Irgendwann wurde es Thomas Bach zu viel. All die Komplimente, all die Huldigungen, die den IOC-Präsidenten aus der ganzen Welt erreichten, trieben ihm noch vor seiner Wiederwahl die Tränen in die Augen. Bach bat "um einen kurzen Moment", schluckte schwer und fand die Fassung wieder. Hatte er mit so viel Liebe gerechnet? Die Bestätigung für weitere vier Jahre an der Spitze des Weltsports war in Ermangelung eines Gegenkandidaten ja Formsache gewesen - die Loblieder bewegten den abgebrühten Sportfunktionär dagegen sehr.
"Für mich ist es wirklich überwältigend, vor allem, wenn ich daran denke, wie zahlreich die Reformen und wie schwer die Entscheidungen waren", sagte Bach und regte an, das olympische Motto zu erweitern: Es soll nun in Anbetracht der Corona-Pandemie "Höher, schneller, stärker - gemeinsam" heißen.
Von den Mitgliedern des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) stimmten 93 für eine zweite Amtszeit des Tauberbischofsheimers, bei einer Nein-Stimme und vier Enthaltungen. Schon die Wortbeiträge hatten verdeutlicht, wie sehr die Delegierten der 137. IOC-Session Bach verehren, manche Hymne erinnerte gar an einen Personenkult. Bach (67) verfolgte die Lobpreisungen aus der Kommandozentrale in Lausanne, vor ihm eine Wand mit Bildschirmen, auf denen die IOC-Mitglieder zugeschaltet waren.
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Seine Ausnahmestellung hat sich Bach mit dem Aufbau einer Hausmacht erarbeitet. Über 50 Mitglieder wurden ernannt, seitdem er das Sagen hat. Auch während Bachs Krönungsmesse war keine Kritik zu hören, Anerkennung umso mehr. "Sie haben alle Probleme gelöst" oder "Sie haben die olympische Ehre gerettet", lauteten Kommentare.
Schon als Bach im Sommer 2020 seine Kandidatur verkündet hatte, brach in der Vollversammlung ein Jubelsturm aus. Auch am Mittwoch wurde dick aufgetragen. "Sie sehen frisch, ausgeruht und ganz toll aus", schmeichelte Samira Asghari aus Afghanistan, mit 26 Jahren das jüngste IOC-Mitglied, ihrem Präsidenten. Auch die großen Verbände verliehen ihrer Hoffnung Ausdruck, dass Bach mit seinem diplomatischem Geschick und seinen Kontakten zur G20 dafür sorgt, dass die Sommerspiele in Tokio (23. Juli bis 8. August) stattfinden können.
Nicht alle nahmen dem IOC die Inszenierung ab. Die Sportausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag kritisierte die "großen und hehren Worte" und bezweifelte, "dass Bach in den verbleibenden vier Jahren die wirklich kritischen Themen anpackt. Taktieren gehört zu seinem Geschäft."
Bach warb für den Kurs des IOC, "mit voller Kraft" daran zu arbeiten, die Spiele zu einem "Manifest der Sicherheit für Frieden, Solidarität und Widerstand im Kampf gegen die Pandemie" zu machen. Wie "olympische Athleten" werden er und seine Mitstreiter gegen das Corona-Virus kämpfen, sagte Bach und fügte hinzu: "Wir haben keinen Grund, daran zu zweifeln, dass die Eröffnungszeremonie am 23. Juli in Tokio stattfinden wird."
Im September 2013 hatte Bach auf der IOC-Session in Buenos Aires das oberste Funktionärsamt im Weltsport übernommen und die Nachfolge von Jacques Rogge (Belgien) angetreten. Der Fecht-Olympiasieger von Montreal 1976 ist der erste deutsche und der insgesamt neunte Präsident in der Geschichte des IOC seit 1894. Bachs Wiederwahl war in Athen geplant gewesen, die Corona-Pandemie zwang die Versammlung in den digitalen Raum.
Die Sicherung der Spiele im Sommer 2021 und darüber hinaus ist Bachs große Aufgabe, die er mit seiner Agenda 2020 verfolgt. Dazu tragen auch seine milliardenschweren Verträge bei, die er mit den TV-Partnern und Sponsoren abgeschlossen hat. 88 Prozent der Ziele der Agenda seien erreicht. Sagt das Bach treu ergebene Exekutivkomitee, die Regierung des IOC.
Kritisch wird Bach hingegen von Athletinnen und Athleten gesehen - nicht zuletzt in seiner Heimat. Sie fordern mehr Mitsprache, eine Begrenzung der Machtfülle, die das IOC und sein Präsident in Fragen der Olympischen Spiele besitzen, und ein Bekenntnis zu Menschenrechten. "Die Reformen, die er bereits zu Beginn seiner letzten Amtszeit angekündigt hat, müssen sich jetzt in Ergebnissen wiederfinden", sagt Johannes Herber, Geschäftsführer der Athleten Deutschland.
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(SID)

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