Der Etappensieg von Ausreißer Simon Clarke sorgte in Arenberg am Mittwochnachmittag für sehr schöne, emotionale Bilder am Ende eines knallharten Kampfes in der Spitzengruppe.
Der 35-Jährige, dessen Karriere im Winter beinahe zu Ende war, sorgte für eine bittersüße Stimmung unter den australischen Fans. Denn während sie ihn feierten, mussten sie mit ansehen, wie ihre zwei größten Hoffnungsträger für die Gesamtwertung vom Traum vom Tour-Podium verabschieden mussten.
Ähnlich ging es den Slowenen mit dem bärenstarken Titelverteidiger Tadej Pogacar und Pechvogel Primoz Roglic.
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UPDATE 06/07/2022 UM 17:53 UHR
Doch auch wenn Pogacar zwischenzeitlich die gesamte Konkurrenz zu demontieren schien, Glückwünsche an ihn zur erfolgreichen Titelverteidigung kamen definitiv zu früh.
Denn hier sind drei Dinge, die in all dem Chaos definitiv auffielen.

1. Es waren nur 13 Sekunden

Es war ein beeindruckender Move. Als Jasper Stuyven im drittletzten Kopfsteinpflaster-Sektor attackierte und Tadej Pogacar sofort ans Hinterrad des Belgiers sprang, konnte keiner der Klassementfahrer mehr folgen. Der Slowene arbeitete sofort mit Klassiker-Spezialist Stuyven zusammen und das Duo fuhr rasch rund eine Minute Vorsprung heraus. Es schien, als würde Pogacar schon am fünften Renntag die Tour vorentscheiden.
Und dieser Eindruck brannte sich im Kopf der Beobachter bis zur Zielankunft ein. Doch de facto erreichte Pogacar den Zielstrich lediglich 13 Sekunden vor dem rund 50 Mann großen Verfolgerfeld, das vor allem Wout Van Aert und Tom Pidcock auf den letzten zehn Kilometern wieder näher an Pogacar und Stuyven herangebracht hatten. Damit hat Pogacar jetzt 21 Sekunden Vorsprung auf seinen größten Herausforderer Jonas Vingegaard.
"Vielleicht sah es am Fernseher leicht aus, aber ich kann Ihnen versichern, dass es das absolut nicht war", sagte Pogacar im Ziel. Und wer genau hinsah, der konnte das auch im Rennen schon erkennen: Auf den letzten Kilometern litt der Slowene, löste Stuyven nicht mehr so regelmäßig ab wie zuvor.

Der Chef im Ring: Pogacar beweist auf dem Pavé, dass er alles kann

Stuyvens Turbo-Vorstoß – angetrieben von der Hoffnung, die Etappe noch gewinnen zu können - war für Pogacars Zeitgewinn entscheidend. "Der wichtigste Moment war, dass ich mich ans Hinterrad von Jasper Stuyven hängen konnte", erklärte auch Pogacar sebst. "Wir haben gut zusammengearbeitet. Aber an einigen Stellen hätter er mich fast abgehängt. Zum Glück konnte ich sein Hinterrad halten."
Sicher: Pogacar präsentierte sich stark und er hat 13 Sekunden auf alle Kontrahenten um Gelb gewonnen. Doch die Vorentscheidung um den Tour-Sieg war das noch lange nicht. Denn auch in der 'Hölle des Nordens' fiel einmal mehr auf, dass sein Team abseits des Hochgebirges nicht mit denen von Jumbo - Visma und Ineos Grenadiers mithalten kann. Hätte Pogacar einen Defekt gehabt, er wäre aufgeschmissen gewesen. Denn vom UAE Team Emirates war kein einziger Helfer mehr im ersten großen Feld vertreten.
Pogacar abseits der Bergetappen zu attackieren und ihn so teamtaktisch zu knacken, könnte also weiterhin der Schlüssel zum Erfolg sein. "Die Teams werden versuchen, jede kleinste Chance auf eine Windkante zu nutzen", meinte schließlich auch Eurosport-Experte Bernhard Eisel am Mittwochabend.

