Jens Voigt im Eurosport-Interview: Tapen, bis der Arzt kommt - der Mythos Paris-Roubaix

Jens Voigt erklärt im Exklusiv-Interview mit Eurosport.de, warum Nils Politt aus deutscher Sicht der größte Hoffnungsträger bei Paris-Roubaix ist. Die Entscheidung beim Klassiker über die berühmten Pavé-Sektoren dürfte aber zwischen Mathieu van der Poel und Wout van Aert fallen. "Da geht kein Weg dran vorbei", sagt Voigt, der während seiner Laufbahn zweimal die Deutschland Tour gewann.

Paris - Roubaix : from inside the peloton

Quelle: Eurosport

Zum 120. Mal geht es bei Paris-Roubaix (Sonntag ab 11:25 Uhr von Start bis Ziel im Liveticker) um den berühmten Pflasterstein als Siegtrophäe.
Erst zwei deutsche Fahrer stehen in der Liste der Gewinner seit 1896 beim dritten der fünf Monumente des Radsports.
Die 256 Kilometer bis zur Radrennbahn in Nordfrankreich sind in diesem Jahr mit 29 Pavé-Sektoren gespickt, deren Gesamtlänge 54,5 Kilometer der Strecke ausmacht.
Mit dem gefürchteten Wald von Arenberg beginnt die heiße Phase des Rennens für die 200 Profis aus den 25 Teams.
Herr Voigt, wie sieht es mit den deutschen Chancen auf einen Spitzenplatz im Velodrom aus?
Jens Voigt: Die deutschen Fahrer haben sich bei der Flandern-Rundfahrt ganz gut verkauft - und mit John Degenkolb ist einer dabei, der gleich doppelt weiß, wie es geht: Er hat ja nicht nur , sondern danach auch noch die . Nils Politt hat sich richtig stark gezeigt letzte Woche, hat mutig attackiert und wenn ihm am Ende des Paterberg nicht ein paar Meter zu den Fahrern vor ihm gefehlt hätten, wäre er letztlich in den Top Ten gelandet. Ihm liegt Roubaix sicher vom Rennen her noch besser, das hat er ja mit seinem auch schon eindrucksvoll bewiesen. Er ist die größte Hoffnung aus deutscher Sicht.
Auf welche Fahrer sollten die deutschen Fans noch achten?
Voigt: Max Walscheid war bei der 'Ronde' auch sehr stark und schien mir da fast der beste Deutsche im Rennen zu sein. Ihn können wir in Roubaix weiter vorne einplanen, denn die steilen Rampen in Flandern sind nicht das perfekte Terrain für einen so großen, kräftigen Fahrer wie ihn. Pascal Ackermann hatte etliche gute Auftritte in den verschiedenen belgischen Rennen zuletzt und für ihn bietet sich Sonntag eine ganz besondere Chance: Wenn er sich dort gut verkauft, ob mit einem guten Ergebnis oder toller Arbeit für das Team, könnte er sich für einen Platz im Aufgebot für die Tour de France empfehlen. Denn um diesen Traum wahr zu machen, hat er nur eine Chance: Als Sprinter wird er dort nur einen Platz finden, wenn er auf seine eigenen Chancen verzichtet und anbietet, sich als Bodyguard um Tadej Pogacar zu kümmern: Ihn auf jeder Flachetappe zu beschützen, im Feld zu platzieren, ihm mit seiner Statur Windschatten zu geben - diese Rolle könnte seine Möglichkeit sein. Dann gewinnt er natürlich keinen Sprint und da ist die Frage, was er möchte, er ist ja auch noch jung und hungrig auf eigene Siege. Aber ich kann aus meiner Erfahrung nur sagen, dass viele überrascht sind, wie sehr diese Rolle auch befriedigt: Wenn der Kapitän sich abends bedankt, dass er dank dir ohne Stress durch den Tag gekommen ist, macht das enorm stolz.
Wer sind die Favoriten auf den Sieg in Roubaix?
Voigt: An den großen Namen Mathieu van der Poel und Wout van Aert geht kein Weg vorbei, auch wenn alle 20 Jahre mal eine frühe Ausreißergruppe durchkommt - wobei das im modernen, datengesteuerten Radsport eigentlich nicht mehr vorkommt. Van Aert und sein ganzes Team werden extrem motiviert sein, weil sie in Flandern nach ihrer eindrucksvollen Siegesserie zuvor das Podium verpasst haben, was für sie wie eine Niederlage ist. Sie werden mit Wut im Bauch antreten, einen genauen Plan entwickeln und viel dominanter fahren als am letzten Sonntag. Es ist ihre letzte Chance bei den Kopfsteinpflaster-Klassikern - und selbst wenn Van Aert nicht seinen besten Tag haben sollte, sind mit Christophe Laporte und Vorjahressieger Dylan van Baarle zwei andere Trümpfe im Team.
Wer kann neben den Topfavoriten auch noch ein Wort ums Podium mitreden?
Voigt: Mads Pedersen ist ein sehr starkes Rennen in Flandern gefahren - und das, obwohl die Anstiege dort gar nicht ideal für einen schweren Fahrer wie ihn sind. Ich denke, er wird sehr weit vorne landen. Dann dürfen wir Filippo Ganna nicht vergessen, der letzte Woche ausgesetzt hat. Er und sein Team haben sich minutiös auf Paris-Roubaix vorbereitet. Ein heißer Außenseiter ist für mich daneben auch Alexander Kristoff. Das Messer am Hals hat das Team Soudal-Quick Step nach den ausbleibenden Erfolgen: Da möchte ich aktuell nicht als Fahrer im Mannschaftsbus sitzen müssen. Sie werden auf Kasper Asgreen, Yves Lampaert und Tim Merlier bauen. Der Druck auf sie ist immens, deshalb könnte ich mir vorstellen, dass sie es mit frühen Attacken versuchen, um auch keine kräftezehrende Verfolgungsarbeit im Feld leisten zu müssen.
Tadej Pogacar lässt Paris-Roubaix zwar aus, aber könnte er auch im Velodrom gewinnen, wenn er das Sturzrisiko des Rennens ausblenden und es auf seine Liste nehmen würde?Voigt: Ja, absolut - keine Frage. Denn am Ende solcher Rennen sind alle müde - und wer dann noch mehr Leistung aufs Pedal bringen kann, ist vorne. Da gilt für das Profil von Paris-Roubaix der alte Spruch: "Pflaster ersetzt Berge". Wenn er es sich in den Kopf setzt und sagt, er geht die Gefahr eines Crashes und den möglichen Ausfall für die großen Rundfahrten ein, um auch dieses Monument zu gewinnen, dann kann er das auf jeden Fall. Die Form wäre da und sein Team ist auch stark genug dazu, das haben wir in Flandern ja gesehen.
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"Pogacar auf einer Mission": Die Attacken-Serie in Flandern

