Giro-Analyse: Kletterer sind für Chaos gut, Roglic muss hoffen und Pedersen hält Versprechen - drei Dinge, die auffielen
VonFelix Mattis
Update 21/05/2025 um 23:26 GMT+2 Uhr
Die 11. Etappe des Giro d'Italia sah nach einer aus, die den Ausreißern gehören sollte. Doch nach langem Kampf um die Plätze in der Spitzengruppe, war das Hauptfeld nie weit weg – und dann machten UAE, Lidl und EF kurzen Prozess. Die offensive Fahrweise der Südamerikaner machte Lust auf mehr, Primoz Roglic muss cool bleiben und Mads Pedersen löste ein Versprechen ein. Drei Dinge, die auffielen.
Highlights XXL: Carapaz krönt explosive Solo-Attacke
Quelle: Eurosport
Das Unterfangen Ausreißersieg ging in Castelnovo Ne' Monti für alle schief, die in der Anfangsphase der 11. Etappe hoch motiviert in den Angriffsreigen einstiegen.
Trotzdem jubelte am Ende des schweren Teilstücks über die Alpe San Pellegrino ein Offensivkünstler aus Südamerika als Solist – und ein anderer Südamerikaner deutete an, dass man bei diesem Giro mit allem rechnen muss.
Gleichzeitig wurde einmal mehr deutlich, wie überlegen UAE-Emirates-XRG gerade dann ist, wenn es schwer wird. Und Mads Pedersen löste sein Versprechen ein.
Drei Dinge, die auf der 11. Etappe auffielen:
1.) Kletter-Spezialisten sind für Chaos gut
Im Zeitfahren von Pisa am Dienstag waren sie die Verlierer, doch schon 24 Stunden später holten die reinen Kletterspezialisten im Peloton der 108. Italien-Rundfahrt zum Gegenschlag aus und deuteten erneut an, dass dieser Giro noch sehr wild werden könnte.
Denn schon 96 Kilometer vor dem Ziel lancierte Egan Bernal (Ineos Grenadiers) auf den steilen drei Schlusskilometern des San Pellegrino bei zweistelligen Steigungsprozenten eine Attacke, mit der wohl nicht viele gerechnet hatten. Am Ende war das zwar nur ein Strohfeuer, weil in der langen Abfahrt viele von hinten wieder heranrollten.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/05/21/image-2d51b136-f008-4ebe-9b71-d7a56bb8b770-85-2560-1440.jpeg)
Analyse zum Carapaz-Sieg: "Taktisch den richtigen Moment gewählt"
Quelle: Eurosport
Doch im ersten Moment und bis zur Passhöhe wurde die Favoritengruppe doch sehr klein und kaum jemand hatte noch Helfer bei sich. Bernal zündelte also ohne große Folgen in Sachen Etappenergebnis, aber er brannte neue Erkenntnisse frei: Der ehemalige Tour-Sieger ist fit. "Es war eine Attacke, um zu sehen, wie die anderen reagieren und was vor allem die Klassementfahrer machen", sagte er im Ziel zu Eurosport.
Neun Kilometer vor dem Ziel der Etappe griff dann Richard Carapaz (EF Education-EasyPost) an und zog zum Solo-Sieg durch – ganz spontan, wie sein Sportlicher Leiter Juan Manuel Garate erklärte. Bernal freute sich für den Ecuadorianer: "Er hat das heute richtig verdient und war richtig stark", sagte der Kolumbianer.
Carapaz und Bernal sind 'partner in crime': Beide müssen bei diesem Giro Zeit gutmachen, beide haben große Freude an Offensivgeist und beide könnten deshalb an den verbleibenden zehn Renntagen noch gemeinsame Sache machen, um der Konkurrenz um Isaac Del Toro, Juan Ayuso und Roglic weh zu tun. Mit ihren Angriffen, auch schon durch Bernal auf der Schotteretappe in Richtung Siena, aber vor allem nun auf Etappe 11, haben sie gezeigt, dass sie sich nicht zurückhalten werden und vor nichts zurückschrecken.
Da kein Tadej Pogacar, kein Jonas Vingegaard und kein Remco Evenepoel im Giro-Peloton sitzen, haben sie außerdem das nötige Selbstbewusstsein. Und das trifft übrigens auch auf Giulio Ciccone, den dritten Kletterspezialisten mit Zeitverlust aus dem Zeitfahren, zu, für dessen Chance auf den Tagessieg Lidl-Trek die Ausreißer am Mittwoch jagte. Auch er dürfte sich in den Angriffsreigen auf den kommenden Bergetappen einreihen, wie er schon bei der ersten Bergankunft in Tagliacozzo gezeigt hatte.
2.) Roglic braucht Martinez in der dritten Woche
Es war eklatant: Das UAE-Team fuhr, nachdem das Peloton in der Abfahrt vom San Pellegrino wieder zusammengelaufen war, mit voller Teamstärke durchs Tal und führte das rund 60-köpfige Peloton zu acht an. Dagegen hatte der große Kontrahent Roglic lediglich noch Giulio Pellizzari und Giovanni Aleotti an seiner Seite.
Die Übermacht der Mannschaft um Ayuso und Del Toro drückte sich auf der 11. Etappe mehrfach in den Bildern aus. Denn auch zuvor auf den steilen letzten Kilometern des Kategorie-1-Anstiegs war UAE deutlich in Überzahl, während Roglic dort sogar ganz isoliert wurde – wie auch schon auf der Schotteretappe nach Siena kurz vor seinem Sturz.
