Marcus Burghardt zieht Bilanz: "Da war ich nie neidisch" - vom Tour-Etappensieger zum Edelhelfer für Evans und Sagan
Tour-Etappensieg, Meistertrikot, Klassiker-Erfolg: Marcus Burghardt hat in seiner Karriere viel erreicht, wovon andere Fahrer träumen. Seine wohl größten Erfolge aber gelangen ihm als Edelhelfer für Stars wie Cadel Evans oder Peter Sagan. Im Exklusiv-Interview blickt er auf seine Laufbahn zurück, bevor er bei der Tour de France als Eurosport-Experte auf ausgewählten Etappen das Rennen analysiert.
Marcus Burghardt und Cadel Evans in Paris bei der Tour de France 2011
Fotocredit: Getty Images
Das Interview führte Andreas Schulz
Vor 15 Jahren startete Marcus Burghardt in seine erste Tour de France, vor fünf Jahren gelang ihm 2017 mit dem Titel bei der Deutschen Meisterschaft sein emotionalster Sieg - Jahrestage, die eine große Karriere einrahmen.
Mit seinen Erfolgen und Erfahrungen bringt der 38-Jährige alles mit, was einen idealen Experten ausmacht, wie er für Eurosport schon bei Paris - Roubaix und während des Giro d'Italia bewies. Nun wird er auch bei der 109. Tour de France immer wieder das Team im Livekommentar der Etappen und bei der anschließenden Analyse im Velo Club verstärken.
Bei insgesamt elf Tour-Starts war er sowohl selbst als Etappensieger erfolgreich (2008) als auch in seiner späteren Rolle als Edelhelfer maßgeblich an einem Gesamtsieg (Cadel Evans 2011) beteiligt. Dazu leistete er Vorarbeit für die Erfolge von Stars wie Mark Cavendish oder Peter Sagan.
Ein folgenschwerer Sturz bei der Polen-Rundfahrt im vergangenen August führte letztlich zu seinem Karriereende, doch heute blickt Burghardt ohne Bitterkeit, sondern mit viel Stolz zurück auf seine lange Zeit im Profi-Peloton, das sich in diesen Jahrzehnten massiv gewandelt hat.
Wie war der Weg vom Siegfahrer, der einen Klassiker und eine Tour-Etappe gewinnt, hin zum Edelhelfer: Fiel das schwer, nicht mehr selbst Erfolge feiern zu können?
Marcus Burghardt: Nein, das war nicht schwer für mich. Als ich Gent - Wevelgem gewonnen hatte, wurde ich zum Kapitän für Monumente wie Paris - Roubaix oder die Flandern-Rundfahrt und ich habe gemerkt: Die letzten fünf Prozent, die man braucht, wenn ein Rennen über 230 Kilometer und mehr geht, die fehlen mir. Das habe ich offen eingestanden. Aber ich wusste, dass ich meine Kapitäne in solchen Rennen ganz lange unterstützen kann. Das haben dann Mannschaften wie BMC zu schätzen gewusst und auch mit guten Verträgen gewürdigt. Und ich habe mich immer über einen Sieg, an dem ich Anteil hatte, genauso gefreut wie über einen eigenen. Da war ich auch nie neidisch, das Gefühl habe ich nicht gehabt. Nur in der Öffentlichkeit wird noch zu selten wertgeschätzt, wie wichtig solche Helfer sind.Was macht einen guten Helfer aus, wie wird man das?
Burghardt: Das kann man nicht lernen. Da geht es viel um Erfahrung, aber eben auch um Instinkt. Viele Dinge werden zu Automatismen, man ahnt, was gleich geschehen wird. Dazu kommt, gerade bei den Klassikern, auch Streckenkenntnis und Lehren aus den Vorjahren, was gut funktioniert hat in einer Rennsituation oder bei einem wichtigen Streckenteil und was auch mal nicht geklappt hat. Aber mir hat das nie jemand gezeigt, ich habe das mir einfach angeeignet mit der Zeit. Es gibt natürlich Fahrer, von denen man selbst lernt, so wie ich einst bei T-Mobile von Bernie Eisel.
Die Rolle bedeutet aber auch oft eine große Verantwortung ...
