Simon Yates triumphiert beim Giro d'Italia - Isaac Del Toro und Richard Carapaz im Zwist: Drei Dinge, die auffielen
VonFelix Mattis
Update 01/06/2025 um 10:20 GMT+2 Uhr
Die epische letzte Bergetappe über 205 Kilometer und den gefürchteten Colle delle Finestre hat den Giro d'Italia auf den Kopf gestellt. Simon Yates stürmte vom dritten Gesamtrang vor ins Rosa Trikot, weil die Konkurrenz nicht zusammenarbeitete und die Visma-Taktik diesmal perfekt aufging. Chris Harper holte sich den Etappensieg und Giro-Veranstalter RCS darf stolz sein. Drei Dinge, die auffielen.
Highlights: Giro-Dreikampf für Geschichtsbücher bei Schotter-Spektakel
Quelle: Eurosport
Chris Harper freute sich in Sestrière nach seinem Solo-Sieg gleich doppelt: darüber, dass Ex-Teamkollege Simon Yates das Rosa Trikot eroberte, und darüber, dass er selbst doch noch einen versöhnlichen Abschluss mit dieser Italien-Rundfahrt fand.
Nachdem der Australier beim Giro eigentlich auf Gesamtwertung fahren wollte, wurde er krank und musste umplanen. Er versuchte es mehrmals über Fluchtgruppen, doch erst beim letzten Anlauf auf Etappe 20 war er der Stärkste.
Sein Triumph ging in den Alpen aber unter. Der mehrere Minuten hinter ihm entbrannte Kampf ums Rosa Trikot überstrahlte alles.
Drei Dinge, die auf der 20. Etappe auffielen:
1. Doppelte Wiedergutmachung für Yates
Sieben Jahre nachdem er am Colle delle Finestre im Rosa Trikot völlig eingebrochen war, auf dem Weg nach Bardonecchia 38 Minuten verlor und zusehen musste, wie sein Landsmann Chris Froome den Giro-Sieg feierte, hat Simon Yates ausgerechnet an eben diesem Finestre den 108. Giro d'Italia für sich entschieden.
Eine fabelhaftere Wiedergutmachungs-Geschichte könnte man sich kaum ausdenken. "Als die Route für den Giro vorgestellt wurde, hatte ich diese Etappe schon im Kopf. Ich wollte hier etwas versuchen und das Kapitel von damals schließen. Ich bin sprachlos, dass ich das heute geschafft habe", sagte der Brite im Interview.
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Yates emotional: "Konnte die Tränen nicht zurückhalten"
Quelle: Eurosport
Doch für Yates und sein Team Visma-Lease a Bike war der Triumphzug von Sestrière auch eine kleine Wiedergutmachung für eine interne Meinungsverschiedenheit vom Vortag. Da noch hatte Yates im Ziel erklärt, sein Team habe genau das Gegenteil von dem gemacht, was am Morgen für die 19. Etappe besprochen worden war.
Ein offensichtlich ausgiebiges De-Briefing und eine weitere Taktikbesprechung später, ging Vismas Plan für Etappe 20 dann perfekt auf. Wieder schickte man Wout van Aert in die Ausreißergruppe des Tages, damit er Yates nach einem etwaigen Angriff am Finestre anschließend noch würde helfen können.
Diesmal aber fuhr man dahinter im Hauptfeld kein Tempo und sorgte somit auch nicht dafür, dass die Ausreißergruppe zu früh eingeholt wurde. Sondern man überließ der Konkurrenz von EF und UAE die Arbeit.
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Emotion pur: Yates erobert Rosa Trikot auf letzter Bergetappe
Quelle: Eurosport
Als dann Richard Carapaz am Colle delle Finestre früh sehr hart attackierte, ließ sich Yates nicht in den roten Bereich locken, sondern fuhr in seinem eigenen Tempo wieder an den Ecuadorianer und dem Carapaz gefolgten Mann in Rosa, Isaac Del Toro, heran. Anschließend attackierte er das Duo drei Mal und setzte sich schließlich ab, während Del Toro die Verfolgungsarbeit voll und ganz Carapaz zuschob.
