Giro d'Italia 2023 - Drei Dinge, die auffielen: Lennard Kämna besteht seine Reifeprüfung als Klassementfahrer

Der Etappensieg ging im Val di Zoldo an die Ausreißer, doch dahinter entbrannte auf der 18. Etappe des Giro d'Italia der Kampf ums Rosa Trikot. Zwei Tage nachdem João Almeida der Stärkste der drei Gesamtsiegskandidaten war und Primoz Roglic schwächelte, drehte der Slowene den Spieß um. Keine Blöße gab sich aber Geraint Thomas - und auch Lennard Kämna war wieder stark. Drei Dinge, die auffielen.

Lennard Kämna

Fotocredit: Getty Images

Für die Tifosi war der Triumph des italienischen Meisters Filippo Zana (Jayco-AlUla) über den Franzosen Thibaut Pinot (Groupama-FDJ) auf der ersten Dolomiten-Etappe das große Highlight.
Doch die internationalen Beobachter der 106. Italien-Rundfahrt konzentrierten sich im Val di Zoldo auf das, was dahinter geschah: Vor der Königsetappe am Freitag zu den Drei Zinnen von Lavaredo änderte sich der Eindruck in Sachen Kräfteverteilung unter den drei Top-Favoriten erneut.
Mehr und mehr kristallisiert sich heraus, wer bei diesem Giro der Stärkste ist. Und: Lennard Kämna bewies eine Stärke, die große Rundfahrer ausmacht.
Drei Dinge, die auffielen.

1.) Kämna voll auf Kurs: Reifeprüfung bestanden!

Der deutsche Hoffnungsträger gibt sich weiter keine Blöße - im Gegenteil: Hinauf ins Val di Zoldo stellte Lennard Kämna seine Abgeklärtheit eindrucksvoll zur Schau und vollzog damit den nächsten Schritt in seiner Entwicklung zum Rundfahrer.
Kritisierte er sich zwei Tage zuvor am Monte Bondone genau wie nach dem ersten Schlagabtausch der Klassementfahrer in Fossombrone auf der 8. Etappe noch selbst, weil er im Finale zu ungestüm agiert und sich durch zu frühe Beschleunigung selbst den Stecker gezogen hatte, blieb der 26-Jährige diesmal ganz ruhig und machte am Ende auf fast alle seiner direkten Konkurrenten hinter den Top 5 der Gesamtwertung Zeit gut.
Denn als er rund acht Kilometer vor dem Tagesziel nach der harten Tempoverschärfung von Sepp Kuss und Primoz Roglic zurückfiel, schienen die Felle des Bora-hansgrohe-Kapitäns kurzzeitig davonzuschwimmen. Er ließ nicht nur von den Besten der Besten abreißen, sondern zunächst auch diejenigen ziehen, die ihm seinen sechsten Gesamtrang noch am ehesten streitig machen könnten: Andreas Leknessund (DSM), Einer Rubio (Movistar), Laurens de Plus, Thymen Arensman (beide Ineos Grenadiers) und auch Ilan van Wilder (Soudal Quick-Step).
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Quelle: Eurosport

Bis auf Arensman aber kamen sie alle schließlich hinter Kämna im Ziel an. "Wir hatten uns die Strecke hier vor zwei, drei Wochen angeschaut. Ich wusste also, was auf mich zukommt. Entsprechend habe ich mich gepaced, bin so gefahren, wie ich dachte, dass es für mich am schnellsten ist, und bin zufrieden", bilanzierte Kämna im Tagesziel.
So zu agieren, war ein neues Level an Reife für den sonst so angriffslustigen Kämna. Vor der Königsetappe und dem brutalen Bergzeitfahren am Samstag scheint ein Top-Ten-Platz im Schlussklassement nun sehr realistisch, sogar den sechsten Rang zu halten könnte möglich sein - und selbst der Viertplatzierte Eddie Dunbar (Jayco-AlUla) ist nur 48 Sekunden weit weg. Besser als Fünfter war übrigens noch nie ein Deutscher in der Giro-Endabrechnung.

