Der zweite Tag der Frankreich-Rundfahrt ist zu einem wahren dänischen Volksfest an den Straßen auf Seeland geworden.
Vom Start der Etappe in Roskilde bis zum Ziel in Nyborg standen die Fans auf der gesamten Distanz von 202 Kilometern mehrreihig am Straßenrand – abgesehen von der Brücke über den Großen Belt natürlich, die für Fans gesperrt war.
Die Überfahrt des Pelotons an sich sorgte dort allerdings auch ohne Zuschauer für enorm eindrucksvolle Bilder – wenn auch ohne den sportlichen Wert, den sich die Tour-Organisatoren im Vorfeld erhofft hatten.
Tour de France
Jakobsen nutzt gleich die erste Chance zum Etappensieg
UPDATE 02/07/2022 UM 15:20 UHR
Sportliche Erkenntnisse bot der zweite Rundfahrttag allerdings auch ohne Windkanten-Action einige.

Großer Belt, Stürze und frenetische Fans: 2. Etappe wird zum Spektakel

Hier sind drei Dinge, die auffielen:

1. Jakobsen räumt alle Zweifel aus

Fabio Jakobsen hat dem riesigen Druck standgehalten und gleich im ersten Massensprint seiner ersten Tour de France den Sieg davongetragen. Damit sorgte der Niederländer zwei Jahre nach seinem Horror-Sturz bei der Polen-Rundfahrt dafür, dass Kritikern an der Tour-Nominierung seines Teams Quick-Step Alpha Vinyl sofort zum Auftakt jeglicher Wind aus den Segeln genommen wurde.

Voigt und Bengsch: Lefevere hat alles richtig gemacht

Die Teamleitung um Patrick Lefevere hatte den 34-fachen Tour-Etappensieger Mark Cavendish trotz Top-Form – die bewies er am vergangenen Wochenende noch einmal eindrucksvoll mit dem Gewinn der Britischen Meisterschaften – nicht mit zur Tour genommen, um Youngster Jakobsen für die Sprints die volle Unterstützung zuzusichern.
Schließlich gehört dem Niederländer die Zukunft und er hatte in dieser Saison bereits mehrfach untermauert, dass er bei reinen Sprints der schnellste Mann des Pelotons ist. Um seinen Vorzug vor Cavendish aber auch auf der größtmöglichen Bühne zu rechtfertigen, musste Jakobsen am Samstag sofort liefern.
Umso beeindruckender war die Art und Wiese, wie er sich im Sprint von Nyborg durchsetzte, obwohl 50 Meter vor dem Ziel Wout Van Aert und Mads Pedersen noch deutlich vor ihm lagen. "Unter Druck entstehen Diamanten", sagte Jakobsen auf der Sieger-Pressekonferenz. "Ich komme gut mit Druck klar und weiß, dass das Team und meine Familie an mich glauben. Letztendlich bin ich derjenige, der mir den meisten Druck macht."

Jakobsen nach Tour-Etappensieg sprachlos: "Seit 15 Jahren davon geträumt"

Doch der 25-Jährige scheute sich auch nicht, zum Fehlen seines Teamkollegen Stellung zu beziehen: "Ich denke wir beide verdienen es, hier zu sein. Er war in den letzten 15 Jahren ein riesiges Vorbild für mich. Er ist eine Legende", sagte Jakobsen. "Ich bin einfach dankbar, dass ich den Platz im Team bekommen habe – und auch wenn einige Leute denken, dass ich seinen Platz genommen habe, bin ich mir ziemlich sicher, dass auch er daheim meinen Sieg heute genossen hat."