"Ich wusste, wenn ich alleine mein eigenes Tempo fahren kann, bin ich sehr stark", erklärte Yates seine Herangehensweise an den Colle delle Finestre. Auf den gut 15 Kilometern bis zur Passhöhe fuhr er 1:37 Minuten auf das Duo heraus, war oben somit virtuell Gesamtführender und Visma zündete Stufe zwei des diesmal perfekt aufgegangenen Taktikplans:
Während Carapaz und Del Toro keine Helfer mehr vor sich im Rennen hatten, dockte Yates in der Abfahrt an den wartenden van Aert an und der baute den Vorsprung auf die beiden sich streitenden Lateinamerikaner weiter aus, bis die den Kampf um Rosa schließlich beide aufgaben.
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Perfekte Relais-Station van Aert: Visma landet den Mega-Coup
Quelle: Eurosport
"Wout und das ganze Team waren heute die Kirsche auf der Torte", sagte Yates und ergänzte unter Tränen: "Ich hatte heute Morgen Zweifel, ob ich heute wirklich etwas erreichen kann. Aber das Team hat an mich geglaubt – danke!"
2. Carapaz - del Toro: Wenn zwei sich streiten…
Neben der perfekt aufgegangenen Taktik von Visma war vor allem der Zwist zwischen Del Toro und Carapaz das Zünglein an der Waage in Sachen Giro-Gesamtwertung. Der Mann, der zwei Wochen lang das Rosa Trikot trug und der Mann, der in der Schlusswoche am Berg am stärksten wirkte, neutralisierten sich gegenseitig.
Ihre Meinungsverschiedenheit in Sachen Taktik und Verantwortungslage bei der Verfolgung des enteilten Yates bescherte dem Briten den Giro-Sieg mindestens genauso sehr, wie dessen schiere eigene Stärke.
Denn schon nachdem das EF-Team von Carapaz unten in die Finestre-Steigung hinein Vollgas gegeben hatte und mit Mikkel Honoré ein regelrechtes Leadout für den Ecuadorianer gefahren war, wurde deutlich: Del Toro konzentriert sich nur auf ihn. Der Mexikaner schloss die Lücke und setzte sich ans Hinterrad von Carapaz.
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Konzertierte Attacke: EF-Team lanciert Carapaz am Finestre
Quelle: Eurosport
Als dann auch Yates von hinten kam und sofort attackierte, ließ der Mann in Rosa den Gesamtzweiten die Lücken zum Gesamtdritten jeweils schließen und blieb hinter Carapaz sitzen.
Bei Yates' drittem Angriff, mit dem er sich schließlich löste, wartete Carapaz einen Moment und wollte auch Del Toro arbeiten lassen. Doch der tat das nicht und so ging die letztlich entscheidende Lücke auf. Carapaz musste wieder arbeiten und in ihm dürfte der Groll auf den folgenden 15 Kilometern bis zur Passhöhe gestiegen sein. Nur sehr selten löste Del Toro ihn kurz ab. Da war der immer mal wieder von hinten zurückkommende Gesamtvierte Derek Gee (Israel-Premier Tech) schon die größere Hilfe.
Immer wieder schien es, als hätte Del Toro Probleme, Carapaz zu folgen. Die eine oder andere kleine Lücke ging auf, doch richtig knacken konnte der Ecuadorianer den Mexikaner nicht. Über die Kuppe des Colle delle Finestre kamen die Beiden 1:37 Minuten nach Yates, der damit nicht nur Carapaz den zweiten, sondern auch Del Toro den ersten Platz virtuell bereits abgenommen hatte.
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Attacke Nr. 3 sitzt: Simon Yates lässt Carapaz und Del Toro stehen
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Del Toro fuhr in der Abfahrt zwar vor, forderte Carapaz dann aber auf einem kurzen Flachstück auf, die Spitze wieder zu übernehmen und der schüttelte nur den Kopf. Dadurch, dass er den Mexikaner am Berg nicht hatte abhängen können, änderte sich für ihn die Situation: Jetzt lag die Verantwortung beim Mann in Rosa, seinen Giro-Sieg zu verteidigen. Der aber sah das offensichtlich anders. "Ich habe Richard den Druck auferlegt, Simon zu verfolgen, weil der (Yates) Dritter war", erklärte der 21-Jährige Eurosport im Ziel.
