Chris Froome kämpft auch über 21 Monate nach seinem schweren Sturz bei der Dauphiné 2019 weiter darum, sein altes Niveau wieder zu erreichen. Eine Ewigkeit im Sport - und die Zeit wird knapp für den vierfachen Tour-Sieger. Schon bei seinem Saisoneinstand, der UAE Tour, spielte er weder im Zeitfahren noch bei den Bergankünften eine Rolle und landete am Ende auf Rang 47 der Gesamtwertung, über zwanzig Minuten hinter Tadej Pogacar.
Die laufende Katalonien-Rundfahrt zeigt noch keine Verbesserung, Tag für Tag kassierte Froome große Rückstände.
Das wirft die Frage auf, wie der Brite bis zum Tour-Start am 26. Juni zum Anwärter auf das Gelbe Trikot werden will. Dass er bei seinem Comeback 2020 noch nicht sein früheres Niveau hatte und von seinem damaligen Team Ineos für die Frankreich-Rundfahrt nicht nominiert wurde, überraschte viele Experten wenig. Aber nach 45 Renntagen im vergangenen Jahr und einer intensiven Vorbereitung im Winter hatten sich viele Fans vom einstigen Seriensieger drei Monate vor Tour-Start deutlich mehr erwartet.

Doch in seinem neuen Rennstall Israel Start-Up Nation gibt man sich betont entspannt und sieht sich auf gutem Kurs. "Ich erwarte von ihm, dass er sich durchkämpft - und nur, dass er sich durchkämpft. Wir haben keine Erwartungen mit Blick auf das Gesamtklassement", macht Paulo Saldanha deutlich. Aus Sicht des Performance Directors des Rennstalls, der die wochenlange Aufbauarbeit Froomes im Leistungszentrum von Red Bull in Kalifornien beaufsichtigte, musste sein neuer Schützling noch einmal bei null anfangen.
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Froome verliert den Anschluss - und nimmt es mit Humor

In Santa Monica habe man noch einmal ganz von vorne begonnen, mit sehr viel Kräftigungs- und Gleichgewichtsübungen, aber auch der Simulation von intensiven Belastungen durch Reduzierung der Blutzufuhr der Muskulatur, erklärt er im exklusiven Gespräch mit Eurosport.
Wie Untersuchungen zeigten, soll Froome 20% der Kraft in seinem rechten Oberschenkel fehlen. Doch reicht das als Erklärung für seine wenig berauschenden Auftritte aus?

Froome: Werte "besser als vor dem Sturz"

Viel Geduld war gefordert, um aus Froome wieder einen Topathleten zu machen, auch darum wurde seine Teilnahme am Trainingslager des Rennstalls vor Saisonbeginn zugunsten einer Verlängerung seines Aufenthalts in den USA abgesagt. "Wir brauchten diese drei zusätzlichen Wochen, um Chris dorthin zu bringen, wo er sein sollte", so Saldanha, "die Reha war unsere Priorität und danach war mehr Zeit notwendig, als wir gehofft hatten, um an der Form auf dem Rad zu arbeiten." Daneben, so der Kanadier, "haben wir ganz spezifische Übungen auf der Rennmaschine gemacht, um die Kraftübertragung zu erleichtern".
Froome selbst rechnet damit, im "Lauf der nächsten Monate noch viele Anpassungen" vornehmen zu müssen, wie er in einem Video auf seinem Youtube-Kanal erklärte: "Ich mache noch immer viel Krafttraining und werde das für den Rest meiner Karriere tun müssen, um an meinen Disbalancen zu arbeiten", so der gebürtige Kenianer.
"Jedes Mal, wenn ich einen Block in der Höhe oder ein Rennen absolviere, setze ich den Prozess fort, der mich hoffentlich zum endgültigen Ziel führt. Es ist ein langer Weg. Aber ich versuche, die Moral zu behalten und immer weiterzumachen."


Die Rückstände wie nun in Katalonien nimmt man im um ihn neu strukturierten Rennstall vorerst weiter gelassen, sieht ihn bezüglich Kraft und Gleichgewicht "besser als vor seinem Sturz", auch wenn "die Form auf dem Rad noch nicht da ist". Die muss er erst Ende Juni in der Bretagne haben, wenn die drei Wochen der "Grande Boucle" beginnen.
"Ihn eine fünfte Tour de France gewinnen zu sehen ist, neben anderen, der Grund, warum wir ihn verpflichtet haben", unterstreicht Chérie Pridham, Sportliche Leiterin der Mannschaft von André Greipel und Rick Zabel, im Eurosport-Podcast von Bradley Wiggins. "Es ist noch ein weiter Weg, aber wir legen weiter die Grundlagen für die Tour. Die Trainer sagen uns, dass er auf dem richtigen Weg ist. Seine Reha ist zu 99% abgeschlossen."
Doch längst nicht alle Beobachter sehen Froome auf Kurs ins "maillot jaune". Bernard Hinault etwa, einer der vier Fünffach-Sieger der Tour, rechnet nicht mit einem Neuzugang im Klub der Rekordhalter (Anquetil, Merckx, Hinault, Indurain): "Ich sehe keinen Grund für Hoffnung", ist der Bretone gegenüber Eurosport kategorisch. "Wenn er sein altes Niveau wieder erreichen könnte, hätte er es schon getan." Der Franzose kann sich an keinen Fahrer erinnern, der mit über 35 Jahren nach einer schweren Verletzung wieder sein früheres Leistungsniveau erreicht hätte.

Team glaubt an Froome: "Talent verschwindet nicht"

Wiggins hingegen schreibt seinen einstigen Teamkollegen nicht ab. "Er muss erst wieder das Selbstvertrauen und seine körperliche Leistungsfähigkeit zurückgewinnen", meint der Olympiasieger. "Ich werde ihn nicht unterschätzen. In dem Moment, in dem man das macht, bezahlt man es. Er ist ein unglaublicher Athlet."

Bradley Wiggins und Christopher Froome 2012

Fotocredit: Getty Images

"Talent verschwindet nicht einfach", lacht Saldanha, "es gibt zahllose Beispiele von Athleten, die mit weit über 30 Jahren noch Leistungen auf ihrem besten Niveau zeigen. Es gibt keinerlei Grund, dass es bei Chris anders sein sollte."
Doch die Rückkehr auf das einstige Niveau ist nur der eine Teil der Gleichung mit dem Ergebnis Tour-Sieg. Die fast noch größere Hürde stellt die deutlich jüngere Konkurrenz dar. Titelverteidiger Pogacar, 2019-Sieger Egan Bernal oder auch Primoz Roglic, um nur einige Hochkaräter zu nennen. "Niemand kann sagen, ob er ohne seine Verletzung auf dem Niveau der neuen Generation wäre", gibt Hinault zu bedenken: "Sie sind hungrig, sie werden ihm nicht einfach den Platz überlassen."
Doch in Froomes Rennstall glaubt man weiter an die Chance auf den historischen Triumph. "Wenn alles zusammenpasst - seine Form, die Gesundheit, die Einstellung - dann kann er im Kampf mitmischen", meint Saldhana. "Die Konkurrenz ist sehr groß, aber Chris ist ein Fighter und er weiß, wie man gewinnt. Wenn sein Körper richtig auf die Belastungen reagiert, kann er konkurrenzfähig sein."
Ob der Plan aufgeht, werden die nächsten Wochen zeigen – noch ist der Weg zur Tour weit. Es wird ein Wettlauf gegen die Zeit für Froome.
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