Giro d'Italia - Tim Merlier, Phil Bauhaus und Co. kritisieren High-Speed-Sprint in Andora: "Bin froh, dass ich lebe"
VonFelix Mattis
Publiziert 07/05/2024 um 22:19 GMT+2 Uhr
Es muss immer erst etwas passieren. Diesen Satz hört man immer dann, wenn es einen schlimmen Unfall gegeben hat. In Andora am Ende der 4. Etappe des 107. Giro d'Italia ging glücklicherweise alles gut. Doch das High-Speed-Finale mit einer rasend schnellen Abfahrt auf die Zielgerade am Mittelmeer sorgte trotzdem für Kritik. "Ich bin einfach froh, dass ich am Leben bin", sagte Tim Merlier im Ziel.
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Quelle: Eurosport
Das vierte Teilstück der Italien-Rundfahrt endete mit einem Hochgeschwindigkeits-Sprint in Andora, nachdem es knapp drei Kilometer vor dem Ziel noch über den Capo Mele gegangen war und die anschließende Abfahrt auf breiter, geschwungener Straße bis weit in den Schlusskilometer hineinführte.
"Um ehrlich zu sein, bin ich kein Fan eines solchen Finishs", sagte der Etappendritte Phil Bauhaus (Bahrain Victorious) im Ziel gegenüber Eurosport. "Wir sind in einem Feld mit 80 km/h da runtergefahren. Das ist meiner Meinung nach unnötig. Dass alle gesund angekommen sind, ist für mich wichtiger als jedes Ergebnis."
Der gebürtige Bocholter hatte im Finale das perfekte Hinterrad gefunden, saß direkt im Windschatten von Sieger Jonathan Milan (Lidl - Trek). Doch links war er eingebaut und rechts an der Bande machte der von vorne sprintende Italiener keine Lücke mehr auf. Und bei derartigen Geschwindigkeiten ging Bauhaus auch nicht das Risiko ein, sich um jeden Preis durch eine nicht vorhandene Lücke durchzudrücken.
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Milan triumphiert nach langem High-Speed-Sprint auf 4. Etappe
Quelle: Eurosport
"Massensprints sind immer supergefährlich. Und dann ging es eben heute auch noch bergab", so Bauhaus weiter, der außerdem erzählte: "Ich hatte einen 58er Ring montiert. Mein Mechaniker hat heute früh gesagt, dass er den in 26 Jahren noch nie montiert hat. Ich weiß nicht, ob das wirklich nötig ist." Ein Kettenblatt mit 58 Zähnen ermöglicht es, bei extrem hohen Geschwindigkeiten noch immer Druck auf die Kette zu bringen, wenn man in die Pedale tritt. Standard sind derzeit normalerweise 54er-Kettenblätter.
"Ein bisschen zu gefährlich"
Bauhaus war aber bei weitem nicht der einzige, der sich im Ziel kritisch äußerte. "Ich bin einfach froh, dass ich noch am Leben bin. Einen Kilometer vor Schluss sah ich zwei Fahrer vor mir Schulter an Schulter. Einer wurde rausgeschubst und ist fast über die Absperrungen geflogen", erzählte etwas schockiert beispielsweise Tim Merlier (Soudal - Quick-Step), der Sieger der 3. Etappe am Montag, in Andora am Eurosport-Mikrofon. "Es war hektisch und definitiv auch ein bisschen zu gefährlich", meinte er und fügte mit deutlich erkennbarem Sarkasmus hinzu: "Ja, das ist Teil meines Jobs."
Kaden Groves (Alpecin - Deceuninck), bester Sprinter der Vuelta a Espana im vergangenen Jahr, erklärte, dass die Geschwindigkeit durch die Positionskämpfe der Sprinter-Teams immer höher geworden sei. "Das war teilweise beängstigend", gestand auch der Australier und sein Landsmann Caleb Ewan (Jayco - AlUla) sagte: "Es war sehr hektisch. Wie man sich vorstellen kann: Wenn man mit einer Abfahrt ins Ziel fährt, wird es ziemlich verrückt. Ich hatte auch ein paar enge Momente."
