Mailand-Sanremo: Favoritencheck zum Klassiker - Jens Voigt über die Chancen von Pogacar, van Aert und van der Poel

Wer macht das Rennen bei Mailand-Sanremo 2023? Eurosport-Experte Jens Voigt analysiert die Chancen der Superstars Tadej Pogacar, Wout van Aert und Mathieu van der Poel beim ersten Radsport-Monument der Saison. Voigt nennt seine Favoriten auf das Klassiker-Podium, blickt auf die deutschen Chancen beim längsten Eintagesrennen des Jahres und verrät seine Vorbereitung auf den "Marathon" am Mikrofon.

Milano - Sanremo : recon of final by Philippe Gilbert (short version)

Quelle: Eurosport

Mit Mailand-Sanremo beginnt am Samstag (ab 9:45 Uhr im Liveticker) in Italien die Saison der ganz großen Radsportklassiker.
Extreme 294 Kilometer müssen die Fahrer auf dem Weg von der Modemetropole zum Ziel auf der Via Roma bewältigen, mit den letzten Anstiegen zu Cipressa und Poggio als Schlüsselstellen.
Eurosport-Experte Jens Voigt nimmt im Interview die Chancen der Topfahrer unter die Lupe. Die Startliste ist gespickt mit Ex-Siegern des Rennens ebenso wie mit Stars, die unbedingt den Triumph bei der Classicissima zu ihrer Erfolgsliste hinzufügen wollen.
Doch die Chance auf eine Überraschung ist bei der 114. Austragung besonders groß.
Herr Voigt, das Rennen scheint in diesem Jahr so offen wie schon sehr lange nicht mehr zu sein ...
Jens Voigt: Genau das macht Mailand-Sanremo diesmal so spannend wie selten! Nehmen wir nur die zwei sonst heißesten Favoriten: Wout van Aert hat bei Tirreno-Adriatico an manchen Tagen extrem starke Auftritte gehabt, ist aber auch manchmal spektakulär explodiert. Ähnlich bei Mathieu van der Poel, der dort die Sprints für seinen Teamkollegen toll angefahren hat, aber selber keine Etappe gewinnt. Sie sind gut in Form, aber weit davon entfernt, schier unschlagbar zu sein, wie das sonst oft zu diesem Zeitpunkt der Fall war. Auch Julian Alaphilippe hat dort ein paar Mal attackiert, aber ist ebenfalls nicht auf dem Leistungsniveau, um als Solist in Sanremo anzukommen, Vorjahressieger Matej Mohoric war bis jetzt sogar vollkommen unauffällig. Wir haben tatsächlich keine ganz klaren Favoriten.
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Dramatisches Finale: Mohoric zieht's durch - Van der Poel Dritter

Quelle: Eurosport

Wer könnte diese Chance nutzen?
Voigt: Für mich kommen da zwei Fahrer infrage: Einerseits Ex-Weltmeister Mads Pedersen - er hat bei Paris-Nizza zuerst einen Etappensieg und weitere Topresultate geholt, um dann vor dem bergigen Schlusswochenende auszusteigen. So konnte er Kräfte sparen und noch einen guten Trainingsblock einschieben. Er wird auf diese Weise perfekt vorbereitet sein. Ihn erwarte ich auf dem Podium - und vielleicht auch Biniam Girmay. Er war im letzten Jahr bei seiner Premiere schon Zwölfter, ist erst 22 Jahre alt, die Formkurve scheint nach oben zu gehen und mit ihm könnte erstmals ein Afrikaner auf dem Podest stehen.
Gibt es einen Fahrer, der solche Sprinter mit einer Attacke am Poggio erfolgreich abhängen könnte?
Voigt: Das kann aktuell eigentlich nur Tadej Pogacar - der hat mit seinen drei Etappensiegen bei Paris-Nizza gezeigt, dass er glänzend aufgelegt ist. Ich glaube aber, dass er sehr bewacht sein wird, was es schwer für ihn macht. Aber wenn so ein richtiger Champion mit der Brechstange attackiert, kann man manchmal nichts dagegen tun. Allerdings sind Poggio und Cipressa als Anstiege vielleicht einfach nicht schwer genug, um dort eine Lücke zu reißen, die groß genug ist. Bei einem Eintagesrennen können kletterstarke Sprinter über solche Steigungen in der ersten Gruppe mithalten - am Ende einer Rundfahrt, wenn sie schon Kräfte gelassen haben, wäre das eine andere Sache. Aber man muss eben bergfest genug sein als Sprinter, weshalb Fabio Jakobsen diesmal nicht nominiert wurde und ich bei Mark Cavendish nicht glaube, dass er es noch einmal in die Top Ten schaffen kann.
Wie sind die Chancen der deutschen Starter einzuschätzen?Voigt: Sie werden sich wahrscheinlich am ehesten als Ausreißer in Szene setzen können. Falls der Plan zum Beispiel ist, dass ein Team wie Bahrain sagt: Wenn sich eine Gruppe von über zehn Fahrern absetzt, müssen wir da drin sein - und ein Fahrer wie Nikias Arndt geht dann mit; der hat alles, was es dann für eine solche Überraschung braucht. Er bringt die Erfahrung mit, er hat die Tempohärte, die Cleverness - und aus einer solchen Gruppe heraus wäre er wahrscheinlich auch noch einer der Schnellsten. Das könnte eine Variante sein, alle Jubeljahre kommt selbst bei den Monumenten mal eine solche Gruppe durch. Einen klassischen Kandidaten auf einen Spitzenplatz sehe ich aber in diesem Jahr aus deutscher Sicht leider nicht.
Es ist ja nicht nur für die Fahrer ein extrem langer Tag mit fast 300 Kilometern, sondern auch für euch Kommentatoren mit rund sieben Stunden Liveübertragung: Wie bereitet man sich auf so einen Marathon am Mikrofon vor?
Voigt: Man studiert alle Ergebnisse der letzten Jahre und verinnerlicht den Verlauf der letzten Rennen wie Tirreno-Adriatico und Paris-Nizza, um die möglichen Taktiken der Mannschaften einschätzen zu können, den Formstand der Fahrer zu kennen und so für die Zuschauer unterschiedliche Szenarien entwerfen zu können. Die Startliste wird genau studiert, um alle auch sofort zu erkennen. Dazu kommt perfekte Streckenkenntnis, um zu den Anstiegen alle Eckdaten auswendig zu können, das Studium der Wetterprognose - und auch Vorbereitung auf die touristischen Sehenswürdigkeiten unterwegs. Man muss auch die Geschichte des Rennens und die Geschichten drumrum genau kennen und parat haben, die Legenden und die Romantik von Mailand-Sanremo ausbreiten können. Außerdem rufe ich noch Fahrer, Teamverantwortliche und andere Insider an, um von ihnen exklusive Informationen und Einschätzungen zu bekommen. Damit wir die lange Distanz gut überstehen, wird aber auch einiges an Kaffee nötig sein! (lacht)
Das Interview führte Andreas Schulz
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