Der weiße Kenianer
Immer wieder wird ja gefragt, warum eigentlich die Afrikaner im Ausdauersport Radsport nicht so abräumen wie in der Leichtathletik. Das hat viele Gründe, auf die ich hier gar nicht groß eingehen kann - jedem seien aber die wenigen Übertragungen der Tour du Faso oder der Tropicale Amissa Bongo ans Herz gelegt, die es auch bei Eurosport hin und wieder gibt.
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Aber gestern war immerhin, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Etappensieg für Afrika. Formal nicht ganz, denn Chris Froome fährt ja inzwischen unter der Fahne seiner britischen Majestät, doch seine Wurzeln liegen in Kenia. Geboren in Nairobi "war das Rad mein erstes Transportmittel", erzählt der 27-Jährige, "ich bin damit überall hin gefahren - ich habe praktisch auf meinem Rad gelebt!"
WM-Starts für Kenia
Soweit ähnelt die Geschichte doch schon mal der klassischen Läufer-Biografie aus Ostafrika, von wegen Schulweg im Laufschritt etc. Und auch vom Körperbau passt der große, extrem schlanke Froome ins Raster. Dass man sein Rad auch als Sportgerät benutzen könnte, wurde ihm erst mit 15 Jahren bewusst.
Da wechselte er auf eine Schule in Südafrika "und ab da wurde es langsam ernster", erinnert er sich: Nach Anfängen auf dem Mountainbike arbeitete er sich durch die Amateurränge nach oben, wurde vom World Cycling Center in Aigle unterstützt und startete für Kenia bei der Nachwuchs-WM 2006 und 2007.
Der Südafrikaner Robbie Hunter, erster afrikanischer Tour-Etappensieger 2007, kannte Froome aus seiner Heimat und brachte ihn mit dem Team Barloworld in Kontakt.
Fast wäre er dann auch gleich der erste Tour-Teilnehmer aus Schwarzafrika geworden, doch wenige Monate vor seinem Debüt bei der "grande boucle" 2008 in Brest wechselte er zum britischen Verband - den Pass des Vereinigten Königreichs hatte er aufgrund seiner englischen Wurzeln schon immer mit in der Tasche. Die Tour-Datenbank führt ihn aber weiter auch heute noch als Kenianer...
"Meine Wurzeln sind in Kenia, aber ich bin nicht der erste Kenianer bei der Tour. Sagen wir so: Ich bin der erste Fahrer aus Kenia, der die Tour fährt," meinte er seinerzeit. Besonders aufgefallen ist mir der Fahrer mit der Nummer 57 damals zugegebener Maßen nicht. Immerhin stürzte er aber auch nicht wie Teamkollege John Lee Augustyn fast vom höchsten Gipfel der Tour-Geschichte ins Tal. Seine Klasse deutete sich nur im letzten langen Zeitfahren an, als er Platz 14 mit 2:39 Minuten Rückstand auf Fabian Cancellara belegte.
Parasiten & Podium
Als Barloworld keinen neuen Sponsor fand, hatte Froome das Glück des neuen richtigen Passes: Das noch junge Team Sky hatte Bedarf an hoffnungsvollen britischen Fahrern und Froome bekam eine Chance - ohne besonders für Highlights zu sorgen.
Im Gegenteil, eine heimtückische Parasiten-Krankheit, die er sich bei einem Kenia-Aufenthalt geholt hatte, machte ihm massiv zu schaffen. Wieder hergestellt, gab ihm Sky bei der Vuelta 2011 eine Bewährungschance - und die nutzte er grandios: Als Edelhelfer von Wiggins fuhr er so stark, dass am Ende die Kapitänsrolle auf ihn überging und er letztlich den Gesamtsieg nur um 13 Sekunden verpasste. Hätte die Teamleitung schon früher ganz auf ihn gesetzt, er hätte fast sicher in Madrid ganz oben gestanden.
Doch Froome blieb und bleibt seiner Helferrolle treu - noch. Er entschied sich, seinen Vertrag bei Sky zu verlängern, anstelle anderswo als Kapitän zu fahren. Ein weiser Entschluss, denn ein Krankheits-Rückfall im Frühjahr warf ihn weit zurück. Doch so konnte er sich ohne Druck an Wiggins' Seite auf Teneriffa mit zahllosen Trainingseinheiten am Teide vorberieten und bei der Dauphiné ein grandioses Comeback als Gesamt-Vierter feiern.
Wenn die Form der beiden Sky-Asse hält, könnten sie wie in Madrid gemeinsam auf dem Podium stehen - und dann nicht "nur" auf den Plätzen zwei und drei. Doch eines sei klar, so Froome: "Bradley ist der Leader, nicht ich - zumindest nicht dieses Jahr."
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