Giro d'Italia 2024: Tadej Pogacar jagt das Double - Jens Voigt über die Taktik des Slowenen und Jonas Vingegaard
Die Favoritenrolle beim Giro d'Italia 2024 ist klar vergeben: An Superstar Tadej Pogacar führt kein Weg vorbei. Doch wie geht der Slowene die Herausforderung des Doubles aus Italien-Rundfahrt und Tour de France an - und wie sieht es um seine großen Rivalen Jonas Vingegaard, Remco Evenepoel und Primoz Roglic nach deren schweren Stürzen aus? Eurosport-Experte Jens Voigt liefert seine Einschätzungen.
Giro d'Italia : Route of the Giro 2024
Quelle: Eurosport
Am 4. Mai startet der 107. Giro d'Italia (ab 15:15 Uhr im Liveticker) und Tadej Pogacar geht bei seiner Premiere als großer Sieganwärter in die drei Wochen mit Ziel in Rom. Doch der Seriensieger hat sich eine schwere Aufgabe gestellt: den Angriff auf das selten erreichte Double der beiden größten Landesrundfahrten.
Wie der UAE-Kapitän diese Mammutaufgabe angeht und welche Risiken ihm drohen, beleuchtet Jens Voigt im ersten Teil des Exklusiv-Interviews mit Eurosport.de.
Außerdem blickt der 17-fache Tour-Teilnehmer auf die anderen Superstars des Radsports, mit denen sich Pogacar ab 26. Juni messen soll, wenn in der Toskana die Tour de France 2024 beginnt.
Ist Tadej Pogacar bei diesem Giro zu stoppen, außer durch Krankheit oder Sturz?
Jens Voigt: Nein. So wie er seine Saison bisher aufgebaut hat und wie er seine Rennen – aus dem Training heraus – bestritten hat, ist er der haushohe Favorit. Wenn er bei der Ernährung keinen Fehler macht, wenn er nicht vom Rad fällt oder einen riesigen taktischen Fehler macht, kann ich nicht sehen, dass jemand im Giro-Feld ihn im direkten Duell gefährden könnte.
Wie werden es die anderen Podiumskandidaten angehen, schließlich hat die letzte Tour gezeigt, dass auch Pogacar mal einen schwarzen Tag haben kann?
Voigt: Die anderen Teams und Fahrer sind ja keine Dummköpfe, sondern Realisten. Sie wissen alle genau, dass sie eigentlich nur um Platz zwei kämpfen. Das können sie so aber nicht in der Öffentlichkeit sagen. Also verbreiten sie höflich Optimismus im Stile von "vielleicht greifen wir ihn auf der 85. Etappe an…". Trotzdem stimmt, dass nichts vorbei ist, bevor Rom erreicht ist - das haben wir beim letzten Giro bei Topfavorit Remco Evenepoel gesehen. Und wir sollten außerdem nicht vergessen, dass ein Podiumsplatz bei einer Grand Tour eine herausragende Leistung ist – und gerade Fahrer wir Geraint Thomas, Romain Bardet, Dani Martinez, Ben O'Connor etc. damit durchaus zufrieden und stolz sein dürften. Entsprechend werden diese Jungs sich gegenseitig belauern und auch ein Stück weit neutralisieren. Der Kampf um die Top 5 wird sehr spannend werden, aber Platz eins ist nach allem Ermessen doch schon vergeben.
Wie wird es Pogacar angehen: Fährt er mit angezogener Handbremse wegen des geplanten Doubles oder wird er zum Kannibalen, der das Rosa Trikot von Start bis Ziel tragen und möglichst viele Etappen gewinnen will?
Voigt: Aus meiner Sicht wird er die frühe Bergankunft auf der 2. Etappe nutzen, um direkt Nägel mit Köpfen zu machen. Genauso bei der nächsten Bergankunft auf der 8. Etappe - da werden wir ihn zum letzten Mal im vollen Angriffsmodus sehen. Dazu kommt das erste der zwei Einzelzeitfahren am siebten Giro-Tag: Danach dürfte er mit rund zwei Minuten Vorsprung führen. Ab dann nimmt er den Fuß vom Gas, verwaltet mit seiner Mannschaft die Situation und spart Kräfte während der zweiten Giro-Hälfte Richtung Tour de France. Das wäre sein Idealszenario, denke ich.
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Jonas Vingegaard klatscht mit Tadej Pogacar ab
Fotocredit: Getty Images
Wie sieht es mit Blick auf die Tour und das dort erwartete Giganten-Duell bei Jonas Vingegaard, Remco Evenepoel und Primoz Roglic aus, die alle Anfang April im Baskenland teils schwerst gestürzt sind?
Voigt: Der Einzige von ihnen, der es aus meiner Sicht leider nicht schaffen wird, in Siegform an den Tour-Start zu gehen, ist Jonas Vingegaard. Die Verletzungen und die OP haben für ein riesiges Loch in seiner Trainingsplanung gesorgt, das wird so nicht zu stopfen sein. Ich denke, Team Visma wird da umdisponieren müssen: Sie können ihn als Etappenjäger mitnehmen, gerade für die zweite Hälfte der Tour - aber um den Sieg wird er wohl noch nicht mitfahren können, das wird zu knapp. Gegen Evenepoel, Pogacar oder Roglic reichen eben nicht 98%, bei der Konkurrenz und Leistungsdichte in diesem Jahr funktioniert das nicht. Der Körper muss einfach erst einmal heilen, er braucht die Zeit dazu - ganz egal wie modern all die Trainingsmethoden und ernährungswissenschaftlichen Ansätze sind. Evenepoel und Roglic hingegen werden in Topform am Start stehen.
Wie könnte die Planung für Vingegaard aussehen?
Voigt: Eine Option für ihn könnte sein, dass er zu Olympia in Paris Ende Juli wieder fit ist und im Anschluss bei der Vuelta in Spanien den Gesamtsieg ins Visier nimmt. Siegform zur Tour aber wird er nicht haben und dann müssen er und das Team abwägen, ob sie einen Start als Edelhelfer und Etappenjäger für ihn für sinnvoll halten.
Den 2. Teil des Exklusiv-Interviews mit Jens Voigts Einschätzungen zu den vielen deutschen Giro-Startern und Einblicken in seinen Giro-Auftritt als rasender Reporter auf dem Motorrad findet ihr hier.
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Quelle: Eurosport
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