Den Weg zu sportlichem Weltruhm ging Primoz Roglic äußerst flexibel. "Ich wollte der beste Skispringer der Welt werden, der Traum hat sich nicht erfüllt", sagte er, "deshalb habe ich umgedacht und etwas anderes gemacht."

So trat Roglic dann eben an, um auf dem zweiten Bildungsweg der beste Radprofi der Welt zu werden. Diesem Ziel kommt der Slowene immer näher: Spätestens seit seinem Erfolg bei der ersten Bergankunft der Tour de France ist Roglic der große Favorit auf den Sieg beim wichtigsten Rennen der Erde.

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Er, der einst auf der Schanze einen Gregor Schlierenzauer wie einen Severin Freund besiegte und mit Sloweniens Junioren-Team Weltmeister wurde, fliegt nun die Berge hinauf und verblüfft Fachwelt wie Kontrahenten. Wobei: Eigentlich ist Roglic schon zu lange zu stark, als dass seine Leistung noch verblüffen könnte.

Bernal: Roglic "ist zuletzt geflogen"

"Es ist nichts Neues, dass er so gut fährt", sagte sein deutscher Konkurrent Emanuel Buchmann, nachdem er am Dienstag Roglic bei dessen Sieg in Orcieres-Merlette, seinem insgesamt dritten bei einer Tour, nicht mehr folgen konnte. Und Titelverteidiger Egan Bernal, bislang das Maß aller Kletterdinge, attestierte seinem Rivalen: "Er ist zuletzt geflogen."

Dass er das Fliegen bergauf womöglich weitaus besser beherrscht als bergab, musste der heute 30-Jährige einst schmerzhaft am eigenen Leib erfahren. Im März 2007 nagelte eine Windböe den frischgebackenen Junioren-Weltmeister auf Planicas Flugschanze fürchterlich in den Hang. Wie durch ein Wunder überstand der Teenager dies ohne schwere Verletzungen, verlor jedoch den Anschluss an die Elite.

Primoz Roglic - die Dokumentation: Vom Skisprung-Talent zum Rad-Star

Um alles hinzuschmeißen, war Roglic zu sehr Wettkämpfer, er sattelte wortwörtlich um - und brachte es in märchenhaftem Tempo zum Radstar. Dabei besaß er zunächst nicht einmal ein Fahrrad. "Das habe ich mir vom Nachbarn geliehen, ein normales Straßenrad. Im Rennen war das fürchterlich." Also kaufte sich Roglic ein Wettkampf-Bike und legte richtig los. Und wie!

2012 bestritt er seine ersten ernsthaften Rennen. 2013 wurde Roglic, bereits 23, Profi beim kleinen Adria-Mobil-Team, überzeugte seine jetzige Jumbo-Equipe bei einem Casting und wechselte 2016 in die erste Liga, gewann 2018 seine erste Tour-Etappe und 2019 die Vuelta. Und 2020 fährt der Quer- und Späteinsteiger alles in Grund und Boden.

Tony Martin: Roglic "ist sehr zielstrebig, sehr ruhig"

Fachleute sehen die Entwicklung des Slowenen vom Ski- zum Rad-Ass als bemerkenswert, aber nachvollziehbar an. "Wenn die körperlichen Grundlagen stimmen, braucht es ein, zwei Jahre, um die Techniken zu lernen", sagt Jean-Jacques Henry, Trainer am World Cycling Centre des Rad-Weltverbandes UCI in der Schweiz.

So tickt Roglic: Schanzen, Stürze, süßer Fan

Auch Roglic hält seinen Umstieg nicht für eine Weltsensation. "Ich konnte vieles vom Skispringen mitnehmen, Koordination oder Flexibilität - ich probiere, alles Gelernte von damals heute zu nutzen. Es ging alles sehr schnell, aber ich versuche, keine Lernschritte auszulassen."

Diese sportliche Wissbegierigkeit beeindruckt auch seinen Teamkollegen Tony Martin, selbst ein gnadenloser Perfektionist. "Primoz ist sehr zielstrebig, sehr ruhig. Er ist sehr relaxt, aber trotz dieser Gelassenheit immer sehr gut vorbereitet", sagte er dem "SID" über den Zimmerkollegen nach dem Vuelta-Triumph. Über einen Sportler, der gewissermaßen die Berge versetzt hat.

(SID)

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