2.) Thomas besticht mit Ruhe und Souveränität

Hatte am Dienstag am Monte Bondone noch Primoz Roglic Probleme, als João Almeida attackierte, so konnte am Donnerstag im Val di Zoldo der Portugiese nicht mehr folgen, als der Slowene Vollgas gab.
Der Einzige, der sich bislang keine Blöße gab auf den Bergetappen des Giro, ist der Mann im Rosa Trikot, der am Donnerstag 37 Jahre alt wurde: Geraint Thomas konnte den Attackierenden an beiden Tagen scheinbar mühelos folgen und baute so in Kombination der beiden Alpen-Etappen ganz ohne eigene Offensiv-Aktion seinen Vorsprung in der Gesamtwertung aus.
Waren es am Sonntag noch zwei Sekunden auf Roglic und 22 Sekunden auf Almeida, so sind es jetzt 29 bzw. 39 Sekunden.
Bislang wackelte der Waliser kein einziges Mal bei diesem Giro und investierte auch nur das Nötigste, verschleuderte nie unnötig Kraft. So muss man fahren, wenn man eine Grand Tour gewinnen will und das macht den Tour-Sieger von 2018 dank all seiner Erfahrung nun trotz seines eher schwachen Frühjahrs doch zum Sieganwärter Nummer 1 bei dieser Italien-Rundfahrt.
Allerdings: Sein Vorsprung ist noch immer nicht groß. 29 bzw. 39 Sekunden sind für das Bergzeitfahren am Monte Lussari am Samstag alles andere als ein beruhigendes Polster. Greift er deshalb am Freitag auf der Königsetappe nun sogar selbst an? Oder ändert sich das Bild am Freitag nochmal völlig und plötzlich ist er es, der einbricht? Möglich ist bei diesem Giro noch alles ...
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Quelle: Eurosport

3.) Pinot schließt Frieden mit dem Giro

Die Saison 2023 ist die Abschiedstournee des Thibaut Pinot - am Jahresende beendet er seine Karriere. Beim Giro wollte er daher seine Fans nochmal begeistern. Nach dem vierten Gesamtrang 2017 und dem krankheitsbedingt tragischen Einbruch als Gesamtdritter auf der vorletzten Etappe 2018 kehrte er in diesem Jahr zurück, um noch mal das Podium anzugreifen.
Daran ist er gescheitert. Und auch einen zweiten Etappensieg sechs Jahre nach seinem Triumph in Asiago hat er in diesem Mai gleich zweimal knapp verpasst: Wie auf der 13. Etappe in Crans Montana wurde Pinot auch im Val di Zoldo nun nochmal Tageszweiter.
Doch ganz anders als in Crans Montana war der 32-Jährige diesmal völlig mit sich im Reinen. Gab er sechs Tage zuvor noch den schlechten Verlierer, nachdem er sich eine Privatfehde mit dem Ecuadorianer Jefferson Cepeda (EF Education-EasyPost) geliefert hatte, trat der Franzose diesmal völlig entspannt vor die Mikrofone.
"Ich habe alles gegeben und im Sprint verloren, weil ich zu früh losgefahren bin. Aber der Stärkste hat gewonnen", so Pinot voller Demut und Vorfreude: "Wenn mir vor zwei Tagen jemand gesagt hätte, dass ich am Ende des Giro auf dem Podium stehen könnte, hätte ich das nicht geglaubt. Das war schon immer ein Traum und auch wenn es nicht das Podium für die Gesamtwertung wäre, ist es eine sehr schöne Vorstellung."
Denn im Val di Zoldo übernahm der Franzose die Führung in der Bergwertung. Er hat nun 63 Punkte Vorsprung auf den Iren Ben Healy (EF Education-EasyPost) und dürfte am Freitag alles daran setzen, das Maglia Azzurra (Blaue Trikot) zu verteidigen. Ein zweiter Tag in der Ausreißergruppe scheint vorprogrammiert.
Kämna übrigens müsste dann hoffen, dass die Ausreißer nicht zu weit weggelassen werden. Denn Pinot ist mit 16 Sekunden Rückstand auf den Deutschen nun auch die größte Gefahr für dessen sechsten Gesamtrang.
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Königsetappe in den Dolomiten: Showdown an den Drei Zinnen

Quelle: Eurosport

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