Tour de France - Jens Voigts Vorschau: "Emanuel Buchmann kann zwei spektakuläre Bergetappen holen"

Die große Experten-Vorschau zur Tour de France: Jens Voigt traut Emanuel Buchmann spektakuläre Etappensiege zu und hat einen ganz eindeutigen Favoriten im Kampf um das Gelbe Trikot zwischen Vorjahressieger Tadej Pogacar und seinem slowenischen Landsmann Primoz Roglic. Der Eurosport-Experte spart auch nicht mit klaren Worten zu Peter Sagan, Mark Cavendish und dem Doppelpack am Mont Ventoux.

Primoz Roglic (mitte) ist der Tour-Favorit für Jens Voigt

Fotocredit: Getty Images

Was können wir von Emanuel Buchmann bei dieser Tour de France erwarten - die Form beim Giro war ja kurz vor dem Aus richtig gut...
Jens Voigt: Genau, im Giro war er einer der wenigen, der in den Bergen mit Egan Bernal mitfahren konnte und hat dort sehr, sehr gute Form gezeigt. Ich denke aber, wir sollten den armen Emu mal in Ruhe lassen und nicht schon wieder diesen sinnlosen Druck von wegen Podium aufbauen! Denn er war beim Giro in Topform fürs Gesamtklassement – aber das kann man nach einem Sturz nicht einfach so vergessen, wieder aufbauen und jetzt in derselben Form sein.
Emu kann ganz sicher eine oder zwei ganz großartige, spektakuläre Bergetappen gewinnen, aber lasst ihn mit diesem blöden Podium in Ruhe! Ich sage, Emu sollte an den ersten Tagen gleich immer ein paar Minuten Zeit verlieren und dann, wenn es in die Berge geht, attackieren. Da hat er schon ein paar Minuten Rückstand und sie lassen ihn auch in einer Spitzengruppe fahren. Dann ist er der stärkste in der Spitzengruppe und gewinnt so zwei Bergetappen.
Das macht glücklicher als jeden Tag mitzukämpfen, bloß keine Sekunde zu verlieren. Wenn er entspannt rangeht und Freude hat, kann er ganz sicher ganz spektakuläre Bergetappen gewinnen. Aber Podium? Dieses Jahr nicht, vergiss‘ es.
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Quelle: Eurosport

André Greipel, Rick Zabel, Max Walscheid, Nils Politt & Co. - wer hat aus deutscher Sicht noch das Zeug zum Etappensieg?Voigt: Zabel wird den Anfahrer für Greipel machen und wenig Freiheiten haben, in Ausreißergruppen zu gehen. Und André hat ja früher schon drei, vier Etappen in einer Tour gewonnen und möchte sich gerne mit einem weiteren Sieg in Richtung Ruhestand verabschieden und vorher zeigen: ich bin noch da, ich kann noch im Konzert der Großen mitspielen. Diese beiden würde ich bei den Sprints mit einrechnen.
Walscheid kann von allem etwas und könnte aus einer Spitzengruppe heraus eine Etappe gewinnen, Simon Geschke wird fest im Dienst von Guillaume Martin stehen. Von der Qualität der Fahrer her hat jeder die Chance auf eine Etappe, aber wie sehr sind sie ins taktische Korsett der Mannschaft eingebunden? Das ist die große Frage.
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Quelle: Eurosport

