“The Armstrong Lie” – Wut und Wahrheit
„The Armstrong Lie“ ist der erste von diversen Filmen über Lance Armstrong. Beim Münchner DOK.fest gab's endlich die Chance, die Dokumentation in Deutschland im Kino zu sehen. Trotz Schwächen: Der zweistündige Blick hinter die Kulissen und in die Gesichter und lohnt sich.
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Fotocredit: Eurosport
Pflichtprogamm: Für alle, die Armstrong entweder noch immer die Stange gehalten haben - oder Michele Ferraris Märchenstunde erleben mögen.
Notprogramm: Für alle, die keine Lust auf dicke Schmöker zum Thema haben und mal wieder Radsport-Rennszenen auf Großleinwand sehen mögen.
Die Faszination. Die Wut. Die Ungläubigkeit.
Es dauert nur wenige Augenblicke, dann ist sie da. Egal wie viel man über Lance Armstrong schon gelesen hat –die Macht der Bilder, die Wucht der Interviewaussagen wirken einfach anders als hunderte Seiten Enthüllungen.
Schon die ersten Minuten, noch bevor der Filmtitel auch nur erscheint, nehmen einen mit auf die Achterbahnfahrt der Jahre mit dem Texaner: Armstrong, der Pantani abhängt; sein Credo "I can‘t stand the idea of losing"; das Comeback beim Tour-Start in Monaco 2009;der Sturz von Joseba Beloki bei der Tour 2003; Armstrong bei CNN mit seinem Mantra "I didn’t dope".
Was folgt, ist die Aufarbeitung einer einzigartigen Geschichte, die sich einst als märchenhaft präsentierte, um dann als albtraumhaft enttarnt zu werden. Dabei hat es Regisseur Alex Gibney nicht leicht: Wo anfangen, welchen Aspekt weglassen, wem einen Platz einräumen? Die Auswahl ist nicht immer überzeugend – und manches hängt ab von den Vorkenntnissen des Zuschauers.
Grausamkeit und Machtmissbrauch
Betrogen haben in jenen Jahren sehr viele. Was Armstrong heraushebt, ist sein Wille, die Gegner, auch jene abseits des Rennens, zu besiegen und zu demütigen. "The cruelty Lance showed his enemies off the bike was the very thing that allowed him to win on the bike", fasst es Oscar-Preisträger Gibney zusammen.
Wieder zu sehen, wie Armstrong bei der Tour 2004 Filippo Simeoni persönlich aus der Ausreißergruppe zurück ins Feld zwingt, nach erfolgreicher Strafaktion in die Kamera lacht und mit dem Finger verschlossene Lippen anzeigt, zu erleben, wie er Frankie Andreu vorführt oder die Journalisten David Walsh und Paul Kimmage abfertigt, macht diesen Punkt unmissverständlich deutlich.
Betsy Andreu bringt diese Sonderstellung Armstrongs am Ende prägnant auf den Punkt: "The doping is bad, but Lance's abuse of power is worse."
Dabei fehlen noch einige der eindrucksvollsten Beispiele – so kommt etwa Christophe Bassons gar nicht vor. Und im Rahmen des Comebacks bleibt unerwähnt, dass Simeoni als amtierender Meister Italiens nicht zum Giro 2009 eingeladen wurde: Ein einmaliger Vorgang, der fraglos eine Bedingung Armstrongs für seinen Start dort war. Schade auch, dass Floyd Landis nicht erzählen darf, wie Armstrong ihn einst bei der Tour damit bestrafte, dass seinen Blutbeutel ins Klo leerte…
Von der Ode zur Enthüllung
Der Film ist anzumerken, dass er eigentlich als Ode an das zweite Comeback Armstrongs von 2009 an gedacht war – das ist Stärke und Schwäche. Einerseits bekam Gibney so Einblicke und Interviewaussagen, die einmalig waren (und nun besonders schön der wahren Geschichte gegenübergestellt werden können). Umgekehrt aber ist der rote Faden manchmal verknotet oder kurz verschwunden.