Nachdem Red Bull-Bora-hansgrohe vor dem Start des Giro d'Italia noch als bärenstark besetzt und ebenbürtig galt, hat der deutsche Rennstall in der ersten Hälfte der Rundfahrt so stark Federn gelassen, dass es vor allem am Berg nun kritisch wird. Das Sturz-Aus von Jai Hindley in Neapel schmerzt in den Etappenfinals sehr und UAE wirkt sogar noch stärker, als ohnehin schon erwartet.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/05/21/image-7ed499e0-859a-41b7-bd0e-767c435eb993-85-2560-1440.jpeg)
Roglic trifft auf numerische Überzahl: UAE erdrückend stark
Quelle: Eurosport
"Primoz ist es von Visma oder auch der Vuelta letztes Jahr (bei Red Bull, Anm. d. Red.) gewohnt, immer ein Gros um sich zu haben", erklärte Eurosport-Experte Bernhard Eisel im Velo Club, dass sich Roglic auf eine für ihn ungewohnte Situation einstellen muss. Allerdings betonte der Österreicher auch, dass es vor allem auf die Finals der Bergetappen ankomme.
Die große zahlenmäßige Überlegenheit des UAE-Teams sorgt dafür, dass die Männer in Weiß-Schwarz ohnehin die Verantwortung der Arbeit im Peloton schultern. Und dann braucht ein Top-Rundfahrer eben vor allem eins, zwei Mann bei sich, die beim Verpflegen helfen können. Doch die müssen eben da sein. Vor allem, wenn die Konkurrenz noch zu zweit oder zu dritt ist und sich mit Attacken abwechseln kann.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/01/13/4082016-82777973-2560-1440.jpg)
Recorrido revelado para el Giro de Italia 2025
Quelle: Eurosport
"Es war schön zu sehen, dass Giovanni Aleotti die Beine wieder findet. Und Pellizzari war dabei. Wenn noch einer in Schwung kommt in den nächsten Tagen, sieht es auch wieder besser aus", meinte Eisel. Einer, der noch in Schwung kommen muss, das ist vor allem der Giro-Zweite von 2024, Daniel Felipe Martinez. Der Kolumbianer hat seit Giro-Start Probleme und kommt täglich weit hinter den Besten an. Das war schon vor dem Hindley-Aus zu erkennen, nach dem Hindley-Aus aber umso mehr.
Im vergangenen Jahr glänzte er vor allem in der dritten Woche. Und momentan dürfte man bei Red Bull vielleicht sogar darauf hoffen, dass er genau dann auch in diesem Jahr wieder bereit ist. Nach dem Aus von Hindley erklärte der Sportliche Leiter Patxi Vila am Eurosport-Mikrofon, man müsse nun die Taktik etwas überdenken. Denkbar, dass man Martinez derzeit bei den mittelschweren Etappen vielleicht sogar bewusst schont. "Wichtig ist vor allem die dritte Woche", sagte Eisel im Velo Club.
3.) Pedersen löst Versprechen ein
Mads Pedersen war der Mann der ersten Giro-Woche und trägt seine erstklassige Form nun auch in Woche zwei weiter zur Schau – und zwar in neuer Rolle. Nachdem er drei Etappen gewonnen und sich einen großen Vorsprung im Kampf um das Maglia Ciclamino erarbeitet hat, löst der Däne nun sein Versprechen ein: Während seine Teamkollegen um Mathias Vacek und Giulio Ciccone auf den ersten Etappen bedingungslos für ihn geschuftet hatten, fährt nun Pedersen genauso unwiderstehlich für sie.
Auf der 11. Etappe kämpfte er mit Vacek zunächst mit sehr großem Kraftaufwand darum, dass die Spitzengruppe weiter vom Hauptfeld wegkam. Und als das Unterfangen gescheitert war, spannte er sich im Finale ein, um die letzten fünf Ausreißer wieder einzufangen und Ciccone so die Chance auf den Etappensieg in Castelnovo Ne' Monti zu ermöglichen.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/05/21/image-8c18c055-3084-4de4-a502-17135f42260c-85-2560-1440.jpeg)
Pedersen löst Versprechen ein: Maglia Ciclamino als Edelhelfer
Quelle: Eurosport
"Pedersen allein hat zwei Minuten auf die Fünf aufgeholt", zog EF Educations sportlicher Leiter Garate den Hut vor dem Dänen und Ciccone schilderte: "Wir wissen, was Mads drauf hat. Er hat mich gefragt, wie meine Beine sind, und ich habe gesagt 'gut'. Dann hat er sofort die Führungsarbeit übernommen, um mir zu helfen, die Etappe zu gewinnen."
Pedersen selbst erklärte, er habe zunächst als Ausreißer auch Punkte an den Zwischensprints für sein Ciclamino-Trikot sammeln wollen und adelte dann mit seinen Aussagen am Eurosport-Mikrofon im Ziel auch den Job derjenigen, die sonst Führungsarbeit verrichten: "Es ist echt schrecklich, vorne zu fahren, um die Gruppe einzuholen. Zum Glück muss ich das nicht jeden Tag machen", sagte er und unterstrich damit, wie sehr er die Arbeit seiner Teamkollegen wertschätzt.
Auch wenn Ciccone die Etappe schließlich nicht gewann, als Tagesdritter holte er noch vier Bonussekunden. "Ich denke, damit können wir zufrieden sein. Die Sekunden können vielleicht in Rom am Ende entscheidend sein", meinte Pedersen.
Das könnte Dich auch interessieren: Tour-Schlussetappe über Montmartre offiziell vorgestellt
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/05/21/image-f99d7fec-bc1d-481f-98ed-6da24fdd268b-85-2560-1440.jpeg)
Vorschau auf die 12. Etappe: Windkantengefahr in der Po-Ebene
Quelle: Eurosport
Ähnliche Themen
Werbung
Werbung