Der slowenische Titelverteidiger erreichte das Ziel in einer vierköpfigen Gruppe mit Richard Carapaz (Ineos Grenadiers), Rigoberto Uran (EF Education – Nippo) und Van Aerts Teamkollege Jonas Vingegaard 1:38 Minuten nach dem Tagessieger.
Allerdings hatte Vingegaard den Dominator dieser Frankreich-Rundfahrt 1,5 Kilometer vor dem Gipfel des Mont Ventoux abgeschüttelt, um dann mit 35 Sekunden Vorsprung über den Berg zu kommen. In der Abfahrt aber wurde der Däne von Pogacar, Carapaz und Uran, die zusammenarbeiteten, wieder eingeholt.
"Ich musste ruhig bleiben und meinen Rhythmus finden. Schließlich haben wir uns auf der Abfahrt gut organisiert. Ich wusste, dass die Abfahrt ein gutes Terrain ist, um ihn zurückzuholen", sagte Pogacar über seinen schwachen Moment, als Vingegaard davonfuhr.
Tour de France
So lief die Tour: Ergebnisse und Gesamtwertungen
26/06/2021 AM 15:57
Van Aert feierte im Zielbereich unterdessen frenetisch seinen Tageserfolg, den er dann im Siegerinterview auf eine Stufe mit seinen Cross-WM-Titeln oder dem San-Remo-Sieg von 2020 stellte.
"Es ist einer der bekanntesten Anstiege im Radsport. Das ist vielleicht der beste Sieg meiner Karriere", sagte der Belgier. "Mir fehlen die Worte. Das klingt dumm, aber das habe ich wirklich gar nicht erwartet vor der Tour. Gestern habe ich daran geglaubt und das Team um die Freiheit gebeten, die Gruppe zu besetzen."

Van Aert kann sich früh feiern lassen - das Finale der 11. Etappe

In der ersten Rennstunde schaffte er es in eine von anfangs drei Spitzengruppen, die dann vor der ersten Passage des Mont Ventoux zusammenrollten und durch eine weitere Attacke von Julian Alaphilippe (Deceuninck - Quick-Step) wieder getrennt wurden. Zu acht, darunter drei Mann von Trek - Segafredo, ging es hinunter nach Bedoin und zum zweiten Ventoux-Anstieg, wo Van Aert dann die Muskeln spielen ließ.
"Ich hatte gute Kletterer an meiner Seite, aber sie haben auch gelitten und viel Kraft verloren. Ich habe immer an den Sieg geglaubt. Es ist sehr emotional. Es war so hart mit einem guten Niveau in diese Tour zu kommen", sagte Van Aert, der sich Ende Mai noch eine Blinddarm-Operation unterziehen musste, dann in der ersten Woche vergebens um seinen Traum vom Gelben Trikot kämpfte und am Wochenende das Aus von Kapitän Primoz Roglic erlebte.
"Wir hatten viel Pech, heute haben wir auch noch Tony verloren", so Van Aert, nachdem Tony Martin in der Anfangsphase der 11. Etappe seinen bereits dritten schweren Sturz bei dieser Frankreich-Rundfahrt erlitt und das Rennen aufgeben musste.
Während Van Aert die Etappe gewann und Pogacar sein Gelbes sowie Weißes Trikot verteidigte, rettete auch Sprintstar Mark Cavendish (Deceuninck - Quick-Step) sich über 40 Minuten nach dem Tagessieger und somit knapp sieben Minuten vor Ablauf der Karenzzeit ins Ziel, um das Grüne Trikot zu behaupten. Das Bergtrikot behielt Nairo Quintana (Arkéa - Samsic).

