Giro-Aus für Remco Evenepoel - Corona stoppt Spitzenreiter in Italien: Die wichtigsten Fragen und Antworten
Das plötzliche Aus für Remco Evenepoel beim Giro d'Italia erschüttert die Radsport-Welt: Wie gehts jetzt für den Weltmeister weiter - und wie im Kampf ums Rosa Trikot? Während der Tross der Italien-Rundfahrt den montäglichen Ruhetag genießt, macht sich der Belgier auf den Weg in seine spanische Wahlheimat, um seine Coronainfektion auszukurieren und nach dem bitteren Aus neue Pläne zu schmieden.
Highlights: Evenepoel wackelt im Zeitfahren - fällt aber nicht
Quelle: Eurosport
Nur knapp fünfeinhalb Stunden lagen zwischen dem Doppelschlag und dem Tiefschlag. Um 17:11 Uhr stand Remco Evenpoels Rückkehr ins Rosa Trikot des Giro d'Italia fest, nach einem der knappsten Etappensiege der Geschichte der Rundfahrt. Um winzige neun Hundertstelsekunden hatte er im Zeitfahren über 35 Kilometer die Bestzeit aufgestellt, doch auf der Pressekonferenz im Anschluss wirkte er schon angeschlagen.
Um 22:30 Uhr dann die Hiobsbotschaft, sein Team Soudal - Quick Step gab den positiven Coronatest des 23-Jährigen bekannt und dessen sofortigen Ausstieg aus dem Rennen.
Erstmals seit dem Doping-Eklat um Marco Pantani 1999 verlässt damit ein Spitzenreiter den Giro vorzeitig und überlässt das maglia rosa kampflos der Konkurrenz.
Jetzt stellen sich drängende Fragen, sowohl zum Fortgang des Rennens um den Triumph in Rom als auch der Saison des Vuelta-Siegers.
1.) Drohen weitere Corona-Fälle beim Giro?
Ja. Im Vorfeld des Giro war es noch insbesondere, aber nicht nur das Jumbo-Team, das von Coronafällen betroffen gewesen war und sein Aufgebot mehrfach umbauen musste, nun kommen aber fast täglich neue Fälle hinzu. Neben Evenepoel musste am Sonntag auch der frühere Giro-Zweite Rigoberto Uran (Team EF) aufgeben, zuvor hatte es u. a. auch Italiens Zeitfahr-Star Filppo Ganna (Ineos) und seinen Landsmann Giovanni Aleotti von Bora-hansgrohe erwischt.
Die Vielzahl der Kontakte der Fahrer untereinander, aber auch mit Medienvertretern, Teampersonal, Fans, Familie oder Sponsoren macht es höchst unwahrscheinlich, dass Evenepoel und Uran die letzten Fälle mit Covid-19 bei diesem Giro gewesen sein werden.
Auffällig ist, dass bisher jede der betroffenen sechs Mannschaften aber nur einen Fall hatte, alle weiteren Fahrer und Teammitglieder waren stets negativ. Wie strikt die Maßnahmen gegen eine Infektion gehandhabt werden, ist nach aktuellem Reglement den Rennställen selbst überlassen, auch über das Testen entscheiden sie - obligatorische Tests der Veranstalter sind seit Jahresbeginn keine Vorgabe des Weltverbandes UCI mehr.
Ein positiver Coronatest zieht auch nicht mehr automatisch das Aus für einen Fahrer nach sich. Wenn die Mannschaft ihr Teammitglied nicht aus dem Rennen nehmen will, beispielsweise weil keine Symptome vorliegen und kein Gesundheitsrisiko zu drohen scheint, kann der Fall laut Reglement in "kollegialer Art" von einem Dreiergremium entschieden werden - zusammengesetzt aus Teamarzt, Rennarzt und dem medizinischen Direktor der UCI.
2.) Wer hat jetzt die besten Siegchancen?
