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Sprinterin Gina Lückenkemper im Interview über die Bronzemedaille bei Olympia und die Leistung mit der Staffel
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Update 11/10/2024 um 15:26 GMT+2 Uhr
Bei Olympia in Paris hat die 4x100m-Staffel mit Gina Lückenkemper die Bronzemedaille gewonnen. Die 27-Jährige hat es dabei geschafft, unter zehn Sekunden zu bleiben. Im Exklusiv-Interview mit Eurosport.de-Reporter Matthias Sandten erklärt sie, warum sie in der Staffel schneller ist als im Einzelrennen, welche Rolle das Vertrauen im Team spielt - und worauf sie in diesem Jahr stolz ist.
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Quelle: Eurosport
Gina, bei Olympia habt Ihr Bronze mit der 4x100m-Staffel gewonnen. Gehen Dir andere Gedanken, neue Gedanken durch den Kopf, wenn Du das Rennen noch mal siehst?
Gina Lückenkemper: Nein. Dafür weiß ich ja selbst, wie es war, da auf der Bahn gestanden zu haben. Da habe ich keine neuen Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, wenn ich mir das noch mal anschaue. Da kriege ich eher den gleichen Puls, den ich im Stadion auf der Bahn hatte. Ich bin dann noch mal in diesem Moment, wenn ich mir das anschaue.
Du bist wieder im selben Modus?
Lückenkemper: Nicht ganz, aber nah dran.
Vor Olympia haben wir darüber gesprochen, wie wichtig es ist, dass das Team funktioniert. Bei der Staffelübergabe mit Lisa Mayer habt Ihr nicht kommuniziert, sondern Du hast erspürt, wann der Stab kommt?
Lückenkemper: Ja, das ist ein bisschen Intuition gewesen. Erst im Nachgang habe ich auf den Aufnahmen gesehen, dass Lisa gar nicht gerufen hat. Das Stadion ist einfach unfassbar laut gewesen. Allein vor dem Start, als die ganze Zeit "Allez les Bleus" gerufen wurde. Da war eine unfassbare Lautstärke. In dem Moment, als ich losgelaufen bin und Lisa angerauscht kam, war es so laut, dass ich mir nicht sicher war, ob ich sie überhaupt hören kann. Ich habe intuitiv den Arm ausgestreckt. Man muss aber dazu sagen: Wir rennen seit 2014 zusammen in der Staffel. Wir sind schon in der Jugend zusammen Staffel gelaufen. Diesen Wechsel haben wir über all die Jahre sehr häufig gemacht. Wenn man sich so gut kennt und weiß, wie dieser Wechsel abläuft, dann kriegt man ein Gespür, eine Intuition dafür. Es hat wirklich top gepasst.
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Lückenkemper im Eurosport-Interview: "Komplett next level"
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Sie hat wirklich nicht gerufen oder musste sie nicht rufen?
Lückenkemper: Sie hat nicht gerufen und sie musste auch nicht rufen. Ich glaube, sie wollte gerade zum Rufen ansetzen, aber in dem Moment kam mein Arm schon raus. Lisa und ich, wir sind derselbe Jahrgang. Mit Rebekka Haase und Alexandra Burghardt renne ich zum Beispiel seit 2015 Staffel. Sie sind ein paar Jährchen älter als Lisa und ich. Ich bin seit 2015 in der Frauen-Nationalmannschaft. Von daher sind das Wechsel, die man über die Jahre hinweg häufig gemacht hat. Wir haben nicht immer in den gleichen Konstellationen gewechselt, sondern da sind auch immer Unterschiede mit dabei gewesen. 2015 ist Rebekka zum Beispiel bei der WM den Start gelaufen. Wenn man sich so lange kennt, hat man ein ganz anderes Vertrauen ineinander.
Die 10er-Zeiten waren schon immer krass in der Kurve. Die waren schon immer saustark. Aber das war next level.
Du bist in dem Rennen fliegend unheimlich schnell gewesen. Hast Du der Zeit geglaubt, als Du sie gesehen hast?
Lückenkemper: Ja, weil ich auf den Geraden schon schneller gerannt bin. Es war mein persönlicher Traum, es zu schaffen, in der Kurve unter 10,0 zu laufen. Bisher bin ich 10,02 oder 10,06 in der Kurve gelaufen. Auf der Geraden bin ich auf Position vier schon eine 9,83 gelaufen. Auf Position zwei bin ich 2018 in Berlin bei den Europameisterschaften eine 9,86 gelaufen. Dass es möglich ist, auch als Frau über 100 m unter 10 Sekunden zu laufen, fliegend, das ist so.
