Giro d'Italia 2024: "Wer mit dem Feuer spielt..." - Sprinter-Teams berauben sich der Siegchance auf der 5. Etappe selbst
VonFelix Mattis
Publiziert 08/05/2024 um 21:22 GMT+2 Uhr
Bevor das Terrain an den kommenden drei Tagen deutlich schwerer wird und auch das erste Zeitfahren dieses Giro d'Italia ansteht, rechneten in Lucca alle Experten noch einmal mit einer Sprintankunft. Am Ende jubelte in der Toskana aber der Franzose Benjamin Thomas (Cofidis) aus einer Ausreißergruppe. Die Sprinter-Teams hatten es sich selbst versaut, weil sie mehr gegen- als miteinander arbeiteten.
Analyse: Deswegen schauten die Sprinter in Lucca in die Röhre
Quelle: Eurosport
"Es war wie eine sehr, sehr lange Mannschaftsverfolgung, aber wir sind einen guten Ausreißversuch gefahren", strahlte Etappensieger Benjamin Thomas in Lucca in Anspielung an seine Nebenbeschäftigung als Bahn-Radsportler. "Als wir zehn Kilometer vor Schluss noch 40, 50 Sekunden hatten und es Rückenwind gab, haben wir angefangen, an unsere Chancen zu glauben."
Vor zwei Jahren war Thomas bei der Tour de France in Carcassonne erst 500 Meter vor dem Ziel von den Sprintzügen des Pelotons eingeholt worden. In Lucca aber kamen er und seine Begleiter durch.
Das lag einerseits daran, dass die letzten gut 20 Kilometer leicht abschüssig waren und die Geschwindigkeit der Spitzenreiter bei Rückenwind so hoch, dass das Feld kaum näher kommen konnte. Andererseits aber auch an der Fahrweise und dem Verhalten der Mannschaften der schnellen Männer selbst.
Denn die kooperierten nicht, sondern konzentrierten sich von Beginn an darauf, gegeneinander zu arbeiten: Alpecin - Deceuninck, die Mannschaft von Kaden Groves, machte das Rennen an den Bergen im ersten Teil der Etappe hart, um den schwereren Sprintern Probleme zu bereiten. Dabei hatten Groves und seine Mannen Erfolg, aber am Ende bekamen sie die Quittung.
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Ausreißer narren das Peloton - Laporte geht zu Boden
Quelle: Eurosport
"Ich habe einige komische Taktiken gesehen, und dann kommt das dabei heraus. Wenn man nicht gut zusammenarbeitet, dann bleibt die Fluchtgruppe vorn", bilanzierte Tim Merlier (Soudal - Quick-Step), der am Passo del Bracco zu den Abgehängten gehörte. "Einige Teams hatten den Plan, andere Sprinter abzuhängen. Damit haben sie unser ganzes Team ausgequetscht."
Merliers Helfer mussten zur Rennmitte hin viel arbeiten, um den Belgier wieder ins Feld zu bringen und verweigerten dann später die Mitarbeit bei der Jagd nach den Ausreißern - angeblich, weil keine Kraft mehr da war.
Das erkannte auch Eurosport-Experte Robert Bengsch im Velo Club: "Das darf man im Finale nicht vergessen, dass das Ursachen hat, dass im Finale nicht mehr jeder die Power hat", sagte er. Und Fabian Wegmann meinte: "Wer mit dem Feuer spielt, verbrennt sich."
Für die Sprinter-Teams kam nämlich erschwerend hinzu, dass die erste Ausreißergruppe des Tages um den Freiburger Simon Geschke (Cofidis) durch das frühe Tempobolzen von Alpecin - Deceuninck schnell wieder eingeholt war und man dann 77 Kilometer vor Schluss ein frisches Quartett enteilen ließ. Das hatte wenig Energie verbraucht und daher am Ende noch genug übrig, um bei der 60-km/h-Jagd in Richtung Lucca zu bestehen.
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Tour-Erinnerungen werden wach: Geschke sammelt erste Bergpunkte
Quelle: Eurosport
Die Alpecin- und die Soudal-Mannen im Peloton waren da durch ihren Fernkampf im ersten Renndrittel schon angeschlagener als die Ausreißer selbst. Den größten Teil der Nachführarbeit wälzten sie dann an Lidl - Trek ab, das Team des am Vortag überlegen erfolgreichen Jonathan Milan.
"Weiß nicht, ob das die beste Idee war"
"Wir hatten am Anfang eine schöne Spitzengruppe, aber Alpecin - Deceuninck hatte den Plan, es hart zu machen am Berg. Ich weiß nicht, ob das die beste Idee war", lachte Milans Helfer Edward Theuns im Ziel am Eurosport-Mikrofon. "Durch das hohe Tempo am Anfang kam niemand weg und dann setzten sich 77 Kilometer vor dem Ziel vier starke Fahrer ab. Da muss man schnell reagieren, aber zuerst haben nur wir die Sache in die Hand genommen. Andere kamen später dazu, aber da war es zu spät."
Wegmann erklärte indes, dass das auch mit dem Sieg von Milan am Dienstag auf der 4. Etappe in Andora zu tun gehabt haben dürfte. "Die anderen haben gesagt: Es gibt einen Sprinter, der über allen thront und die stärkste Mannschaft hat: Jonathan Milan. Sein Team haben sie fahren lassen", erklärte der Eurosport-Experte.
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Krimi in Lucca: Thomas schnappt Ausreißerkollege den Sieg weg
Quelle: Eurosport
"Natürlich haben sie sich die anderen dabei verspekuliert, weil sie dann nicht mehr vorne rangekommen sind. Aber man hat auch gesehen: Er war wieder der Stärkste, hat den Sprint des Feldes um Platz fünf souverän gewonnen. Was haben sie davon, wenn sie ihn wieder ranführen und doch wieder Zweiter oder Dritter werden?"
Letzteres könnte bei diesem Giro d'Italia zu einem großen Thema werden. Denn auch wenn auf dem Papier viele starke Sprinter in Italien dabei sind und zumindest drei Teams - mit Tudor vielleicht sogar noch ein viertes - viel Interesse an Massenankünften haben sollten, dürfte Milans extrem beeindruckender, weil sehr lange von vorne durchgezogener Sprint auf der 4. Etappe in Andora am Dienstag, die Favoritenrolle klar verteilt haben.
Am Sonntag in Neapel wird man sehen, ob die Zusammenarbeit besser funktioniert.
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