Jüngster Tour-Sieger seit über 100 Jahren, erster Gewinner von drei Sonderwertungen seit Eddy Merckx, jüngster Dreifach-Etappensieger seit dem 2. Weltkrieg, erster Debütant als Toursieger seit Laurent Fignon – an nichts mangelt es weniger als an Superlativen zu Pogacar.

Doch die Vergleiche sind auch vergiftet: Wie kann es sein, dass der fraglos enorm talentierte Youngster derart auftrumpft, wie erklären sich seine anderen Rekorde, die an den Anstiegen dieser Tour?

Tour de France
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21/09/2020 AM 07:54

Eindeutige Antworten sind schwer zu finden, der pauschale Verweis auf ein Wunderkind aber auch unbefriedigend als Erklärung. Denn die Leistungen der Spitzenfahrer dieser Tour, nicht nur von Pogacar, haben kritische Kommentare hervorgerufen, die nicht einfach abzutun sind.

Grenzwertig gut, so muss man wohl die beiden herausragendsten Auftritte des Gesamtsiegers in dieser Tour nennen - seinen Kletter-Rekord am Col de Peyresourde in den Pyrenäen und sein Zeitfahren ins Gelbe Trikot.

Konkurrenten wundern sich über Leistung von Pogacar

Ex-Zeitfahrweltmeister Tom Dumoulin stellte nach der Etappe in seiner Spezialdisziplin fest, dass er nie wieder ein Zeitfahren gewinnen werde, wenn dies nun der neue Standard sei. Denn der Spezialist kassierte nicht nur insgesamt 1:21 Minute Rückstand auf Pogacar, sondern konnte auf den flachen ersten 30 Kilometern keinen Vorsprung auf den Slowenen herausfahren.

Ähnlich die Aussagen mehrerer Top-Kletterer bezüglich der Bergetappen: Vorjahressieger Egan Bernal und Romain Bardet, Bergkönig der letzten Tour, stellten wie etliche andere Fahrer fest, dass sie Leistungen auf ihrem persönlichen Top-Niveau ablieferten, damit aber der Konkurrenz kaum folgen konnten.

Das betraf aber nicht allein das slowenische Duo Pogacar und Primoz Roglic an der Spitze der Gesamtwertung, auch auf den nächsten Plätzen war das Leistungsniveau enorm hoch - zu hoch, wie manche Beobachter meinten.

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Ratlose Blicke und Chats aus Fahrerkreisen

Die Insider von Frankreichs Tageszeitung "Libération" berichten von Chats aus Fahrerkreisen, in denen sich die Profis ratlos fragten, was Pogacar so schnell mache.

Aber auch Kraftpaket Wout Van Aert sorgte mit seinen Diensten als Edelhelfer in den Bergen und der drittbesten Zeit im reinen Anstieg des Zeitfahrens zur Planche des Belles Filles für ratlose Blicke bei Experten wie Fans. Der Belgier sei "der neue Indurain", so Ex-Profi Laurent Jalabert (was mehr Fragen aufwirft als Beruhigung bringt).

Zwei ehemalige Träger des Gelben Trikots verfolgten das Spektakel der letzten drei Wochen mit mehr als nur gemischten Gefühlen, wie sie Frankreichs größter Regionalzeitung "Ouest France" ausführlich schilderten: "Es widert mich an", brachte es Stéphane Heulot auf den Punkt, "wir sehen Dinge, die einfach nicht möglich sind". Er war 1996 im "maillot jaune" unterwegs und kennt die Abgründe des Radsports aus eigener Erfahrung, sowohl als Fahrer wie auch später als Teamchef.

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Zwielichtige Figuren hinter Pogacar

Und er kennt einige der zentralen Personen hinter Pogacars Erfolg genau: Etwa Mauro Gianetti, sowohl als Mannschaftskollegen im Peloton, als auch aus späterer Zusammenarbeit für das einstige Top-Team Saunier Duval.

Der Schweizer lag 1998 als Fahrer mehrere Tage im Koma, weil er ein riskantes Dopingmittel falsch an sich angewendet haben soll. Als Teammanager war seine Politik in Dopingfragen so erschütternd, dass David Millar einst den Weltverband per Brief zum Eingreifen drängte, als der geständige Doper bei seinem Comeback in diesem Rennstall auf eine erschreckende teaminterne Kultur traf.

Offensichtlich wurde der Betrug dann bei der Tour de France 2008, als Riccardo Ricco nach zwei Etappensiegen positiv getestet wurde und wenig später das ganze Team die Tour verließ.

"Unglaublich": Pogacar von Tour-Sieg überwältigt

Nun ist Gianetti als triumphierender Teamchef zurück bei der Tour, an seiner und Pogacars Seite weiteres Personal mit zweifelhaftem Ruf, etwa Joxean Matxin Fernandez: Der Spanier war mit Gianetti auch Strippenzieher des überraschenden Vuelta-Sieges von Juan José Cobo 2011 im dann als Geox-TMC firmierenden Rennstall.

