganz da war."
Auch wenn es aufgrund des meist komfortablen Vorsprungs nicht zwingend notwendig war: Eine offensivere Deckungsformation hätte gegen diese Spielweise vermutlich besser gepasst. Gislason betont immer wieder, mit dieser Mannschaft auch die 3-2-1-Deckungsvariante spielen zu können und zu wollen. Um für das olympische Handball-Turnier gewappnet zu sein, sollte das DHB-Team diese Formation im Portfolio haben.
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