Eine Logik, die er und das UAE-Team spätestens ab dem Zeitpunkt, als Yates mehr als 1:21 Minuten – seinen Rückstand vor der Etappe – an Vorsprung herausgefahren hatte und Carapaz zuvor Del Toro am schweren Finestre nicht abgehängt hatte, wohl exklusiv für sich beanspruchen durften. Denn warum hätte Carapaz nun Del Toro, den er in der weniger steilen Schlusssteigung nach Sestrière wohl ohnehin nicht mehr hätte abhängen können, zum Giro-Sieg führen sollen?
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Keine Zusammenarbeit: Del Toro und Carapaz verschenken Giro-Sieg
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Eine Einigung kam nicht zustande und so entstand eine peinliche Pattsituation, die bei allen Experten viel Kopfschütteln auslöste. "Wir hätten vielleicht die Stärksten sein können, aber wir waren nicht die Intelligentesten", sagte Carapaz im Ziel am Eurosport-Mikrofon und sah die Verantwortung klar bei Del Toro: "Am Ende hat er den Giro verloren."
Unterm Strich blieb die Erkenntnis, dass der 21-jährige Shootingstar körperlich wohl tatsächlich in der Lage gewesen wäre, den Giro zu gewinnen. Und auch menschlich wusste er zu überzeugen, sprach in seinem Interview im Weißen Trikot des besten Nachwuchsfahrers, das er immerhin behalten konnte, als allererstes dem siegreichen Yates seine Gratulation aus. Taktisch aber scheint noch Luft nach oben. Als 21-Jähriger darf man die auch gerne noch haben.
Oder, wie Del Toro in Erinnerung rief: "Ich bin natürlich enttäuscht, verloren zu haben. Aber letztendlich könnte ich auch nicht glücklicher sein, denn vor dem Start in Albanien hätte wohl kaum jemand geglaubt, dass ich heute hier stehen würde."
3. Grazie, Giro!
An Dramaturgie war diese 108. Italien-Rundfahrt nicht zu überbieten. Giro-Veranstalter RCS darf sich freuen, dass der Plan mit den sehr stark auf die Schlusswoche konzentrierten topografischen Schwierigkeiten perfekt aufgegangen ist, ohne dass das Rennen zuvor langweilig gewesen wäre.
Von Beginn an baute man Spannung auf und setzte Anreize für offen ausgetragene Kämpfe um die Etappensiege. Eine erste Bergankunft in Tagliacozzo gegen Ende der ersten Woche sortierte das Klassement vor und das Schotter-Spektakel von Siena gab dem Rennen mit Shootingstar Del Toro einen nicht vorhersehbaren Dreh, der die anschließenden zwei Wochen extrem spannend machte.
Permanent stand die Frage im Raum, wie lange der 21-Jährige sich an der Spitze würden halten und wie er mit den schweren Bergetappen zurechtkommen würde. Die Streckenführung hielt das Rennen offen und als die brutal schwere Schlusswoche kam, schienen noch sechs, sieben oder gar acht Fahrer gewinnen zu können.
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Analyse zum Giro-Clash - Carapaz: "Am Ende hat ER den Giro verloren"
Quelle: Eurosport
Gleich zu Wochenbeginn bot Etappe 16 am Gardasee ein packendes Spektakel und setzte die spannende Geschichte ums Maglia Rosa durch Del Toros dortige Schwäche mit einer neuen Stoßrichtung weiter fort – bevor tags darauf in Bormio mit Del Toros Etappensieg gleich die nächste Wendung folgte. Etappe 19 schließlich zog den Favoriten mit fünf Bergen die letzten Reserven aus den Beinen und kurzzeitig konnte man das Gefühl bekommen, die vier schweren Bergetappen in der letzten Woche könnten doch etwas zu viel des Guten sein.
Doch das Spektakel vom Colle delle Finestre zeigte: Die Belastungs-Dosierung war genau die richtige, um beim großen Finale noch für den größtmöglichen Thriller zu sorgen. Spannender kann man sich eine dreiwöchige Rundfahrt nicht wünschen – und vielleicht stößt das auch ein Umdenken an: Man muss keine großen Antrittsgelder für Tadej Pogacar, Jonas Vingegaard oder Remco Evenepoel zahlen, um ein tolles Radrennen zu bekommen. Vielleicht sogar eher im Gegenteil.
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