2. Jumbo-Debakel nur halb so schlimm wie befürchtet

30 Kilometer vor dem Ziel sah es aus, als würde Jumbo-Visma auf dieser Etappe all seine Chancen in der Gesamtwertung auf einen Schlag einbüßen: Kurz nach dem Defekt von Jonas Vingegaard ging Primoz Roglic zu Boden, als Caleb Ewan über einen auf die Straße gewirbelten Strohballen stürzte. Beide Jumbo-Kapitäne waren weit zurück und es roch nach Minutenverlusten sowohl Vingegaard als auch Roglic.

Riesenchaos! Vingegaard wechselt dreimal das Rad

Letzterer kassierte, nachdem er sich seine ausgekugelte Schulter am Straßenrand wieder eingerenkt hatte, tatsächlich mehr als zwei Minuten. Doch Ersterer konnte mit dem 13-Sekunden-Verlust gegenüber Pogacar sehr gut leben.
"Es war nicht der Tag, auf den wir gehofft hatten. Aber auch dann musst du im Rennen reagieren", sagte Van Aert, der selbst etwa zur Rennmitte gestürzt war und im Finale mit einer Fabelleistung das Hauptfeld gemeinsam mit Christophe Laporte und Ineos-Helfer Pidcock wieder auf Tuchfühlung an Pogacar heranbrachte.
"Gestern waren wir vorne, heute mussten wir nachjagen. Mit Jonas konnten wir den Schaden im Kampf um das Klassement reduzieren. Ich bin stolz auf das Team", sagte Van Aert und Sportdirektor Grischa Niermann fügte hinzu: "Wir hatten einen schönen Scheißtag und das ist nicht das Ergebnis, das wir wollten. Aber wir haben die Tour nicht verloren. Dank Christophe und Wout hat Jonas den Schaden in Grenzen gehalten. Das war Risikomanagement."

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Unterm Strich behauptete Van Aert auf dem Kopfsteinpflaster das Gelbe Trikot, Vingegaard blieb im auf die Klassementfahrer bereinigten Gesamtklassement die Nummer 2 hinter Pogacar und selbst ein Roglic mit zwei Minuten Rückstand bleibt ein Faktor, den Pogacar und sein Team nicht ignorieren dürfen, wenn er in den Bergen angreift.

3. Radsport-Australien zwischen Freud und Leid

Eine Sieger-Geschichte wie ein Märchen: Im Winter stand Simon Clarke nach dem Aus seines alten Teams Qhubeka-NextHash vor dem Karriereende. Der 35-Jährige bekam erst sehr spät noch einen Vertrag bei Israel - Premier Tech.
Ein halbes Jahr später nun feierte er in Arenberg den größten Erfolg seiner Karriere und konnte es im Ziel zunächst kaum glauben. Als Clarke dann den Nachzüglern entgegenlief, um Richtung Podium zu kommen, konnte er sich vor Gratulanten kaum mehr retten, so sehr gönnten ihm seine Kollegen diesen Triumph.

Emotional überwältigt: Clarke im Freudentaumel

Doch während sich die australischen Fans mit Clarke freuen konnten, mussten sie gleichzeitig den Verlust aller Podiumsambitionen ihrer beiden Hoffnungsträger in der Gesamtwertung hinnehmen. Den Vorjahresvierten Ben O'Connor ereilte schon 50 Kilometer vor Schluss ein Defekt und er kam anschließend trotz vereinten Kräften seiner Teamkollegen nicht mehr in die Favoritengruppe zu rück.
Und Jack Haig musste die Tour nach einem Sturz aufgeben - wie schon im vergangenen Jahr, als er im Finale der 3. Etappe zu Fall kam und ebenfalls die Heimreise antrat. Übrigens: Auch damals waren wenige Minuten zuvor die Gesamtwertungsambitionen von Primoz Roglic am Straßenrand zerschellt.
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