Burghardt: Ja, denn dein Kapitän, den du am Hinterrad hast, verlässt sich voll auf dich und im Extremfall hängt dabei der Tour-Sieg dran - das bedeutet dann schon Stress. Mit solchem Druck muss man auch umgehen können. Aber wenn es klappt, etwa als ich Evans bei der Tour 2011 so zur Mur de Bretagne gebracht habe, dass er dort gewinnen konnte - dass sind Erfolge und Momente, von denen man zehrt. Oder bei einer Bergetappe, wenn der Kapitän vorne ist und man darauf hofft, dass gleich der Funk angeht und jemand laut jubelt - das ist dann schon geil.
Welche Momente ragen heraus im Rückblick auf 18 Profijahre, positiv wie negativ?
Burghardt: Da liegen der Tour-Etappensieg 2008 und der Meistertitel 2017 gleichauf. Gerade, weil in dem Jahr der Tour-Start in Deutschland war, wollte ich mehr denn je Meister werden - und das dann in Chemnitz zu schaffen war ein Traum, denn dort war ich einst entscheidend darauf vorbereitet geworden, Profi zu werden. Tiefpunkte waren für mich zum Glück weniger Stürze, denn davon hatte ich nicht viele, sondern eher Dinge wie Nichtnominierungen für die Tour de France. Gerade 2021 hat mir das zu schaffen gemacht, denn ich war davor gut gefahren und die Form hat gestimmt.
Gab es ein Rennen, das Sie gerne bestritten hätten, aber nicht konnten?
Burghardt: Was mich schmerzt, ist Olympia - das hat nie geklappt. Da wäre ich gerne gestartet. Als ich 2008 die Tour-Etappe gewonnen habe, war die Nominierung schon durch und 2012 für London wurde ich auch nicht nominiert, trotz guter Form. Das wären zwei Rennen gewesen, die mir gelegen hätten. Der Reiz von Olympia ist einfach besonders.
Würden Sie etwas in ihrer Karriere ändern, wenn Sie könnten?
Burghardt: Ich würde rückblickend nichts anders machen - außer, dass ich nicht zur Polen-Rundfahrt letztes Jahr gefahren wäre, wo ich dann gestürzt bin - also das Ende hätte ich gerne anders gehabt. Aber wenn ich denke, für welche Stars ich gefahren bin - Weltmeister, Olympiasieger, Tour-Sieger - das macht mich schon sehr stolz. Wie viele Fahrer können sagen, dass sie wie ich in einem Aufgebot waren, das die Tour de France gewonnen hat? Da gibt es nicht viele in Deutschland, die auf solche Erfolge zurückzuschauen können. Ich habe das Privileg gehabt, diesen Sport so lange ausüben zu können, länger als viele andere und ohne schwere Verletzungen. Der Radsport ist wahnsinnig gefährlich, dass ich ihn nach 25 Jahren so beenden konnte, ohne schlimmere Stürze und Einschränkungen, macht mich dankbar.
Ihre Kapitäne sind vom Typ her teilweise extrem unterschiedlich gewesen, als Extreme vielleicht Peter Sagan und Cadel Evans. Aber gibt es aus Ihrer Erfahrung heraus Qualitäten, Charakterzüge, die alle Champions haben?
Burghardt: Sie sind alle extrem professionell - wobei da Evans nochmal herausstach. Wie er sich um sein Material gekümmert hat, wie genau er damals 2011 den Kurs des letzten Tour-Zeitfahrens studiert hat - das war Wahnsinn. Sagan wiederum ist ein Typ, der am Abend vor Mailand - Sanremo mit seinem Bruder vor der Playstation sitzt und FIFA zockt und man denkt, das gibt es nicht! Die einen gehen es lockerer an, die anderen ernster, aber Erfolg hatten sie beide.
In welchen Bereichen hat sich der Radsport während ihrer Karriere besonders entwickelt?
Burghardt: Die Leistungsdichte ist heute viel größer als noch vor ein paar Jahren, das hat sich massiv geändert. Viel liegt da an der Trainingsmethodik, die viel professioneller geworden ist. Auch beim Material hat sich viel getan, wenn ich das mit meinen Anfangsjahren vergleiche (lacht). Mit den Rädern heute fährt man im Flachen ganz locker im Training 32, 33 km/h - das hätten wir früher mit dem Material nicht geschafft. Oder bei der Bekleidung, da haben wir heute Zeitfahranzüge an und früher eben Flattertrikots oder Helme voller Löcher bei Flachetappen. Von Laufrädern aus Karbon ganz zu schweigen. Ich würde sagen, dass über die letzten 20 Jahre gesehen das Material bestimmt 10% besser und schneller geworden ist. Dazu kommt der ganze Bereich der Ernährung und auch Dinge wie Coretraining, die heute Grundbestandteil sind und woran früher während der Saison nicht zu denken war.