2. Der Wind macht, was er will

Seit Tagen drehte sich beim Blick auf die 2. Etappe der Tour alles um die Überfahrt über den Großen Belt auf den letzten 20 Kilometern des Teilstücks. Dort, da waren sich die Experten einig, würde es dramatisch werden. Im Wind würde das Hauptfeld in mehrere Teile zerfallen und so möglicherweise bereits einer der Gesamtsiegs-Kandidaten viel Zeit verlieren.
Entsprechend nervös waren die Fahrer den ganzen Tag: Vor jedem Richtungswechsel im Verlauf der ständig an der Küste entlangführenden Etappe, beschleunigte das Peloton im Kampf um die ersten Positionen drastisch, um dann nach der Kurve aber immer festzustellen, dass der Wind wieder nicht derart von der Seite blies, dass eine Windkantensituation hätte entstehen können. So fiel das Tempo dann auch immer wieder herunter. Und als schließlich die gefürchtete Brücke über den Großen Belt erreicht wurde, war endgültig die Luft raus.

Analyse: Deshalb blieb trotz Wind die Action aus

"Radsport ist manchmal ein bisschen komisch. 180 Kilometer ist es nur nervös, extrem anstrengend zu fahren. Und dann gibt es auf den letzten 15 Kilometern auf der Brücke auf einmal eine Kaffeefahrt", sagte Maximilian Schachmann vom Team Bora – hansgrohe im Ziel.
Maßgeblich dafür, dass es auf der riesigen Brücke nicht die erhoffte Action gab, war die Windrichtung. Er blies dem Peloton frontal entgegen. Entsprechen langsam wurde das Fahrerfeld und entsprechend wenig Chancen sich abzusetzen hätten Kleingruppen mit einer Attacke gehabt.

3. Pogacar und sein Team sind angreifbar

Dass das erwartete Windkantenrennen auf der 2. Etappe nach Nyborg ausblieb, dürfte vor allem Jumbo – Visma und den Ineos Grenadiers missfallen haben. Die beiden Spitzenteams um die Mitfavoriten Primoz Roglic, Jonas Vingegaard, Adam Yates und Geraint Thomas nämlich beeindruckten am Samstag mit dominanten Auftritten. Beide Teams fuhren den ganzen Tag sehr geschlossen und kompakt an der Spitze des Feldes und waren jederzeit bereit für die große Explosion. Hätte der Wind das Peloton zerrissen, sie wären ganz sicher in der ersten Gruppe dabei gewesen.
Doch nach der Etappe musste der neue Träger des Gelben Trikots, Wout Van Aert, bilanzieren: "Es gab eigentlich nie Chancen auf eine Windkante." Für sein Team Jumbo – Visma ist mit Etappe 2 somit eine der besten und vor allem wenigen Chancen ungenutzt verstrichen, Top-Favorit Tadej Pogacar (UAE Team Emirates) in Bedrängnis zu bringen.
Das dürfte einerseits frustrierend gewesen sein, andererseits brachte der zweite Tag aber auch die Erkenntnis, dass das für die Berge sehr stark aufgestellte UAE Team Emirates von Pogacar gerade auf den flacheren Tagen der ersten Tour-Woche sehr wohl angreifbar zu sein scheint.
Denn während Jumbo – Visma und Ineos Grenadiers stets mit gesamter Teamstärke ganz vorne fuhren und sich auch Bora – hansgrohe mit Marco Haller und Nils Politt stets in den ersten Reihen sehr gut um Aleksandr Vlasov kümmerte, war Pogacar oft allein oder mit höchstens einem Helfer an seiner Seite – Mikkel Bjerg.

Das war knapp! Pogačar verhindert Sturz artistisch

Die Quittung hätte der Slowene dann 2,5 Kilometer vor Schluss beinahe bekommen. Denn als es dort zum Massensturz kam, konnte Pogacar nur gerade so verhindern, selbst auch zu Boden zu gehen. Er touchierte die linke Bande und seine Reifen zerplatzten an den Ständern der Absperrgitter, als es direkt neben und hinter ihm zum Massensturz kam. Um ein Haar wäre das richtig schiefgegangen für den Titelverteidiger.
"Zum Glück war niemand von uns dabei, wobei… 'zum Glück' - das haben wir auch selbst erzwungen durch unsere gute Positionierung", brachte Van Aert auf den Punkt, dass er und sein Jumbo – Visma-Team sich im Verlauf des Tages deutlich besser anstellten, als die UAE-Konkurrenz.
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