Rund 30 Zeugen sind geladen, ein Urteil könnte kurz vor Weihnachten fallen. Doch mit Spannung wird vor allem erwartet: Gibt es womöglich noch neue Erkenntnisse?

"Gespannt bin ich, weil ich hoffe, dass wir vielleicht durch eine Aussage von Mark S. noch umfangreichere Dinge erfahren", sagte der Sportrechtler Michael Lehner dem SID. Lehner vertrat den österreichischen Langläufer Johannes Dürr, der als Kronzeuge die Ermittlungen ins Rollen brachte: "Ich sage es mal vorsichtig: Es kann und müsste mehr als das herauskommen, was wir jetzt wissen. Es sind sicherlich noch mehr Sportler involviert, das System wird größer gewesen sein."

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Bisher bekannt ist die Verwicklung von 23 Sportlern aus acht Ländern, darunter zehn Straßenradsportler. Betroffen sind dabei prominente Sportveranstaltungen, unter anderem die Olympischen Spiele 2014, 2016 und 2018, die Tour de France 2018, der Giro d'Italia 2016 und 2018, die Vuelta 2017, die nordische Ski-WM 2017 sowie weitere diverse Radrundfahrten und Wintersportveranstaltungen.

"Ohne dem Prozess vorzugreifen, aber die Ermittlungen alleine zeigen schon, dass es ein weltumfassendes, systematisches Dopingkonstrukt war, dass der Angeklagte über Jahre aufgebaut hat", sagte Lars Mortsiefer, Vorstand der Nationalen Anti-Doping-Agentur NADA, dem SID: "Von daher braucht sich dieses Verfahren sicherlich nicht hinter anderen großen Dopingenthüllungen der vergangenen Jahre zu verstecken."

Staatsanwalt: "Grandiose Beweislage"

Der zuständige Staatsanwalt Kai Gräber sprach während der Ermittlungen von einer "grandiosen Beweislage", unter anderem wurden bei Durchsuchungen Dutzende Blutbeutel sichergestellt. "Es ist im Dopingmetier das spektakulärste Verfahren, das ich bearbeiten durfte", sagte Gräber zuletzt dem Magazin Tour, dämpfte aber gleichzeitig zumindest ein bisschen die Erwartungen nach neuen Enthüllungen.

Medizinisch erfahrene Ermittler haben allerdings Sprengstoff aufgespürt. Wie die belgische Zeitung "Het Nieuwsblad" berichtet, sei ein neues Dopingpräparat entdeckt worden - H7379 Hemoglobine Human. Dabei handele es sich um menschliches Hämoglobin, das gefriergetrocknet und dem Körper zurückgeführt werde und ähnlich wie EPO wirke.

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Viel wird also von Mark S. und einer möglichen Aussage abhängen. "Mich würde interessieren: Wie sind die Beschaffungslinien? Steckt noch jemand dahinter - vielleicht eine Dopingmafia - oder war Mark S. alleine? Gibt es große Namen? Für mich ist klar, dass es nicht nur die Sportler waren, die in den Ermittlungen aufgetaucht sind", sagte Lehner.

Und warum? "Ich bin ja nicht naiv und habe meine Berufserfahrung. Bei so einer großen Maschine zur Blutaufbereitung, die von S. erworben wurde - das muss sich ja schon rein wirtschaftlich lohnen. Da müssen viel mehr Personen involviert gewesen sein", sagte er.

Prozess mit Signalwirkung

Für Lehner könne es für Mark S., der seit mehr als 16 Monaten in Untersuchungshaft sitzt, nur noch darum gehen, "günstig" aus dem Prozess rauszukommen: "Da kann man ihm nur von außen raten: 'Komm, lass die Hosen runter. Alles andere ist ein großer Nachteil für dich. Du musst niemanden mehr schützen. Du bist für dich selbst verantwortlich.'"

Doch könnte der Prozess auch weit über diesen Fall Bedeutung haben. "Es ist der erste größere Dopingstrafprozess auf Grundlage des Anti-Doping-Gesetzes", sagte Lehner: "Es ist schon der Lackmustest, wie das Gesetz in der Praxis angewandt und ob es mit der angekündigten Härte umgesetzt wird." Auch Mortsiefer sprach von einer "Signalwirkung" des Prozesses: "Es ist jetzt wichtig zu sehen, wie die strafrechtlichen Mechanismen greifen."

Die Münchner Staatsanwaltschaft bestätigte im Dezember 2019, dass insgesamt 23 Sportler aus acht Nationen involviert sind:

  • Österreich: (7) - Dominik Baldauf, Johannes Dürr, Max Hauke (alle Langlauf), Stefan Denifl, Georg Preidler (Straßenrad), Christina Kollmann-Forster (Mountainbike), Gerhard Tritscher (Skibergsteigen)
  • Deutschland: (4) - Robert Lehmann-Dolle (Eisschnelllauf), Danilo Hondo (Straßenrad) sowie zwei weitere, noch nicht namentlich bekannte Radsportler
  • Estland: (3) - Algo Kärp, Karel Tammjärv, Andreas Veerpalu (alle Langlauf)
  • Slowenien: (3) - Kristijan Koren, Borut Bozic (beide Straßenrad) sowie ein/e namentlich noch nicht bekannte/r Sportler/in
  • Italien: (2) - Alessandro Petacchi (Straßenrad), Daniel Taschler (Biathlon)
  • Kroatien: (2) - Kristijan Durasek (Straßenrad), Lisa Nemec (Leichtathletik)
  • Kasachstan: (1) - Alexei Poltaranin (Langlauf)
  • Schweiz: (1) - Pirmin Lang (Straßenrad)

(SID)

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