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Analyse: Milan sprintet "eigentlich zu lang" - und siegt trotzdem
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Einer, der im High-Speed-Finale nicht ganz vorne mit reinhielt, sondern hinter den ersten Sprintern quasi in vierter Reihe im Windschatten als 20. über die Linie rollte, war Fabio Jakobsen (dsm-firmenich - PostNL). Der 27-Jährige, der vor vier Jahren auf der 1. Etappe der Polen-Rundfahrt in einem ebenfalls abschüssigen High-Speed-Massensprint beinahe sein Leben verloren hätte und im Koma lag, kommentierte das Finale von Andora nicht. Die Art und Weise, wie er sich am Ende heraushielt, nachdem er im Positionskampf eingangs des Schlusskilometers eine erste heikle Situation hatte, sagte aber eigentlich alles: Gefallen dürfte ihm die Ankunft in Andora auch nicht haben.
Eurosport fragte daher bei Adam Hansen nach, dem Präsident der Radprofi-Gewerkschaft CPA, inwiefern es Gespräche mit Giro-Veranstalter RCS über die gefährliche Ankunft gegeben habe. Hansen bestätigte, dass es diese am Montagabend und Dienstagmorgen gegeben habe.
"Wenn man die GPX-Dateien zur Strecke und auch Google Maps anschaut, sieht das Finale wegen der Straße dort nicht allzu gut aus. Aber glücklicherweise hat RCS das Beste draus gemacht. Es wurde neu asphaltiert. Auf den Fotos von gestern standen aber überall Absperrungen, um den neuen Asphalt zu schützen. Die Fahrer hatten Sorge, dass diese Absperrungen dortbleiben würden und man nur eine Fahrspur haben würde. Aber RCS hat dann bestätigt, dass die ganze Straße offen sein werde für den Sprint. Das war das größte Gesprächsthema", erklärte Hansen.
Fahrer-Gewerkschaft CPA führte Gespräche mit Veranstalter RCS
"Darüber hinaus gab es auch Diskussionen darüber, eine Abfahrt in einen Sprint münden zu lassen. Das ist natürlich ein sensibles Thema, weil es durch eine Abfahrt zum Ziel viel gefährlicher wird, die Geschwindigkeit viel höher ist und die Fahrer mit weniger Konzentration in den Sprint kommen. Aber es war keine so große Zahl an Fahrern, die sich deshalb gemeldet haben", so Hansen weiter:
"Daher habe ich gefragt, was sie tun wollen: Ob sie die Gesamtwertung neutralisieren wollen, damit weniger Verkehr und das Feld am Ende kleiner ist. Aber es waren nicht genug Fahrer, die sich dafür ausgesprochen haben und deshalb wurde das nicht vorangetrieben. Wir haben über das Thema mit RCS gesprochen und ja, es waren einige Fahrer besorgt, aber es war nicht genug, damit ich wirklich Druck auf RCS hätte machen können. Aber trotzdem auch Chapeau: Sie haben die Ankunft so schön wie möglich gemacht."
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Vorschau 5. Etappe: Es riecht nach dem dritten Sprint in Folge
Quelle: Eurosport
Zuletzt war es im März beim belgischen Klassiker Dwars door Vlaanderen zu einem schweren Massensturz gekommen, durch den unter anderem Wout Van Aert (Visma - Lease a Bike) auf die Klassiker-Highlights sowie jetzt den Giro d'Italia verzichten musste. Auf breiter, abschüssiger Landstraße krachte es dort in der Anfahrt auf den nächsten wichtigen, engen Anstieg, den Kanarieberg. Die Positionskämpfe vor den Hellingen bei den Klassikern sind vergleichbar mit denen vor einer Sprintankunft und die Passage dort vor dem Kanarieberg wurde seit Jahren kritisch gesehen. Nach dem Dwars-door-Vlaanderen-Crash erklärte Flanders Classics als Veranstalter der großen belgischen Rennen, dass man den Kanarieberg mit dieser Anfahrt künftig nicht mehr verwenden werde.
In Andora aber krachte es nun eben nicht. Den nötigen Lerneffekt darf man sich daher wohl auch kaum erhoffen - und das trotz aller Vorfälle in den letzten Jahren. Es muss nicht immer erst etwas passieren, sondern es reicht noch nicht mal, wenn schon viel passiert ist. Allerdings scheint ein Problem auch zu sein, dass die Fahrer selbst nicht ausreichend Kritik äußern.
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