Hand aufs Herz. Trifft uns alle das jetzt in Deutschland in Mark und Bein, dass wir wissen, 2032 werden die Olympischen Spiele nicht in Nordrhein-Westfalen stattfinden? Wollten wir sie überhaupt? Die erste Frage ist mit einem klaren nein zu beantworten. Wir haben im Moment größere Sorgen als Olympia in ferner Zukunft.
Und die zweite Frage ist schwer zu beantworten, weil ja noch keine Bürgerbefragung stattgefunden hat. Aber wieso kommt überhaupt das Thema Olympische Spiele jetzt auf den Tisch?
Ganz einfach. Der Sportmanager Michael Mronz hat den neuen CDU-Vorsitzenden und Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen Armin Laschet die Spiele in seinem Bundesland so schmackhaft gemacht, dass dieser schon dachte, es sei ja wohl unumgänglich, dass er den Zuschlag bekommt vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC), wenn denn dereinst die Abstimmung darüber stattfinden sollte. In ein paar Jahren.
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Laschet ist in diesem Fall die Ahnungslosigkeit in Person und der Spielball des cleveren Mronz, der ja nicht aus Liebe zur Rhein-Ruhr-Region dieses Projekt ins Leben gerufen hat. Es ist eine reine Privatinitiative, die Mronz auf Jahre hinaus ein sicheres Einkommen beschert hätte als Mann an der Spitze der Bewerbung.
Dass die Deutungshoheit in dieser Angelegenheit beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) liegt und dessen Vorsitzenden Alfons Hörmann, hat Mronz nicht tangiert. Und Laschet war da wohl nicht im Bilde. Der outete sich nur als glühender Verfechter dieser Idee Rhein-Ruhr 2032 und sah sich wohl schon als Bundeskanzler auf der VIP-Tribüne bei der Eröffnungsfeier. Frisch geimpft und Corona frei.

Brisbane steht auch ohne Wahl fest

Jetzt wird nichts draus, weil der Präsident des IOC, Thomas Bach, die australische Stadt Brisbane als bevorzugten Gesprächspartner für die Spiele 2032 sieht. Offiziell ist da ja noch nichts. Aber diese Terminologie ist nichts anderes wie eine verklausulierte Zusage an Brisbane.
Aus Sicht von Bach ist das clever, denn ab sofort kann er mit Sponsoren und TV-Anstalten weiterverhandeln. Es war ja schon geschickt von ihm, die beiden nächsten Sommerspiele in Paris 2024 und Los Angeles 2028 in eine Bewerbung zu packen. Und jetzt kommt noch Brisbane hinzu mit dem wunderbaren Zusatz, dass sich die angeblich vielen anderen Bewerberstädten jetzt viele Kosten sparen könnten.
Laschet hätte jede Kriegskasse geöffnet und Michael Mronz alle Wünsche erfüllt, wenn er nur die Spiele bekommen hätte. Jetzt ist der Ministerpräsident beleidigt. Wie es sein könne, dass diese tolle Bewerbung so gar nicht beachtet wurde, scheint er zu fragen.
Der deutsche IOC-Präsident ist, das wusste Laschet sicher nicht, Mronz aber schon, kein Freund deutscher Bewerbungen. Die deutschen Bürger stehen der Olympischen Bewegung nämlich extrem skeptisch gegenüber und haben schon mehrmals ein mögliches Engagement verhindert. Zuletzt in Hamburg und in München. Das Risiko einer neuerlichen Schlappe wollte Bach aus dem Weg gehen, weshalb Rhein-Ruhr-Spiele sowieso nicht im Favoritenkreis von Bach gestanden hätten.

Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, bei einer Infoveranstaltung für die Olympia-Bewerbung der "Rhein-Ruhr-City". Dieser Traum ist nun erstmal geplatzt

Fotocredit: Getty Images

DOSB wurde von allen Seiten brüskiert

Alfons Hörmann hingegen, der Präsident des DOSB, hat sich in allen Punkten korrekt verhalten. Er wurde kaum involviert in die Ideen von Laschet und Mronz, obwohl eine Bewerbung nur über seinen Tisch laufen dürfte. Beide mussten wissen, dass Hörmann zum einen korrekt arbeitet und dass sein Verhältnis zu Thomas Bach auch nicht frei von Problemen ist.
Alfons Hörmann hatte einen klaren Zeitplan vor Augen, den man aus der Vergangenheit kennt. Für Eile bestand keine Notwendigkeit. Dass Bach das übliche Prozedere in einem Handstreich über den Haufen werfen würde, konnte niemand wissen, auch Hörmann nicht.
Für Bach ist das eine kleine Sache. Er hat dafür die Sommerspiele weit über den üblichen Zeitraum gesichert. Und der private Klub Laschet-Mronz hat mithin nicht mal die erste Stufe einer wie immer gearteten Bewerbung für Olympische Spiele starten können.
Die verschlungenen Pfade im Funktionärswesen des internationalen Sportgetriebes sind ein Dickicht, das nur wenige durchschauen. Das große Netzwerk des Michael Mronz ist letztlich doch nur ein kleines. Die große Spinne in Lausanne hat es mit einem Biss zerstört.
Und, sind wir jetzt traurig? Eher nicht. Denn olympische Spiele sind, wie gesagt, derzeit eigentlich nicht in unserem Fokus. Der Einzige, der gerade eine Packung Tachentücher pro Nacht verbraucht, ist Armin Laschet. Ihm hat der ehemalige Fechter Thomas Bach gerade eine schmerzhafte Lektion verabreicht nach dem Motto: Laschet, lass das träumen.

Zur Person Sigi Heinrich:

Der renommierte Sportjournalist, Buchautor und vielfach ausgezeichnete Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich widmet sind in seinen Blogs der gesamten Vielfalt des Sports inklusive der komplizierten Mechanismen der Sportpolitik. Mal sehr ernsthaft, mal mit einem verschmitzten Augenzwinkern und manchmal auch bewusst provozierend. Es soll ja für alle was dabei sein.
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