Tour de France 2022 - Andy Schleck im Exklusiv-Interview: "Wout Van Aert kann die Frankreich-Rundfahrt entscheiden"

Andy Schleck spricht im Exklusiv-Interview mit Eurosport.de über die Topfavoriten bei der Tour de France 2022. Der Sieger der Frankreich-Rundfahrt 2010 bezieht klar Stellung zur Taktik von Jumbo-Visma: "Ich glaube nicht, dass eine Mannschaft wie Jumbo mit zwei Kapitänen in die Tour gehen kann." Er hat eine klare Meinung, wer aus dem Duo Primoz Roglic und Jonas Vingegaard bessere Chancen besitzt.

Großer Moment: Vingegaard und Roglic rollen Hand in Hand ins Ziel

Quelle: Eurosport

Andy Schleck hat jahrelang die Tour de France geprägt: Der Kletterstar aus Luxemburg gewann die Frankreich-Rundfahrt 2010, stand 2009 und 2011 als Zweiter in Paris auf dem Podium und entschied drei Mal die Nachwuchswertung der "grande boucle" für sich.
Seine drei spektakulären Etappensiege in Morzine, am Tourmalet und Galibier begeisterten die Fans und gehören zur Tour-Geschichte.
Der 37-Jährige ist dem Rennen auch nach seinem Karriereende treu geblieben und begleitet nun die Rundfahrt für SKODA. Aus Kopenhagen spricht er im Exklusiv-Interview über Strecke, Favoriten und Taktik.
Das Interview führte Andreas Schulz
Welche Erinnerung überwiegt beim Gedanken an den großen Etappensieg am Galibier - Schmerz oder Stolz?
Andy Schleck: Ich hatte zwar am Tag selbst dort viele Schmerzen, aber mit dem Sieg vergisst man das: Es ist ein wenig wie bei der Geburt eines Kindes, wo der Schmerz dann auch vom Glück überstrahlt wird. Ich bin schon stolz, denn das war der perfekte Tag. Ich hatte direkt seit der Präsentation der Strecke Monate vorher mit dieser Etappe geliebäugelt. Das war keine spontane Attacke, sondern sehr genau geplant und am Ende eine taktische Meisterleistung.
War das der schönste Ihrer Etappensiege bei der Tour?
Schleck: Ja, bei der Tour war das mein schönster Sieg, auch wenn der Erfolg am Tourmalet auch ganz speziell war. Aber die Erinnerung an den Sieg bei Sonnenschein am Galibier ziehe ich im Vergleich dem Regen und Nebel am Tourmalet vor. Mit dem Fahrrad bin ich seitdem nicht mehr oben am Galibier gewesen, aber mit dem Auto schon mehrfach und im letzten Jahr bin ich dort ausgestiegen und habe die Plakette an der Felswand gesucht, auf der mein Name verewigt ist. Ich habe sie leider nicht gefunden, vielleicht klappt das diesmal (lacht).
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Andy Schleck Tour 2011 18. Etappe

Fotocredit: Getty Images

Würde heute ein Fahrer auch eine solche Attacke wagen wie Sie damals und weit vor dem Ziel an einem solchen Berg alles auf eine Karte setzen?
Schleck: Das ist schwer zu sagen. Tadej Pogacar hätte das Zeug dazu, aber wahrscheinlich muss er gar nicht so ein Risiko eingehen. Die Leistungsdichte bei den Topfahrern ist heute deutlich höher als damals. Ich glaube zwar nicht, dass die Besten heute stärker sind oder schneller fahren als wir 2011, aber der Zehnte fährt heute auf jeden Fall schneller als der Zehnte damals.

