Isaac Del Toro profitiert auf chaotischer 14. Etappe des Giro d'Italia vom Stau von Gorizia - drei Dinge, die auffielen
VonFelix Mattis
Update 24/05/2025 um 23:51 GMT+2 Uhr
Die 14. Etappe des Giro d'Italia 2025 schien sehr geradlinig auf einen Massensprint hinauszulaufen. Zu geradlinig. Denn wie so oft bei einer Grand Tour, wurde aus dem ruhigen Tag absolutes Chaos - vor allem für die Podiumskandidaten. Profiteur war Kasper Asgreen aus der Ausreißergruppe, die eigentlich keine Siegchance hatte. Doch auch Isaac Del Toro hat Grund zur Freude. Drei Dinge, die auffielen.
Highlights: Massencrash wirbelt Klassement durcheinander
Quelle: Eurosport
Stundenlang schien im slowenischen Zielort Nova Gorica alles für den vierten Flachland-Massensprint dieser 108. Italien-Rundfahrt vorbereitet zu sein: Die nur vierköpfige Ausreißergruppe des Tages wurde nie auf mehr als zwei Minuten weggelassen, Visma-Lease a Bike und Alpecin-Deceuninck kontrollierten das Geschehen im Hauptfeld relativ gelassen.
Doch als es in der italienischen Ortschaft Gorizia 24 Kilometer vor dem Ziel auf feuchtem Kopfsteinpflaster in die enge Via Guglielmo Marconi ging, nahm das Unheil seinen Lauf - und es änderte sich alles.
Giulio Ciccone (Lidl-Trek) flog aus dem Kreis der Podiumskandidaten. Der Italiener beendete die Etappe mit großen Schmerzen 16 Minuten hinter der Spitze - und gab am Abend die Rundfahrt auf.
Der zweite italienische Hoffnungsträger Antonio Tiberi (Bahrain Victorious) verlor 1:44 Minuten auf das Rosa Trikot, Juan Ayuso (UAE-Emirates-XRG), Egan Bernal (Ineos Grenadiers) und Primoz Roglic (Red Bull-Bora-hansgrohe) je 48 Sekunden.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/05/24/image-abc92297-0f5a-4c64-a8e6-bdd181d11b43-85-2560-1440.jpeg)
Große Analyse zum Sturzchaos: "Wie weit vorne soll man noch fahren?"
Quelle: Eurosport
Drei Dinge, die auf der 14. Etappe auffielen:
1. Visma zieht durch, als alle liegen
Es gab in Nova Gorica nur wenige Gewinner unter den Podiumskandidaten des Giro d'Italia. Isaac Del Toro durfte strahlen, Richard Carapaz war nicht nur über den Sieg seines Teamkollegen Asgreen glücklich und Derek Gee rückte auf den sechsten Gesamtrang vor. Alle drei kamen in der 16-köpfigen ersten Gruppe 16 Sekunden hinter Solo-Sieger Asgreen ins Ziel.
Plötzlich sogar Kandidat auf den Gesamtsieg ist Simon Yates, der ebenfalls dabei war und nun hinter dem unberechenbaren Del Toro Gesamtzweiter ist (+ 1:20 Minuten).
Yates' Team Visma-Lease a Bike tat auch einiges dafür: Nachdem es in Gorizia gekracht hatte, zogen die Männer in Gelb an der Spitze weiter voll durch und sorgten so dafür, dass niemand der Gestürzten oder Aufgehaltenen nochmal eine Chance hatte, heranzukommen.
Diskussionen, ob das Fair-Play war, gab es nach der Etappe kaum. Der Grund ist einfach: Visma arbeitete den ganzen Tag an der Spitze des Feldes für einen Massensprint und fuhr auch in die Via Guglielmo Marconi ganz vorne hinein – auf der Jagd nach den da noch drei Ausreißern. Von den Niederländern zu erwarten, dass sie ihre Verfolgungsjagd einstellen und den möglichen Etappensieg für Sprinter Olav Kooij aufgeben, wäre wohl etwas zu viel des Guten gewesen.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/05/24/image-7db94830-938f-4b08-aad2-51918d24c80f-85-2560-1440.jpeg)
Massensturz in enger Gasse: Ciccone muss GC-Hoffnungen begraben
Quelle: Eurosport
"Wir wussten, dass es ein schwieriges Finale wird und haben den ganzen Tag für diesen Sprint das Rennen kontrolliert. Wir haben getan, was wir konnten und mussten einfach weiterfahren, um die Ausreißergruppe einzuholen. Da war nicht viel Zeit zurückzuschauen", verteidigte Kooij sein Team im Ziel.
Simon Yates, Carapaz, Del Toro und Gee hatten eben einfach alles richtig gemacht, indem sie vor der Engstelle in Gorizia weit genug vorne im Peloton saßen.
2. Selbst die chancenlosesten Ausreißer haben eine Chance
140 Kilometer vor dem Etappenziel hatten die vier Ausreißer des Tages um Asgreen nur 1:30 Minuten Vorsprung auf das Hauptfeld. Weiter weg ließen Visma und Alpecin das Quartett auch nicht mehr kommen. Es schien völlig klar: Diese Etappe endet mit einem Massensprint. Keine Chance für die Ausreißer!
Doch der Sturz von Gorizia machte das Unmögliche möglich: Asgreen, Mirco Maestri (Polti-VisitMalta) und Martin Marcellusi (VF Group-Bardiani CSF-Faizanè), die da noch knapp eine Minute Vorsprung hatten, durften plötzlich doch hoffen.