Aber trotzdem schockt die Zeit, wenn man die so liest.
Lückenkemper: Also mich schockt es nicht.
Du bist Vollprofi, aber für einen Leichtathletik-Fan klingt das schon krass.
Lückenkemper: Ja, es ist auf jeden Fall krass. Soweit ich weiß, hat es noch keine Deutsche geschafft, unter 10,00 zu laufen. Die 10er-Zeiten waren schon immer krass in der Kurve. Die waren schon immer saustark. Aber das war next level. Es macht mich stolz, dass ich in der Lage war, in dem Moment abzuliefern und so zu performen.
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Das muss ein unheimlicher Boost fürs Selbstvertrauen gewesen sein.
Lückenkemper: Ich habe ja schon lange gesagt, dass da was Großes in den Beinen schlummert. Ich habe es leider im Einzel nicht geschafft, das Ganze auf die Bahn zu bringen. Es fällt mir immer schon leichter, in der Staffel zu performen, weil es nicht um mich, sondern um das Team geht.
Der Teamspirit beflügelt Dich?
Lückenkemper: Das gibt mir noch mal einen extra Kick, einen extra Push. Ich kann mich, wenn es um eine Teamleistung geht, noch mal anders zusammenreißen oder mich da anders auf die Bahn stellen. Auch wenn ich eigentlich nicht mehr wirklich kann. Aber wenn es ums Team geht, dann bin ich voll da und kann Kräfte mobilisieren, von denen ich vorher nicht wusste, dass die da waren.
Woher kommt dieses Teamgefühl?
Lückenkemper: Es hängt, glaube ich, davon ab, was man für ein Team auf der Bahn stehen hat. Mir macht Staffellaufen unfassbar viel Spaß. Ich genieße das sehr, dass es der einzige Wettkampf ist, den wir in der Leichtathletik haben, in dem es ein bisschen Teamfeeling gibt und in dem wir Teamplayer sein müssen. Mir bereitet das Freude, mit den Mädels gemeinsam auf der Bahn zu stehen und eine 4x100-Meter-Staffel zu laufen.
Ich bin nach wie vor nicht der Mensch, der sich über persönliche Bestleistungen definieren möchte. Auch jetzt nicht, wenn ich eine neue persönliche Bestleistung gelaufen bin.
Beim ISTAF in Berlin bist Du eine persönliche Bestzeit gelaufen mit 10,93 Sekunden. Hattest du von Olympia einen mentalen Boost?
Lückenkemper: Nein. Das hat nichts miteinander zu tun. Ich bin davor einen anderen Wettkampf gelaufen, bin 11,16 s gerannt. Von daher sind das zwei völlig unabhängig voneinander stehende Wettkämpfe gewesen. Ich habe es einfach beim ISTAF geschafft, die Zeit auf die Bahn zu bringen, von der mein Coach und ich wussten, dass ich sie rennen kann. Das musste einfach nur auf die Bahn gebracht werden.
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Also aus der normalen Arbeit heraus. War das der Ausreißer nach oben?
Lückenkemper: Ja, genau, das war der Ausreißer nach oben, der in diesem Jahr die Richtung vorgegeben hat. Oder auch einfach gezeigt hat, welches Potenzial in mir steckt. Ich bin nach wie vor nicht der Mensch, der sich über persönliche Bestleistungen definieren möchte. Auch jetzt nicht, wenn ich eine neue persönliche Bestleistung gelaufen bin. Das zeigt nur das Potenzial eines Athleten. Entscheidend ist der Top-10-Schnitt. Den konnte ich mit einer so krassen Zeit ordentlich nach unten drücken. Mich freut, dass ich es geschafft habe, meinen Top-10-Schnitt auf 100 m unter 11 Sekunden zu drücken. Damit kann ich mich offiziell als Sub-11-Sprinterin bezeichnen.
Wie geht es weiter?
Lückenkemper: In naher Zukunft wird erst einmal ein bisschen entspannt und die Beine werden hochgelegt nach dieser langen und anstrengenden Saison. Für uns ging es im Mai los mit den World Relays. Wir hatten Europameisterschaften, Deutsche Meisterschaften und die Olympischen Spiele. Danach bin ich noch Anfang September beim ISTAF mitgelaufen. Das zehrt an den Kräften. Im nächsten Jahr stehen ab Mitte September die Weltmeisterschaften in Tokio an. Das ist das nächste übergeordnete Ziel. Dadurch, dass die WM so spät ist, wird die Saison wieder lang und kräftezehrend. Deswegen ruhe ich mich jetzt aus, bevor wir im kommenden Jahr anständig angreifen werden.
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