Pogacar am Mont Ventoux in Bedrängnis - Highlights der 11. Etappe

Der Rennverlauf

Gleich nach dem Start gehörte Alaphilippe zu den ersten Angreifern des Tages. Doch es dauerte fast 25 Kilometer, bis der Weltmeister sich gemeinsam mit Nairo Quintana (Arkéa – Samsic) absetzte. Den kolumbianischen Träger des Bergtrikots schüttelte er dann aber am ersten Bergpreis der 4. Kategorie nach 32 Kilometern bereits ab, um allein weiterzufahren.
Unterdessen kam es eine knappe Minute dahinter im Hauptfeld zum Sturz von Tony Martin (Jumbo – Visma) in den Straßengraben. Der vierfache Zeitfahr-Weltmeister zog sich blutende Wunden an Ellbogen und Oberschenkel zu und musste die Tour aufgeben.

"Das sieht übel aus!" Sturz von Tony Martin in den Straßengraben

Im Feld kehrte hinter Alaphilippe weiter keine Ruhe ein und es bildeten sich über die Hügel rund um den Zwischensprint und den zweiten Bergpreis der 4. Kategorie drei Grüppchen an der Spitze: Vorne schlossen Daniel Martin (Israel Start-Up Nation), Anthony Perez (Cofidis) und Pierre Rolland (B&B Hotels – KTM) zu Alaphilippe auf, dahinter folgten acht Verfolger um Nils Politt (Bora – hansgrohe) und dahinter fuhr ein weiteres Quintett um Wout Van Aert (Jumbo – Visma).
In dieser Konstellation ging es auch nach 83 Kilometern über den Col de la Liguière, wo Daniel Martin die zehn Bergpunkte für Rang eins einsammelte. Doch die Verfolgergruppen kamen näher und schlossen am Fuß des ersten Anstiegs in Richtung Mont Ventoux – von Sault aus – nach vorne auf. Für kurze Zeit führten 17 Fahrer gemeinsam das Rennen an, dann aber lancierte Alaphilippe die nächste Attacke und es bildete sich eine neue siebenköpfige Gruppe.

Acht Mann führen bei erster Ventoux-Passage

Zunächst nicht mitgesprungen war Bauke Mollema (Trek – Segafredo), doch der Niederländer kam kurz vor dem Bergpreis am Gipfel des Ventoux ebenfalls noch nach vorne, so dass Alaphilippe, Perez, Van Aert, Mollema und seine beiden Teamkollegen Julien Bernard und Kenny Elissonde sowie Xandro Meurisse (Alpecin – Fenix) und Luke Durbridge (BikeExchange) nach 122 Kilometern gemeinsam in die Abfahrt nach Malaucene starteten.
Im Hauptfeld übernahm bereits früh am Tag Ineos Grenadiers die Verantwortung. Geraint Thomas höchst selbst führte das Peloton über den Liguière und bis kurz vor dem Chalet Reynard auch den Ventoux hinauf, bevor er ausscherte. Das Feld, aus dem sich während der ersten Ventoux-Kletterpartie der Gesamtzehnte David Gaudu (Groupama – FDJ) nach hinten verabschieden musste, lag am Gipfel rund fünf Minuten hinter der Spitze, das Gruppetto um das Grüne Trikot von Cavendish etwa 19 Minuten.
Nach der Abfahrt übernahm auf dem Weg nach Bedoin und an den Fuß des zweiten Ventoux-Anstiegs Julien Bernard für das Trek – Segafredo-Trio in der Spitzengruppe die Führungsarbeit, bis dann knapp 16 Kilometer vor dem Gipfel und 38 Kilometer vor dem Ziel bei der Kehre von Saint-Estève Kenny Elissonde attackierte und sich allein schnell auf 20 Sekunden absetzte.