Denn im zusammengeschmolzenen Verfolgerfeld saßen nur noch wenige Helfer für die Sprinter Kooij und Groves. Als Wout van Aert fünf Kilometer vor dem Ziel entkräftet ausscherte und der Rückstand zum nun alleinigen Spitzenreiter Asgreen noch immer 15 Sekunden betrug, wurde aus der Hoffnung Gewissheit: es würde reichen für den Solisten.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/05/24/image-700623b4-7423-4551-a47a-7dd5f9b4e09d-85-2560-1440.jpeg)
Asgreen zieht es durch: Ausreißer düpiert Klassement-Favoriten
Quelle: Eurosport
Der 30-jährige Däne hat die nötigen Qualitäten, am Ende einer Etappe nochmal sehr tief zu gehen. Nicht umsonst gewann er vor vier Jahren die Flandern-Rundfahrt im Duell mit Mathieu van der Poel auf der Zielgeraden in Oudenaarde. Und auch bei seinem Tour-de-France-Etappensieg 2023 in Bourg-en-Bresse rettete er sich nach einem langen Tag in der Ausreißergruppe noch wenige Meter vor den heranstürmenden Top-Sprintern über die Ziellinie.
"Die Wetterverhältnisse haben mir geholfen. Die Schlussrunde am Ende war technisch sehr schwierig und nasse Straßen machen es für das Feld schwer, schneller zu fahren als wir an der Spitze", meinte er und betonte: "In einer zweiten Woche einer Grand-Tour kann es mit einer guten Gruppe schon funktionieren, dass man durchkommt. Das hat auch die Vergangenheit gezeigt. Jeder hat müde Beine und das hat heute, denke ich, den Unterschied ausgemacht."
3. Del Toro macht sich zum Kapitän
Die öffentliche Diskussion um die Rollenverteilung bei UAE reißt auch nach der 14. Etappe nicht ab. Durch das Sturzchaos von Gorizia hat Del Toro erneut Zeit gegenüber dem nominellen Leader seiner Mannschaft, Ayuso, herausgeholt und liegt nun 1:26 Minuten vor dem Spanier.
Dabei fiel auf: Während Ayuso in der zweiten Gruppe im Rennen mit Bernal, Roglic und deren Helfern darum kämpfte, den Rückstand nach vorne zu verringern, ging Del Toro wiederum in der Visma-Gruppe vorne auch das eine oder andere Mal mit durch die Führung und unterstrich damit seine persönlichen Ambitionen. Offensichtlich gab es keine klare Ansage beim Team der Überflieger.
"Im Auto konnten wir nicht viel mitbekommen. Durch den Wechsel hin und her zwischen Slowenien und Italien lief das Livebild im Auto nicht", erzählte der Sportliche Leiter Fabio Baldato am Eurosport-Mikrofon, dass man nur über Radio Tour mitbekam, wo und wie ihre Schützlinge gerade unterwegs waren.
Trotzdem zog er den Hut vor dem 21-jährigen Shootingstar aus Mexiko, der bei dem Massensturz – wie Handy-Aufnahmen von Fans später zeigten – ebenfalls vom Rad musste, aber blitzschnell wieder aufsprang und an die Spitze heranfuhr. "Er war fantastisch, wie er da herumgekommen ist und dann sofort wieder an der Spitze war", so Baldato. Die Begeisterung über die Auftritte des Mannes in Rosa wächst offensichtlich auch teamintern mit jedem Tag weiter.
Doch die Frage, ob man nun voll für ihn fahre, bleibt aus UAE-Kreisen unbeantwortet. Auch Del Toro selbst stellt diesen Anspruch weiterhin nicht in den Raum - zumindest nicht mit Worten.
Eurosport-Experte Rolf Aldag erklärte, dass es auch richtig sei, sich nicht auf einen Mann festzulegen: "Er wäre jetzt auf jeden Fall mein Kapitän. Aber die Frage ist, ob man Ayuso zum Helfer machen muss oder als Co-Kapitän weiterfahren lässt. Und da würde ich sagen: Es gibt überhaupt keinen Grund, ihn zu opfern. Sie können beide vorne sein und davon werden sie am meisten profitieren."
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/05/24/image-58bab969-b437-4c81-a3c5-ad99b8981bc2-85-2560-1440.jpeg)
Aldag zur UAE-Konstellation: "Gibt keinen Grund, Ayuso zu opfern"
Quelle: Eurosport
Nach wie vor bleibt das große Fragezeichen hinter den Fähigkeiten Del Toros, wenn es in der dritten Woche zu den ganz schweren Bergetappen über mehrere Alpenpässe geht.
Ein taktisch wichtiges Detail hat sich in Nova Gorica aber verändert: Bislang war Ayuso hinter Del Toro die Nummer zwei im Rennen. Würde der Mexikaner also schwächeln, müsste Ayuso nur bei der Konkurrenz bleiben, um das Rosa Trikot zu übernehmen.
Da nun aber Simon Yates um sechs Sekunden am Spanier vorbeigezogen ist, kann Ayuso sich nicht mehr nur aufs Folgen konzentrieren. Wenn Del Toro auf der letzten Bergetappe auf dem Schottersträßchen hinauf zum gefürchteten Colle delle Finestre doch noch schwächelt, könnte UAE trotz dreiwöchiger Dominanz den Giro-Sieg verlieren. Ayuso muss den Briten von Visma-Lease a Bike in den kommenden Tagen also unbedingt einmal abhängen.
Das könnte Dich auch interessieren: 500 Schweizer Franken! Epis trinkt teuerste Cola der Welt
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/05/24/image-ba754354-bcfd-4ea7-9deb-756b6d1e467a-85-2560-1440.jpeg)
Vorschau zur 15. Etappe: Über den Monte Grappa nach Asiago
Quelle: Eurosport
Ähnliche Themen
Werbung
Werbung