Tour-Königsetappe am Nationalfeiertag

Welche Etappe dieser Tour ist für Sie die Königsetappe?
Schleck: Das ist für mich die 12. Etappe am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli, von Briancon nach Alpe d’Huez. Da wird es für die Mannschaft des Favoriten schwer, das Rennen zu kontrollieren. Denn vom Start in Briancon fährt man gleich über den Col du Lautaret hinauf zum Galibier und wenn hinauf zum Lautaret eine Gruppe ausreißt, kann die auf diesen zwölf Kilometern schnell mehrere Minuten Vorsprung herausfahren. Danach wartet der schwere Col de la Croix de Fer und am Ende ist Alpe d’Huez der bekannt harte Berg. Wenn es schon an den ersten beiden Bergen der HC-Kategorie zu Attacken der Favoriten kommen sollte, werden am Fuß des Schlussanstiegs nur noch zehn Fahrer übriggeblieben sein.
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Tour de Fance 2022: Das Profil der 12. Etappe

Fotocredit: ASO

Welche Etappe sticht sonst noch heraus?
Schleck: Die Pyrenäenetappe zur Bergankunft in Hautacam wird auch sehr schwer werden. Es kann dort sehr heiß werden und manche verlieren kurz vor Ende die Tour auch mal die Konzentration, trinken etwa zu wenig und werden ein Opfer der Hitze. Gerade hoch nach Hautacam, wo es an den Felsen schnell Temperaturen von über 40 Grad geben kann. Letztes Jahr haben wir etwas Ähnliches am Mont Ventoux gesehen, wo Jonas Vingegaard dann ganz überraschend Zeit gegenüber Tadej Pogacar herausfahren konnte. Des halb sind auch die Pyrenäen nicht zu unterschätzen. Davor gilt es aber ja auch schon, das Kopfsteinpflaster und die Brücke über den Großen Belt gut zu überstehen und bei der ersten Bergankunft an der schweren Planche des Belles Filles vorne dabei zu sein.
Welchen Vorsprung würde ein Top-Kletterer brauchen vor dem langen Zeitfahren, um einen Spitzenzeitfahrer auf Distanz halten zu können?
Schleck: Ich selbst war immer abgestempelt als absolute Zeitfahrkatastrophe. In der Realität aber war ich nicht so schlecht. Um sicher zu sein, wird man ein Polster von mindestens zwei Minuten brauchen, also als Faustregel 30 Sekunden pro zehn Kilometer Zeitfahrstrecke auf einen Topspezialisten im Kampf gegen die Uhr am Ende einer solchen Rundfahrt.

Tour-Taktik: Jumbo muss sich entscheiden

Mit welcher Taktik kann Topfavorit Pogacar geknackt werden, ist die Strategie mit einer Doppelspitze wie bei Jumbo erfolgversprechend?
Schleck: Meine offene Meinung: Ich glaube nicht, dass eine Mannschaft wie Jumbo mit zwei Kapitänen in die Tour gehen kann. Auf dem Papier mag Roglic der Favorit sein, aber in der Realität denke ich, dass Vingegaard bessere Chancen hat, den Unterschied zu machen. Allerdings werden die ersten Etappen sehr schwierig für den jungen Dänen werden. Außerdem ist da noch Wout Van Aert, der das Grüne Trikot holen will - aber wenn man so eine starke Mannschaft hat, dann geht man nur mit einem Ziel ins Rennen. Gerade, weil Van Aert ein Fahrer ist, der bei der Tour de France den Unterschied machen kann: Er ist so stark und so vielfältig einsetzbar, dass er das Rennen entscheidend prägen kann. Ihn auf die Sprints und die Punktewertung zu setzen, wäre meiner Meinung nach die falsche Entscheidung. Jumbo ist klar das stärkste Team im Rennen und Vingegaard aus meiner Sicht stärker als Roglic, auch wenn der sicher das Zeug für einen Podiumsplatz hat.
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Tränen bei Vingegaard: Fans feiern Dänemarks Tour-Star frenetisch

Quelle: Eurosport

Wer hat noch echte Chancen auf das Podium in Paris?
Schleck: Daniel Felipe Martinez von Ineos ist ein sehr starker Fahrer und auf ihn dürfte die Taktik des Rennstalls ausgerichtet sein. Daneben sehe ich kaum weitere Anwärter aufs Podium, Fahrer wie Jakob Fuglsang, Geraint Thomas werden sich etwas hinter diesen großen Podestkandidaten einreihen. Aber ich denke, es wird sehr taktisch werden – was für uns alle sehr interessant ist – und ein Team wird die Tour vom ersten Tag in die Hand nehmen müssen: Jumbo-Visma!
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