Ein Gesamtsieg, der später wegen Auffälligkeiten im Biologischen Passes des Spaniers aberkannt wurde. Auch der Masseur Pogacars soll aus der alten Teamstruktur stammen und Teamarzt Inigo San Millán hat eine lange Reihe an Arbeitgebern im Radsport mit diskutablem Ruf vorzuweisen.

Das alles sind keine Beweise für ein konkretes Vergehen von Pogacar selbst, aber man sollte wissen, in welchem Umfeld der Sieg zustande kam. Teams im Radsport sind heterogene Konstrukte, auch in fragwürdigen Strukturen fanden sich immer wieder saubere Fahrer und zum kompletten Bild gehört daher auch, dass bis vor kurzem mit Daniel Martin noch einer der Profis mit dem besten Ruf in der Szene für UAE fuhr.

Tadej Pogacar | Tour de France 2020

Fotocredit: Getty Images

Lob von Lance Armstrong

Heulot aber ist überzeugt, dass nur personelle Neuanfänge mit unbelastetem Personal helfen, die grundsätzlichen Zweifel bei Gala-Auftritten verringern, während die aktuelle Situation eher wie mit "Al Capone als Justizminister" sei.

Auch Romain Feillu, bei der schon erwähnten Tour 2008 im Gelben Trikot unterwegs, findet einen griffigen Vergleich mit Blick auf die für ihn nicht erklärbaren Leistungen der 107. Ausgabe der Frankreich-Rundfahrt: Er wolle "keinen Generalverdacht säen", aber manches sei "wie wenn jemand zweimal wundersam im Lotto gewinnt - aber im Radsport gibt es keine Zufälle", betont der einstige Sprinter.

Dazu passt folgender Kommentar aus berufenem Munde: "Das war eine der besten Leistungen, die wir jemals im Radsport gesehen haben. Eine unglaubliche Leistung", so Lance Armstrong über Pogacars Zeitfahren. Und es ist eben fast eine Glaubensfrage, die sich stellt - wie so oft im Sport bei Leistungen, die einen ebenso staunend wie zweifelnd zuschauen lassen.

Es darf nicht vergessen werden: Diese Tour war in vielerlei Hinsicht einmalig - in einer durch den Corona-Lockdown auf den Kopf gestellten Saison ist der Formaufbau eine spezielle Herausforderung gewesen. Aber zu den Besonderheiten gehört auch, dass viele Wochen lang keinerlei Dopingtests stattfanden und man nur hoffen konnte, dass die Konkurrenz sich dennoch an alle Regeln hält, wie Maximilian Schachmann schon im Vorfeld bei Eurosport warnte.

Schließlich darf man den gerade in München laufenden Prozess zur Operation Aderlass nicht unerwähnt lassen. Die Dopingaffäre hat schon zu Sperren u.a. mehrerer slowenischer Fahrer sowie Ex-Profis aus dem Lampre-Team geführt - der einstige italienische Rennstall ist ein anderer Vorläufer von Team UAE hinsichtlich eines wichtigen Teils des Personals.

Ist ein sauberer Tour-Sieg möglich?

Dass aber eine simple Gleichung Slowenien = Doping ohne den konkreten Beweis im Einzelfall keinesfalls gelten darf, ruft Guillaume Martin, Elfter der Tour und einer der klügsten Köpfe des Pelotons, in Erinnerung: "Zwei Slowenen als Dominatoren, das ist viel für ein kleines Land - aber das kann auch Zufall sein", etwa wie die herausragende Rolle der Schweiz im Herrentennis mit Roger Federer und Stan Wawrinka.

Das erinnert daran, dass wir es vielleicht bei Pogacar tatsächlich mit einem einzigartigen Talent zu tun haben - im französischen Fernsehen wurde er passenderweise als "Mozart" tituliert. Und bei Eurosport konnte man seine ersten großen Erfolge, von der Tour de l'Avenir 2018 über die Algarve-Rundfahrt und die Tour of California 2019 mitverfolgen - Pogacar kam also alles andere als aus dem Nichts:

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Dan Lorang zumindest, Trainer u.a. von Lennard Kämna und Emanuel Buchmann beim Team Bora-hansgrohe, glaubt durchaus, "dass es möglich ist, die Tour sauber zu gewinnen", wie er der "FAZ" versicherte.

Das passende Schlusswort zum Phänomen Pogacar fand deshalb Eurosports TV-Experte Jens Voigt: "Hoffen wir, dass wir uns auch noch in fünf Jahren über diese unglaubliche Leistung freuen dürfen."

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