DHB-Coronafälle sorgen für Zweifel an WM: "Nicht vertretbar"

Nach dem nächsten Coronafall bei der deutschen Nationalmannschaft rückt die anstehende WM in den Fokus: Die Kritik am Mega-Turnier mit 32 Mannschaften in Ägypten wird lauter. Zahlreiche Spieler und Verantwortliche halten eine Austragung aktuell für nicht vertretbar. Der Liga drohen nicht nur viele Spielabsagen, sie befürchtet gar einen vorübergehenden Lockdown.

Eurosport

Fotocredit: Eurosport

"Schwer vorstellbar", "schwierig", "nicht vertretbar": Unter dem Eindruck immer neuer Coronafälle bei der Nationalmannschaft wachsen die Zweifel an der Austragung der Mega-WM im Januar in Ägypten. In großer Sorge um ihre Spieler werfen die Klubvertreter ihre Zurückhaltung allmählich über Bord, die Liga selbst befürchtet einen vorübergehenden Corona-Kollaps.
"Die Austragung des Turniers kann ich mir im Moment nur schwer vorstellen", sagte Frank von Behren dem SID. Dem langjährigen Nationalspieler und Geschäftsführer von GWD Minden steckte der Schock der neuesten Corona-Entwicklungen noch in den Gliedern: Nach Johannes Bitter und Marian Michalczik hat es auch Juri Knorr erwischt. Am Abend folgte die nächste Hiobsbotschaft. Auch Finn Lemke von der MT Melsungen ist betroffen.
Dem Mindener Youngster Knorr, der in der vergangenen Woche sein DHB-Debüt gegeben hatte, geht es nicht gut. "Juri zeigt starke Symptome, damit ist nicht zu spaßen", sagte von Behren sorgenvoll: "Deswegen muss man diese internationalen Reisen in der jetzigen Zeit stark infrage stellen."
Der DHB-Lehrgang, in dessen Nachgang nun schon vier Spieler positiv auf das Coronavirus getestet wurden, hätte "im Nachhinein nicht stattfinden dürfen, das Risiko war viel zu hoch. Die Spieler kommen wieder und sind infiziert und legen damit Teile des Ligabetriebs lahm."
Spätestens mit der Nachricht der nächsten Infektion nahmen die Diskussionen über die Bläh-WM so richtig Fahrt auf. 2007-Weltmeister Christian Schwarzer hinterfragte bei "Spox" die Sinnhaftigkeit eines WM-Turniers unter den aktuellen Bedingungen und hält eine Austragung "aus jetziger Sicht für schwierig".

Liga drohen zahlreiche Spielausfälle

Für Nationalspieler Hendrik Pekeler ist sie angesichts der vielen Fälle "eigentlich nicht vertretbar", und der frühere Welthandballer Daniel Stephan forderte bei "Sport1", dass eine Absage des Turniers mit 32 Teams aus aller Welt "diskutiert" werden müsste: "Aber nicht nur in Deutschland, sondern innerhalb des ganzen Handball-Weltverbands."
Für die Klubs ist die WM angesichts der eigenen Probleme inzwischen ohnehin zum roten Tuch geworden. Das am Donnerstagabend geplante Heimspiel von Knorrs Klub GWD Minden gegen den Bergischen HC wurde abgesagt. Auch das ARD-Spiel am Samstag zwischen Melsungen und dem SC Magdeburg muss verschoben werden.
Denn nachdem das zuständige Gesundheitsamt in Minden eine 14-tägige Quarantäne für den gesamten Profikader inklusive Trainer Frank Carstens anordnete, verkündete am Abend Melsungen, dass Kapitän Lemke zweimal positiv getestet wurde. Auch hier müssen Spieler und Betreuerstab voraussichtlich zwei Wochen lang in häusliche Isolation.
"Momentan weiß ich nicht, wie wir den Spielbetrieb in der Liga aufrechterhalten können", sagte von Behren: "Das ist aber zweifelsohne unser höchstes Gut, das wir schützen müssen. Wichtiger auch als eine WM im Januar in Ägypten."

Stuttgart-Trainer Schweikardt: "Für die Bundesliga wäre eine WM-Absage das Allerbeste"

Mit diesen Worten sprach Mindens Manager den anderen Liga-Funktionären aus der Seele. Auch Jürgen Schweikardt, Trainer und Geschäftsführer von Bitters Klub Stuttgart, machte via "Bild"-Zeitung eine klare Ansage pro WM-Absage: "Für die Bundesliga wäre eine Absage das Allerbeste."
Doch zunächst stehen für die Liga die eigenen Probleme im Vordergrund. Bei einer virtuellen Krisensitzung am Freitagvormittag soll darüber entschieden werden, wie es weitergeht. Die Absage des gesamten Wochenend-Spieltags steht ebenso im Raum wie ein vorübergehender Liga-Lockdown.
"Wir stehen vor riesigen Herausforderungen und müssen die Lage mit dem neuen Kenntnisstand neu bewerten", sagte HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann dem "SID" zerknirscht. Fakt ist: Einige Tage nach dem DHB-Lehrgang wird es immer schwerer, die Kontakte der Spieler eindeutig zu benennen und vernünftig einzugrenzen.

DHB-Vizepräsident Hanning schließt WM-Absage aktuell aus

DHB-Vizepräsident Bob Hanning, in Personalunion auch Manager der Füchse Berlin, mahnte in der hitzigen WM-Debatte zur Ruhe. "Dass dies irgendwann mal passiert, davon war auszugehen. Wie im normalen Berufsleben oder in der Schule", sagte Hanning bei "Sport1".
Eine Verschiebung der WM schließt er momentan aus. Es sei schließlich "sicherer eine WM durchzuführen als zum Beispiel Europapokal- oder Champions-League-Spiele, die uns durch ganz Europa reisen lassen. Die Strahlkraft der Nationalmannschaft ist bei allem Respekt nicht vergleichbar mit einem Bundesligaspiel zwischen Melsungen und Berlin."

VERBALATHLETEN - Der Eurosport-Podcast:

(SID)
picture

Highlights des Topspiels: So dominierte der BVB in Bietigheim

Quelle: Eurosport

Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung