"Das ist das größte Risiko für Florian Lipowitz": Rolf Aldag exklusiv über den deutschen Tour-Star und Tadej Pogacar
Rolf Aldag spricht im Exklusiv-Interview über Florian Lipowitz, der unter seiner Leitung aufs Podium der Tour de France kletterte, dessen Optionen in der neuen Saison und die Doppelspitze mit Remco Evenepoel. Außerdem zieht der Ex-Teamchef von Red Bull-Bora-hansgrohe im Eurosport-Gespräch den Hut vor Tadej Pogacar und würdigt dessen "unglaubliche menschliche Größe" in einer ganz besonderen Szene.
Aldag zum Erwartungsdruck auf Lipowitz: "Birgt gewisse Risiken"
Quelle: Eurosport
Von den ersten Renneinsätzen als Stagaire im August 2022 bis aufs Podium der Tour de France im Juli 2025 hat Rolf Aldag die Karriere von Florian Lipowitz engstens begleitet.
Nun spricht der Insider bei Eurosport.de über den Weg seines Schützlings in die absolute Weltspitze und blickt auf Chancen und Risiken von dessen Entwicklung in der neuen Saison.
Außerdem verrät der 57-Jährige, mit welchem anderen deutschen Profi er 2026 ganz speziell mitfiebert, wessen Comeback ihn besonders bewegt hat welche Aktion von Pogacar ihn emotional werden ließ.
Es war ein wildes Jahr für dich und für den Radsport. Wenn wir uns zwölf Monate zurückversetzen: Hättest du beim vergangenen Weihnachten geglaubt, dass im Sommer 2025 ein Deutscher unter deiner Regie aufs Tour-Podium fährt?
Rolf Aldag: Ich glaube, das wäre sehr optimistisch gewesen. Die Entwicklung von Florian hat man natürlich gesehen und dass viel Talent in ihm steckt. Schon beim Scouting hat unser Chefcoach Dan Lorang damals unglaublich viel von ihm gehalten und sein Trainer John Wakefield steht auch fest hinter Lipowitz. Aber das Podium bei der Tour de France? Ich glaube, der Druck wäre so immens gewesen, das überhaupt nur auszusprechen! Das wäre keine gute Idee gewesen. Das erste Mal damit geliebäugelt haben wir wirklich erst nach der Dauphiné im Juni.
Genau darauf war ja seine Saisonplanung ausgerichtet gewesen. Rückblickend fragt man sich: Was wäre gewesen, wenn sein Formaufbau von Anfang an auf die Tour als Höhepunkt ausgerichtet gewesen wäre - wie viel mehr hätte er dann dort erreichen können?
Aldag: Diese Diskussion hatten wir vorher natürlich auch mit dem Trainerstab. Die haben gesagt: Er kann die Tour auch dann bis zum Ende durchhalten, wenn er seinen Peak bei der Dauphiné hat. Wakefield war sich sogar sicher - und Respekt dafür - dass Florian unter den Gegebenheiten sicher in die Top fünf fährt und vielleicht sogar in die Top drei. Aber mehr war zu der Zeit nicht planbar. Und ich glaube, für ihn war es auch sehr, sehr wichtig, überhaupt erst mal zu verstehen und zu lernen, dass er mit der Weltspitze mitfahren kann. Also diese Bestätigung zu bekommen, dass Paris - Nizza kein Ausrutscher war, dass die Baskenland-Rundfahrt, da noch mit Pech und Radwechsel, kein Ausrutscher war. Denn bei der Dauphiné im Kopf diese Selbstsicherheit zu bekommen - das war wichtig.
Wenn er mit dieser neuen Selbstsicherheit jetzt in eine neue Saison geht - wie viel bringt ihm dies noch mal und wie viel generelles Steigerungspotenzial bringt er noch mit?
Aldag: Das Problem ist, dass die Lücke nach oben relativ groß ist. Eine Verbesserung um ein Prozent wird eben nicht reichen, um Tadej Pogacar zu schlagen. Die Erwartungen an Florian werden jetzt ganz andere sein. Wir haben das schon oft gesehen - und ich hoffe, das passiert nicht - dass Leute zu viel denken und zu viel Kopfkino bekommen. Die Erwartungen, die jetzt von außen herangetragen werden, die auch im Team und durch den Konzern als Sponsor entstehen, muss man erstmal aushalten können. Das wirkt auch gewisse Risiken. Aber Florian ruht eigentlich sehr in sich und hat ein starkes Umfeld. Das Entwicklungspotenzial ist da. Nur ist die Lücke zu Pogacar so groß, dass wir sehr, sehr vorsichtig sein sollten in Deutschland zu sagen: Der nächste logische Schritt ist: Wir fahren um den Toursieg.
Der kleinere Schritt wäre, erstmal Richtung Platz zwei zu schauen: Ist das mit deiner Erfahrung und deinem Insiderwissen über ihn denkbar?
Aldag: Da sprechen wir über ein direktes Duell mit Jonas Vingegaard. Da ist er nicht so weit weg. Vielleicht wäre das ein gutes Zwischenziel. Am Ende ist es nicht super relevant, ob du Zweiter oder Dritter wirst, wenn man ehrlich ist. Da ändert sich nur die Seite, an der du auf dem Podium in Paris stehst. Für einen selbst ist es natürlich so: Gewinnen steht über allem. Dazu kommt, dass die Fallhöhe für Florian auch sehr, sehr hoch ist. Er war eben schon Dritter, er hat das Weiße Trikot gewonnen. Platz zwei oder drei ist längst nicht so ein Unterschied wie Platz drei oder vier. Als Vierter gibt es keine Blumen mehr und man taucht auf keinem Bild mehr auf.
Wie schätzt du ihn von seiner Persönlichkeit her ein? Es ging bis jetzt fast immer nur hoch - und es ging sehr weit hoch und sehr schnell. Ist Lipowitz jemand, der mit einem möglichen Rückschlag, der wahrscheinlich ganz normal wäre, gut umgehen kann?
Aldag: Ja! Ich glaube, Florian ist hartes Arbeiten gewöhnt und ich glaube, es ist ihm sehr bewusst, dass er nur durch harte Arbeit zum Erfolg kommt. Das Talent ist nicht einfach so gottgegeben, dass man sagen könnte: Ich mache alles falsch und fahre trotzdem vorne mit. Deshalb glaube ich auch, dass ihn Rückschläge oder mal ein Moment der Stagnation nicht aus der Bahn werfen. Was ihn vielleicht irritiert, ist die vielleicht sogar überspitzte Aufmerksamkeit, die er durch Platz drei in der Tour erhalten hat: Ich hoffe, dass er das gut meistert durch ein bisschen Entspanntheit, vielleicht auch durch etwas Training mit der Presseabteilung im Team. Die kann ihm vielleicht ein paar Tools mitgeben und sagen: "Ey, lass dich dadurch nicht stressen - sei der Florian, der du immer warst." Er ist von Natur aus sicherlich nicht so der Sunnyboy-Star, der sich noch nebenher für eine Fernsehserie bewerben will, weil er einfach die Öffentlichkeit liebt. Das ist Florian nicht, und dieser Rummel ist das größte Risiko für seine Entwicklung - neben Verletzungen.
Stichwort Siege: Wie könnte man das angehen für Lipowitz, damit zu den vielen Topplätzen bei Rundfahrten auch mal ein erster Platz kommt? Eine konkrete Option hätte z.B. sein können, ihn 2026 als Kapitän zum Giro d'Italia zu schicken: Den hat noch nie ein Deutscher gewonnen ...
Aldag: Das ist ein berechtigter Punkt. Die Tour überstrahlt eben alles, gerade bei den Superteams mit ihren Investoren und deren Erwartungen: Würde man da dieses Risiko eingehen zu sagen, man tauscht einen Giro-Sieg und ist dafür bei der Tour unsichtbar? Das glaube ich einfach nicht. Die Tour ist das, was letztendlich im Radsport zählt, da müssen und wollen die Teams präsent sein. Aber der Gedanke ist absolut legitim, Florian "zum Sieger zu erziehen" bevor wir mit der Idee kommen, mit ihm die Tour zu gewinnen. Es steht nur vielleicht ein bisschen die Erwartungshaltung der Investoren im Weg.
Voller Fokus also auf die Tour mit Lipowitz und Remco Evenepoel als "Wingmen", wie es das Team gezeichnet hat. Sind beide im Ernstfall dann Teamplayer genug, wenn es wirklich hart auf hart geht? Du hast solche Situationen als Sportlicher Leiter wie als aktiver Profi oft genug erlebt ...
Aldag: Ich glaube, dieses Miteinander wird fast ein bisschen überbewertet - außer es geht um den Sieg, dann muss der eine den anderen wirklich unterstützen. Doch im Moment ist das realistische Szenario anders, nämlich: Alle fahren so lange mit, wie sie mit Tadej mitfahren können und entsprechen wird man Zweiter, Dritter, Vierter oder Fünfter. Darum ist diese Doppelspitze einfach wie eine Art Versicherung aufs Podium der Tour. Wenn man beide mitnimmt ist die Chance viel größer, dass zumindest einer in Paris mit oben steht. Denn wenn Pogacar so weiterfährt, wie er gefahren ist, wenn er sich sogar noch weiter entwickeln kann, dann müssen wir ehrlich sein: Da gibt es keinen Weg an ihm vorbei. Ich sehe keine theoretische Chance, auch nicht mit abwechselnden Attacken, weil auch die Mannschaft von Tadej einfach zu stark ist, als dass man ihn wirklich isolieren könnte.
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Migels zu Lipowitz' Perspektiven: Das ändert sich mit Evenepoel
Quelle: Eurosport
Ist das der Unterschied etwa zur Tour 2022, als Vingegaard und Primoz Roglic als Teamkollegen Pogacar auf der Etappe zum Col du Granon mit abwechselnden Attacken knacken konnten?
Aldag: Da hat er aber auch mindestens fünf Fehler auf einmal gemacht. Er hätte natürlich Roglic fahren lassen können, weil er wusste, der fährt sowieso zu dem Zeitpunkt nirgendwohin, de rist viel zu weit hinten in der Gesamtwertung. Pogacar ist also taktisch besser geworden, er ist nochmal stärker geworden, er ist cooler geworden. Auch seine Routinen, Stichwort Ernährung, sind viel stabiler geworden. Dieser "jugendliche Leichtsinn", den er taktisch immer noch hat - da ist er viel disziplinierter geworden. Sein Team ist zudem auch viel stärker geworden, das heißt, er wäre nicht alleine in so einer Situation. Man kann natürlich immer auf Fehler hoffen, aber wenn alles normal läuft, dürfte er der Beste sein.
Was viele Fans an Pogacar so begeistert, ist sein Blick über die Tour hinaus. Wie schätzt Du seine Chancen auf den Sieg bei den beiden Radsport-Monumenten ein, die ihm noch fehlen mit Paris - Roubaix und Mailand - Sanremo?
Aldag: Gegen Mathieu van der Poel wird es bei den Klassikern auf Kopfsteinpflaster echt schwer, gegen ihn gibt es keinen echten Plan. Mads Pedersen hat es mal hier und da geschafft, aber bei den Rennen, die Mathieu herausragend wichtig sind, ist es echt schwer. Roubaix ist eigentlich das Rennen, wo es ihn zu schlagen gilt. Aber in Roubaix gewinnt nicht unbedingt immer der beste Fahrer: Material, Wetter, Stürze - wir haben wegen dieser Unwägbarkeiten so viele Sieger da in der Liste, bei denen man sagt: Nie im Leben hätte man es denen vorher zugetraut. Pogacar kann sich nicht nur deshalb berechtigte Hoffnung machen. Ich finde es super cool, dass er es versucht und diese Herausforderungen annimmt. Das macht seine Faszination auch aus. Ich glaube, Mauro Gianetti, der Manager von UAE wird viele schlaflose Nächte haben und drei Kreuze machen, wenn Paris - Roubaix vorbei ist und Pogacar heil im Ziel angekommen ist.
Kommen wir noch mal auf den deutschen Radsport: Wir haben viel über Florian Lipowitz gesprochen, aber da gibt ja eine ganze Menge mehr: Wer kann uns 2026 noch richtig Freude machen?
Aldag: Ich finde Quereinsteiger wie Anton Schiffer super interessant, wie er seinen Weg geht und es bis zu Visma in ein Topteam geschafft hat. Bei der deutschen Meisterschaft fand ich ihn sehr beeindruckend, als er Dritter wurde. Außerdem finde ich Storys immer gut und da drücke ich vor allen Dingen auch Lennard Kämna richtig die Daumen, dass dieses Comeback weiter so erfolgreich läuft. Denn wenn man gesehen hat, wie schlecht es ihm ging, wie angeschlagen er war, wie ihn dieser Verkehrsunfall körperlich mitgenommen hat, ist es schon riesig, was er 2025 gezeigt hat. Aber das mit einer richtigen Sahnehaube nochmal in 2026 zu bestätigen, den alten Lennard wiederzuhaben, das wäre richtig, richtig cool. Es würde mich extrem freuen, wenn Lennard das nochmal schafft. Ich habe gelesen, er würde gerne die Tour fahren und will auf jeden Fall ein Rennen gewinnen. Ich würde mich am freuen, wenn er bei der Tour eine Etappe gewinnt. Da würde ich mitfeiern.
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Aldag hofft auf Kämna bei der Tour 2026: "Würde mitfeiern"
Quelle: Eurosport
Du hast es gerade angesprochen - oft sind es die Storys, die spannender und emotionaler sind als manche Siege: Was waren da für dich herausragende Momente in der letzten Saison?
Aldag: Das stimmt, bei den großen Rennen waren die Sieger oft so dominant, da kam wenig Spannung auf. Ich finde ja Comeback-Stories immer absolut faszinierend, wie etwa bei Jay Vine. Bei ihm tendiert man dazu, zu sagen: Gib mir mal jemand seine Telefonnummer, ich rufe ihn an und sage: Tu dir und deiner Familie einfach einen Gefallen für dich und lass das mit den Stürzen sein. Doch dann kommt er immer wieder zurück und fährt absolut grandiose Rennen, das fand ich krass.
Was kommt dir noch in den Sinn?
Aldag: Ich habe nicht daran geglaubt, dass Tadej Pogacar wirklich Brandon McNulty den Sieg überlässt in Kanada. Das fand ich unglaublich im Nachhinein. Ich werde sehr emotional bei solchen Sachen, weil das eine unglaubliche menschliche Größe zeigt, aber auch eine riesige Cleverness mit Blick auf die Zukunft. Denn eines ist jedem ja jetzt klar: Jeder im Team weiß: Wenn ich in der Situation bin, dann wird all diese Arbeit, die ich investiere, fürs Team und für Tadej nicht nur mit einem Handschlag belohnt, sondern auch auf eine solche Art.
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"Unglaubliche menschliche Größe": Pogacars herausragende Geste
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Quelle: Eurosport
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