Das ist angesichts der extrem geringen Abstände im Gesamtklassement und der am Wochenende gezeigten Leitungen offener denn je. Nach dem Rückzug von Evenepoel liegen drei Fahrer innerhalb von fünf Sekunden und weitere noch absolut in Schlagdistanz.
Das neue Führungstrio aus dem Slowenen Primoz Roglic (Jumbo) und der Ineos-Doppelspitze Geraint Thomas und Tao Geoghegan Hart (beide Großbritannien) kam am Samstag beim ersten Schlagabtausch an steilen Rampen gemeinsam ins Ziel der 8. Etappe und war auch im Zeitfahren nur durch 16 Sekunden getrennt. Bei noch zwölf ausstehenden Etappen ist eine Prognose daher extrem schwierig, alle drei haben schon große Rundfahrten gewonnen und damit das Rüstzeug zum Triumph.
Dennoch liegen aus aktueller Sicht leichte Vorteile beim Ineos-Duo, das taktisch größere Optionen hat und zudem auf das stärkere Team setzen kann: Drei weitere ihrer Fahrer liegen in den Top 15 der Gesamtwertung in Lauerstellung. Doch noch ist das Klassement so eng - Lennard Kämna hat bereinigt als Achter auch nur 1:52 Minuten Rückstand - dass die Spannung kaum größer sein könnte.
Roglic erinnerte nach dem Zeitfahren, noch vor der Nachricht von Evenepoels Aus, an seine Erfahrungen vom Giro 2019: "Da hatte ich schon fast fünf Minuten Vorsprung auf den späteren Sieger Richard Carapaz - und dann fünf Minuten Rückstand!" Sein Ausblick daher? "Es kann noch so viel passieren", versicherte er, übrigens geschützt von einer FFP2-Maske.
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Quelle: Eurosport
3.) Startet Evenepoel jetzt bei der Tour de France?
Gut möglich. Erste Voraussetzung ist aber, dass er seine Coronainfektion schnell und vollständig überwindet, was nicht selbstverständlich ist. Etliche Fahrer wurden von Covid-19 in diesem Frühjahr massiv zurückgeworfen und manche haben nach Infektionen in den Vorjahren noch immer nicht ihr altes Niveau erreicht.
Sollte Evenepoel aber rasch wieder komplett belastbar sein, ist ein Start in Bilbao am 1. Juli absolut denkbar. Der Kurs der Tour de France 2023 ist ihm mit nur einem Zeitfahren zwar weniger auf den Leib geschrieben als jener des Giro, aber er würde fraglos einer der heißen Sieganwärter sein. Die Pause bis zur Tour sollte lang genug für einen zielgerichteten Aufbau sein und an Revanchegelüsten wird es dem sieghungrigen Ausnahmetalent nach diesem üblen Rückschlag nicht mangeln.
In seiner Mannschaft würde man dem Aushängeschild in jedem Fall einen Platz im Tour-Kader freiräumen, einen Rundfahrtspezialisten hatte man für die "grande boucle" sowieso nicht eingeplant. Die Konkurrenz ums Gelbe Trikot wirkt zumindest aktuell nicht komplett übermächtig: Topfavorit Tadej Pogacar muss nach seinem Handgelenksbruch die Vorbereitung umgestalten, Titelverteidiger Jonas Vingegaard erlebte im Frühjahr neben vielen Siegen auch Rückschläge.
Der Plan bei Evenepoel war bisher klar: Erst Sieg bei der Vuelta, dann beim Giro, schließlich bei der Tour. Ziel Nummer eins wurde im letzten September erreicht, Ziel zwei muss jetzt verschoben werden - viel spricht deshalb dafür, Ziel drei nun vorzuziehen.
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Quelle: Eurosport
Der Giro nimmt nach dem heutigen Ruhetag am Dienstag mit der 10. Etappe das Rennen wieder auf - dann wie immer live im Free-TV bei Eurosport 1 von Start (12:20 Uhr) bis ins Ziel, im Livestream und auf Abruf bei discovery+ und hier im Liveticker!
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