Läuft die Gesamtwertung wieder aufs Duell Tadej Pogacar gegen Primoz Roglic heraus - und wenn ja, wer sollte auf diesem Kurs die besseren Karten haben?
Voigt: Vielleicht sehe ich wie ein Prophet aus, oder in drei Wochen wie der größte Versager, aber ich glaube wirklich: Primoz Roglic wird alle so derartige dominant an die Wand klatschen! In meinen Augen ist er der Favorit. Pogacar möchte gar nicht früh ins Gelbe Trikot, denn seine Mannschaft ist nicht ganz so stark. Jumbo aber kann zwei Wochen lang das Rennen kontrollieren. Ich glaube tatsächlich an das große Duell, alle anderen fahren um den dritten Platz, ob sie’s mögen oder nicht. Aber Roglic ist der Mann, den es in dieser Tour zu schlagen gilt.
Wer könnte ein lachender Dritter sein oder zumindest in Paris mit auf dem Podium stehen?
Voigt: Die Mannschaft Bahrain ist in den letzten Wochen sehr stark gefahren, gerade auch beim Giro – Damiano Caruso war Zweiter dort als Ersatzkapitän und dieses Team könnte ums Podium mitfahren. Ineos muss man immer einplanen mit Geraint Thomas als Ex-Sieger der Tour, Richard Carapaz und Tao Geoghegan Hart als ehemalige Giro-Gewinner. Das sind dann aber auch schon die wichtigsten Fahrer.
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Gibt es Geheimfavoriten, die von einem möglichen Patt zwischen den Stars und Topteams profitieren könnten?Voigt: Nein, auf gar keinen Fall. Als Experte – und nicht Wunschonkel – muss ich klar nein sagen. Es gibt keinen, den wir nicht auf der Liste haben, der da bis ganz oben kommen kann und mit den Topfavoriten auf Augenhöhe fahren könnte. Selbst wenn man da irgendwo profitiert, wird man auch dadurch am Ende eher Fünfter oder Sechster in der Gesamtwertung. Es ist niemals unmöglich, aber es wäre eine riesige Überraschung.
Ineos hat mal wieder viele Kapitäne mit Geraint Thomas, Richard Carapaz, Richie Porte, Tao Geoghegan Hart: Wie lösen sie das, auf wen sollten sie setzen?Voigt: Ich glaube schon, dass Richie Porte trotz seines starken Sieges bei der Dauphiné weiß, dass er ein Helfer ist. Ein extrem hochqualifizierter Edelhelfer, aber er macht sich da keine falschen Hoffnungen. Die anderen drei sind alle sehr, sehr gut. Alle haben schon eine große Rundfahrt gewonnen. Der eine kann vielleicht etwas besser Zeitfahren, der andere hat etwas bessere Beine am Berg – aber am Ende ist die Tour de France brutal und gnadenlos: Einer stürzt, einer hat nen Reifenschaden an einer blöden Stelle und plötzlich hast Du nach drei Tagen nur noch einen vorne im Rennen und bist froh, dass du so viele Topfahrer hast. Sowas geht schneller, als man glaubt.
Einerseits ist es also gut, einen Ersatzmann dabei zu haben. Aber ich sehe es auch als Zeichen der Schwäche, nämlich dass man seinem Kapitän nicht zutraut, dass er es alleine schafft. Du weißt eigentlich, dass keiner deiner Kapitäne im direkten Duell Mann gegen Mann gewinnen kann gegen die Topfavoriten. Also musst Du eine andere Taktik haben – und das macht Ineos. Sie können Roglic nicht am Berg schlagen, also versuchen sie, ihn mit drei Mann in die Zange zu nehmen.
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Mark Cavendish fährt noch einmal zur Tour: Was trauen Sie ihm zu?
Voigt: Ich kenne Cav sehr gut, bin noch mit ihm Rennen gefahren… Er ist sehr glücklich, dass er dabei ist und er hat das verdient. Ein Mann mit seiner Karriere, mit seinen vielen Siegen - wenn der sagt, er ist bereit, dann kannst du nur antworten: Jawohl, du bist dabei. Bei seinem letzten Sieg in Belgien hat er richtig gute Gegner geschlagen, er ist tatsächlich wieder vorne dabei.
Mit dem Zug von Deceuninck spricht nichts dagegen, dass er eine mindestens eine Etappe gewinnen könnte. Das gilt für alle anderen Sprinter auch – aber er ist auf Augenhöhe mit ihnen. Caleb Ewan ist zwar für mich der Schnellste, aber auch da muss immer erst einmal perfekt laufen.
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Im Kampf um das Grüne Trikot könnte Sagan Konkurrenz bekommen durch Fahrer wie Michael Matthews, Caleb Ewan, Wout Van Aert, Arnaud Démare - hält sein Abo?
Voigt: Na klar, zu 100 Prozent. Wenn Peter Sagan sagt, er möchte dieses Trikot, gibt es keinen Fahrer auf diesem Planeten, der ihn aufhalten kann. Zumindest keiner der Sprinter. Klar kann Ewan drei Etappen gewinnen, aber der macht null Punkte in den schweren Etappen, wo Sagen immer noch ein paar Zähler holt.
Sagan ist nicht der Schnellste auf den Flachetappen, aber die ersten beiden Tage punktet zum Beispiel Sagan, während sich Ewan für die Flachetappen an Tag drei und vier schont: Die gewinnt er dann vielleicht sogar beide, aber Sagan wird Dritter oder Vieter und holt sich so Punkte. Es gibt keinen Tag, wo er nicht punktet. Und das macht ihn für das Grüne Trikot in diesem Modus unschlagbar.
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Quelle: Eurosport

Zweimal den Mont Ventoux hoch - für Sie ein Highlight oder übertrieben?
Voigt: Ich zögere kurz… Als Fahrer hätte ich gesagt: Ihr seid bescheuert oder wie der berühmte Ausruf aus einer der ersten Tour-Ausgaben lautete: Ihr seid Mörder! Aber als Kommentator sehe ich natürlich, dass es ein Spektakel ist. Niemand sagt, dass es leicht ist. Die Tour hat das gut ausbalanciert über die Etappen hinweg zwischen brutalen und leichteren Tagen.
Es ist ein Highlight – und eine Chance für Fahrer wie Carapaz oder Hart, in die Attacke zu gehen.
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Tour de France : 2021 - Profile

Quelle: Eurosport

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