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Sigi-Heinrich-Blog: Der "Kannibale“ Ole Einar Björndalen ist zahnlos geworden

Heinrich-Blog: "Kannibale“ Björndalen ist zahnlos geworden

11/01/2018 um 13:41Aktualisiert 03/02/2018 um 00:34

Ole Einar Bjørndalen hat die Qualifikationsnorm für die Olympischen Spiele in PyeongChang verpasst. Der norwegische Sportchef der Biathleten kündigte bereits an, dass der 43-Jährige trotz seiner erfolgreichen Vergangenheit keinen Freifahrtschein bekommen wird. Das Karriereende von Bjørndalen steht im Raum - es wäre ein unwürdiges Ende für einen so großen Sportsmann, findet Sigi Heinrich.

Martin Fourcade hatte gewonnen, sein großer Rivale Johannes Thingnes Bø wurde Dritter. Beide sicherten sich gemeinsam die kleine Kristallkugel für den Gewinn der Wertung im Einzelwettkampf (108 Punkte für jeweils einen Sieg und einen dritten Platz).

Ein junger Deutscher aus dem Schwarzwald, Roman Rees, rettete mit der letzten Startnummer 108 und einem vierten Platz die Ehre der deutschen Biathleten. Und doch waren sie alle nur Nebendarsteller an einem Tag, an dem der Vorhang wohl fiel für den besten und größten Biathleten aller Zeiten: Ole Einar Bjørndalen.

Um seine Verdienste und seine Erfolge zu würdigen, sollen zunächst Zahlen genügen, die seine Einzigartigkeit unterstreichen. Er gewann sechsmal den Gesamt-Weltcup, holte 20 WM-Titel und insgesamt 43 WM-Medaillen. Dazu kommen 13 Medaillen bei Olympischen Spielen. Bislang unübertroffen und wohl nur Martin Fourcade, wenn er noch zehn Jahre laufen würde, könnte diese einmalige Statistik eines fernen Tages noch toppen.

Die Suche nach dem perfekten Rennen

Doch die Liste der Erfolge ist nur eine Seite. Dahinter steht der Perfektionist Bjørndalen, der vermutlich mehr als jeder andere seiner Konkurrenten, sein Leben dem Sport untergeordnet hat. Stets auf der Suche nach dem ultimativen Kick, nach dem Rennen, das ihn gänzlich zufrieden stellt und komplett in Glückshormone einhüllt. Vermutlich hat es diese Vorstellung nie gegeben, denn er suchte immer weiter und weiter bis zum gestrigen Tag, der das Ende seiner Karriere bedeuten könnte.

Ausgerechnet in Ruhpolding, wo er vor genau einem Vierteljahrhundert (!) dreimal Juniorenweltmeister wurde (1993) verfehlte er beim Einzelrennen sein letztes Ziel. Er hätte mindestens Sechster werden müssen, um sich noch ins Team der Norweger für die Olympischen Spiele zu schieben. Um sein erklärtes Ziel für diese Saison zu erreichen. Die Teilnahme an seinen siebten Spielen. Oder Zehnter etwa, um beim Massenstart am kommenden Sonntag noch eine Qualifikationschance zu haben.

Bis zur Halbzeit, bis zum 13. Schuss lag er noch auf Kurs. Dann kamen zwei Schießfehler. Später noch einer. Drei Strafminuten beraubten ihn aller Chancen, zumal er nicht mehr in der Lage ist, in der Loipe wie früher Fehler am Schießstand zu kompensieren. Der "Kannibale“, wie man ihn ob seiner Unersättlichkeit, seiner schieren Gier nach Siegen und Erfolgen gerne nannte, ist zahnlos geworden.

Bjørndalen mit 575 Weltcuprennen

Die Jahre fordern ihren Tribut. Er ist jetzt 44 Jahre alt. Und er ist eben seit 25 Jahren im Geschäft. Alleine die Vorstellung, wie viele Trainingskilometer er absolviert haben muss, lässt einen erschauern. Dazu die Wettkampfhäufigkeit. Ruhpolding, möglicherweise sein letzter Wettkampf, war das Weltcuprennen Nummer 575. Fünfhundertfünfundsiebzig. Kaum begreifbar. Schier unvorstellbar.

Die Fans in Ruhpolding verstanden die Geschichte und die Dramatik dahinter. Sie feuerten ihn an. Ole Einar Bjørndalen. Ein Idol nicht nur im Biathlon. Eine Persönlichkeit, weit über die norwegischen Grenzen hinaus. Er hat mit seiner kompromisslosen Art neue Grenzen erschlossen, Biathlon auf ein neues, bis dahin unbekanntes Niveau gehoben. Er hat Generationen von Konkurrenten überlebt und sich immer wieder neuen Herausforderungen gestellt.

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Video - Die 10 größten Olympia-Momente Norwegens: Björndalen, Björgen, Eis-Asse

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Zuletzt musste er sein Leben neu ordnen. Er gründete mit Darya Domracheva eine Familie. Töchterchen Xenia ist jetzt ein Mittelpunkt in seinem Leben. Er hat versucht, auch diese Konstellation mit gewohnter Akribie zu meistern, alles einzubinden und seinem Sport unterzuordnen.

Es ist ihm noch einmal gelungen. Letztes Jahr wurde er Dritter im Sprint bei der Weltmeisterschaft in Hochfilzen und nährte damit den Ruf, dass ein Bjørndalen immer noch eine Karte im Ärmel hat.

Sechs Norweger liegen vor Bjørndalen

Doch die gnadenlosen Gesetze des Spitzensports schonen auch ihn nicht. Sechs Norweger liegen in der Weltrangliste vor ihm. Und schon vor ein paar Tagen machte die norwegische Führung klar, dass er nicht in der Staffel am Wochenende laufen würde. Unabhängig vom Ergebnis des 20km-Wettkampfes.

Arne Botnan, der norwegische Sportchef der Biathleten, machte zudem klar, dass es keinen Freibrief für Bjørndalen gäbe. Am 15. Januar nominiert Norwegen seine Athleten. Bis dahin gibt es keinen Wettkampf mehr für ihn. Er hat die Qualifikationsnormen verfehlt.

Die Zeit ist ein übermächtiger Gegner

Egal, ob er in Oslo noch ein Abschiedsrennen gibt oder, wer weiß, doch noch ein oder zwei Jahre weiter machen wird: Die olympische Geschichte schließt sich wohl für Bjørndalen. Ein bisschen Wehmut ist dabei, auch weil eine unvergleichliche Karriere ein gar stilles, ja fast unwürdiges Ende finden würde. Aber auch das hat er wohl einkalkuliert und nichts unversucht gelassen, der Zeit ein Schnippchen zu schlagen.

Doch dieser Gegner war und ist übermächtig.

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