Es ist schade, dass Gibney einigen Punkten nicht so nachgeht, wie ich es mir bei einem investigativen Journalisten seines Formats erwartet hätte: Warum wurden die von Super-Ermittler Jeff Novitzky gesammelten Aussagen gegen Armstrong sang- und klanglos von André Birotte ad acta gelegt? War dort politische Einflussnahme im Spiel? War Armstrongs Comeback 2009/10 nun sauber oder nicht? Was war eigentlich bei "Shower-Gate" wirklich los? Welche Rolle spielten über all die Jahre die Groß-Sponsoren? Was wussten Verbände und Institutionen?
Bruyneel brüllt, Ferrari faselt
Umgekehrt hat der Film einige unerwartete Highlights – etwa Interviews mit dem für die Öffentlichkeit fast unsichtbaren Michele Ferrari. Der italienische Meister-Doper darf sich als nicht unsympathischer, etwas schrulliger Zeitgenosse präsentieren, der kein Wässerchen trüben und keine Kanüle aufziehen kann. Wie ein Edelfan sitzt er mit der Stoppuhr vor dem Fernseher, wenn Armstrong am Ventoux 2009 ums Podium kämpft, natürlich sauber, claro.
Immer wieder gern genommen sind auch Blicke ins Teamfahrzeug, wo Johan Bruyneel die Mini-Kamera tatsächlich manchmal zu vergessen scheint: Sein Versuch, Contador 2009 von einer für Armstrong ungünstigen Attacke abzuhalten - und der Wutausbruch, als der Spanier sich nicht darum schert, sind höchst sehenswert. Ebenso Bruyneels Anfrage von Wagenfenster zu Wagenfenster bei Bjarne Riis, ob man nicht gemeinsam Bradley Wiggins loswerden könne, bevor man sich dann wieder miteinander duelliere, ist ein gelungener Blick hinter die Kulissen.
Dass nicht nur der Belgier, sondern eben auch der Däne nichts mehr in Begleitfahrzeugen bei Radrennen verloren haben, ist einer der Aspekte, der über den Film hinaus führt. Ebenso die Fragen, die sich einem automatisch stellen, wennn man auf der großen Leinwand sieht, wie Contador am Berg hinwegtänzelt.
"Zehn Jahre Hölle"
Eine der Stärken von "The Armstrong Lie" ist, dass die Hauptperson nicht völlig dämonisiert wird. Wenn er seinen Töchtern erklärt, warum ihm jetzt von wildfremden Menschen im eigenen Haus Blut abgenommen wird, sieht man auch einen anderen Armstrong. Wie er mit Krebskranken umgeht, ihnen Mut macht und darüber spricht, wie sehr es ihn mitnimmt, kranke Kinder und deren Eltern zu sehen, wirkt ehrlich und ist bewegend.
Umgekehrt kann mag man sich die Enttäuschung kaum ausmalen, die Armstrongs Betrug gerade im Kreis der vielen Krebskranken ausgelöst haben muss, die in ihm Idol und Vorbild sahen und denen er echte Hoffnung gab.
Und Frankie Andreu stellt klar, dass man die Dinge in die richtige Relation setzen muss: Als sich Armstrong nach Jahren endlich am Telefon bei ihm entschuldigt, muss er ihn an einen entscheidenden Punkt erinnern:
"You know, I'm sure this was a tough phone call for you to make, and I'm sure that these last two months have been hell for you. But you know what? You've put me through hell for ten years."
Mitleid mit Armstrong kommt deshalb nicht auf und wäre auch fehl am Platz – gerade auch angesichts der vielen noch offenen Fragen. Wie Armstrong ganz zu Beginn selbst sagt: "Wir haben die Wahrheit noch nicht gehört."
Gibney kommt dieser Wahrheit näher. Viel näher, als er es in seinem ursprünglichen Film gekommen wäre. Das macht den Film sehenswert – auf die ultimative Dokumentation über Armstrongs Karriere müssen wir aber noch warten.
Andreas Schulz
(Twitter: @euroschulle)
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