Quelle: Eurosport

Wie groß ist die Anspannung bei den Fahrern vor dem Start zu einem solchen extremen Rennen?
Voigt: Das Rennen an sich ist einfach so nah an den Gladiatorenkämpfen im alten Rom dran, wie es in unserer modernen Zeit nur geht. Es geht natürlich nicht um Leben und Tod, aber um die Gesundheit geht es schon. Es ist ein Rennen wie kein zweites. Alle spüren den Druck am Start in Compiègne - die Menge der Fans und Zuschauer dort, die Sponsoren, die an so einem Tag alle vor Ort sind, die Medien … Jeder Fahrer weiß, wie extrem wichtig seine Rolle, seine Aufgabe bei so einem Rennen ist: Egal ob man in die Ausreißergruppe gehen soll, ob man Tempo im Feld fahren soll, ob man Trinkflaschen und Regenjacken holt, ob man seinen Kapitän beschützen und platzieren soll - jeder hat einen ganz wichtigen Job und der Sieger kann nur gewinnen, wenn jeder im Team seinen jeweiligen Job perfekt ausführt. Der stärkste Fahrer der Welt könnte in Roubaix niemals alleine gewinnen, er braucht immer eine Mannschaft und darum ist der Stress für alle so groß.
Wie war das für Sie bei Ihrer Roubaix-Premiere 2001?Voigt: Eine Anekdote macht das deutlich: Wir saßen im Teambus und alle fingen an, sich die Finger und Handgelenke zu tapen und ich dachte - okay, das macht Sinn bei den Vibrationen auf dem Pflaster. Dann machten die aber weiter und haben sich auch die Schultern und Oberschenkel mit Tape beklebt. Da hab' ich gefragt, was das soll und die Jungs haben mir gesagt: Beim ersten Sturz geht so nur das Tape ab, erst beim zweiten Sturz erwischt es die Haut! Das ist Paris-Roubaix: Die Frage ist nicht, ob du stürzt. Die Frage ist nur, wie oft und wie schwer du stürzt. In kein anderes Rennen geht man mit der Gewissheit, dass man auf jeden Fall stürzen wird. Wenn es einen nur einmal erwischt, hat man einen guten Tag gehabt!
Bei der Flandern-Rundfahrt hat die Taktik von Team DSM für Debatten gesorgt, als die Fahrer um Degenkolb & Co. in einem Anstieg erst das Tempo mit Stehversuchen verschleppt haben - um dann plötzlich geschlossen loszusprinten: Wie beurteilen Sie die Aktion?Voigt: Mir fallen dazu zwei Worte ein: gehässig und clever. Es ist als Taktik super erfolgreich, weil sie das Feld damit am Ende so langgezogen und den Fahrern hinten so weh getan haben, dass es extrem wirkungsvoll war. Als sie vorne schon wieder beschleunigt hatten, sind die Fahrer hinten ja noch im Kriechtempo unterwegs gewesen. Den Anschluss wieder herzustellen kostet die dann so viel Kraft! Damit macht man sich keine Freunde, aber man will ja gewinnen, es ist kein Beliebtheitswettbewerb. Deshalb war das wirklich clever, aber da sind bestimmt jede Menge Schimpfwörter geflogen.
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Schlamm, Stürze, Spektakel: Die Highlights von Paris-Roubaix

Quelle: Eurosport

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