Elissonde attackiert zuerst, dann geht Van Aert

Hinter ihm blieben nur noch sein Teamkollege Mollema sowie Van Aert und Alaphillippe beisammen. Im noch immer fünf Minuten zurückliegenden Feld übernahm derweil UAE Team Emirates von Ineos Grenadiers die Führungsarbeit, als es bei Saint-Estève in den Wald ging, doch die Briten rissen das Ruder mit Jonathan Castroviejo und Michal Kwiatkowski kurz darauf wieder an sich.
14 Kilometer vor dem Gipfel schüttelte dann Van Aert seine beiden Begleiter ab und fuhr sofort zu Elissonde nach vorn, wo er auch sofort die Führungsarbeit übernahm. 1.000 Meter später versuchte dann auch Mollema Alaphilippe mit einem harten Antritt abzuhängen, doch der Weltmeister blieb dran – noch. Weitere 1,5 Kilometer später konnte Alaphilippe nichts mehr entgegensetzen und musste reißen lassen. Mollema lag zu diesem Zeipunkt 35 Sekunden hinter Van Aert und Elissonde, wo natürlich nur der Belgier Tempo machte.

Ineos-Zug zieht O'Connor den Zahn

Elf Kilometer vor dem Gipfel wurde es dem dreifachen Cross-Weltmeister aber zu bunt und er attackierte seinen französischen Begleiter, der sofort die Segel streichen musste und nicht mehr mitgehen konnte. Gleichzeitig beschleunigte Kwiatkowski für Ineos im Favoritenfeld nochmal deutlich und sorgte so dafür, dass dort ein Fahrer nach dem anderen explodierte und der Rückstand zu Spitzenreiter Van Aert unter 4:30 Minuten fiel. Ein Opfer dieser Tempoverschärfung: der Tignes-Sieger und Gesamtzweite Ben O'Connor (Ag2r – Citroen).
Das Chalet Reynard, den Ausgang aus dem Wald und Eingang in die Steinwüste sechs Kilometer vor dem Gipfel, erreichte Van Aert mit 55 Sekunden Vorsprung vor Elissonde, 1:15 Minuten vor Mollema und etwa 4:15 Minuten vor den Klassement-Favoriten, die an dieser Stelle bereits Alaphilippe passiert hatten.
Zwei Kilometer nach dem Chalet Reynard verabschiedeten sich Richie Porte und Rafal Majka von ihren Kapitänen Carapaz und Pogacar, so dass nur noch Kwiatkowski als letzter verbliebener Helfer in der Favoritengruppe übrigblieb, um Tempo zu machen. Der Pole sorgte anschließend noch dafür, dass auch der Gesamtsechste Enric Mas (Movistar) abreißen lassen musste, bevor er die Beine hochnahm.

Vingegaard schüttelt alle ab

In der Favoritengruppe attackierte nun Jonas Vingegaard (Jumbo – Visma). Pogacar sprang sofort mit, während Carapaz und Rigoberto Uran (EF Education – Nippo) auf die Zähne beißen mussten und Alexey Lutsenko (Astana – Premier Tech) sowie Wilco Kelderman (Bora hansgrohe) zurückfielen. Doch dann geschah das völlig Unerwartete: Etwas mehr als einen Kilometer vor dem Gipfel konnte plötzlich auch Pogacar dem Dänen nicht mehr folgen.
Am Bergpreis auf dem Gipfel lag Van Aert 1:10 Minuten vor Mollema und Elissonde sowie 1:25 Minuten vor Vingegaard und 2:00 Minuten vor Pogacar, Carapaz und Uran, die in der 22 Kilometer langen Abfahrt dann zusammenspannten, um dem Dänen Sekunde um Sekunde wieder abzuknüpfen. Während Van Aert zwei Kilometer vor dem Ziel bereits seinen Sieg zu feiern begann, kämpfte sein 24-jähriger Teamkollege knapp zwei Minuten hinter ihm um den Ertrag seines Angriffs am Ventoux, der ihm zwischen den Fingern zerfloss.
Auf den letzten Metern in Malaucene wurde Vingegaard dann tatsächlich noch von Pogacar, Carapaz und Uran gestellt, während sein Teamkollege im Ziel bereits frenetisch über seinen Sieg jubelte.
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