Hat sich die Mentalität im Feld auch geändert?
Burghardt: Die jungen Fahrer heute haben viel weniger Respekt und machen Dinge, die wir früher nie getan hätten, aus Rücksicht auf große Namen. Aber vielleicht werden sie auch von ihren Teams dazu aufgefordert, sich ihren Platz zu erkämpfen, egal ob man einen Fahrer mit den Weltmeisterstreifen an Arm dabei abdrängt. Ich habe auch immer mal den Jungs vom neutralen Materialwagen eine Flasche Wein geschenkt oder unseren Mechanikern Bier am Truck vorbeigebracht: Solche Dinge sind wichtig und zahlen sich immer mal aus, wenn man selber dringend etwas braucht.
Wie schnell nach dem fatalen Sturz bei der Polen-Rundfahrt im letzten August war klar, dass es kein Comeback mehr geben würde?
Burghardt: Das hat lange gedauert. Erst im Februar diesen Jahres wurde das so richtig Realität. Ich war noch mit Teams in Kontakt, die mich unter Vertrag genommen hätten - aber die wollten, dass ich sofort einsteige. Dabei hatte ich noch gar nicht wieder auf dem Rad gesessen und hätte eher daran gedacht, bei der Spanien-Rundfahrt wieder einzusteigen. Aber im Nachhinein wäre auch die Vuelta unmöglich gewesen, denn ich kann mein Handgelenk einfach noch nicht wieder so bewegen, wie es dazu nötig wäre. Mit der Erfahrung aus den ersten Monaten nach dem Rücktritt: Schmiedet man in all den Jahren mit den vielen gemeinsamen Rennen, Trainingslagern und geteilten Hotelzimmern auch Freundschaften, die über den Sport hinausgehen?
Burghardt: Eher weniger, aber es gibt natürliche einige Leute, mit denen der Kontakt hält. Ich konnte mir vorher nicht vorstellen, dass man wirklich etwas vergessen wird, wenn man aus dem Profisport herausfällt. Aber das ist schon tatsächlich so. Das hat mich überrascht, aber da ist doch jeder austauschbar und der Tross zieht weiter. Da sind die Ausnahmen umso schöner, Peter Sagan etwa oder meine Trainer bei Bora, die den Kontakt gehalten haben.
Wäre es bei so viel Erfahrung nicht der Job eines Sportlichen Leiters ideal, reizt diese Perspektive?
Burghardt: Dazu müsste ich zuerst mal den entsprechenden Kurs beim Weltverband machen und bisher hatte ich die Zeit dafür nicht. Die Situation hatte mich überrumpelt und mir fehlte da zuerst der Plan. Die vergangenen 20 Jahre hatte ich immer einen Plan, klare Ziele für die anstehenden Wochen - das war da plötzlich ganz anders. Ich hatte ja kein Karriereende geplant und mich entsprechend mit dieser Perspektive beschäftigt, Gespräche geführt und Ideen gesammelt. Für nächstes Jahr könnte das etwas sein. Aber reizen würde mich der Posten eines Sportlichen Leiters schon. Es würde mir Spaß machen, mit den jungen Rennfahrern zusammenzuarbeiten.
Wie sehen die aktuellen Pläne aus?
Burghardt: Ich wollte schon lange ein Jedermann-Rennen veranstalten - denn immer wieder in meiner aktiven Zeit haben mich Fans gefragt, ob man nicht mal zusammen radfahren könnte. Dazu war damals nie die Zeit, jetzt möchte ich da etwas zurückgeben. Am 18. September werden dann bei "Shades of Speed" auch viele Wintersportler mit am Start sein, viele leben ja ganz in meine Nähe.
Wird der deutsche Radsport in Zukunft wieder einmal dahin kommen, wo er zu Ihren Anfängen war, was die Zahl der Rennen und Rundfahrten, Teams und Rennställe angeht?
Burghardt: So wie es damals war, wird es mit Sicherheit nicht wieder werden. Rennen zu veranstalten etwa ist so schwierig geworden von den Auflagen her. Bei den Mannschaften bin ich optimistischer, Bora macht es ja gerade vor mit zwei großen deutschen Sponsoren. Da könnten sich auch noch weitere Konzerne finden, die sagen, die sagen: "Das gefällt uns, die Doping-Zeit haben wir hinter uns gelassen, wir handeln uns da nichts mehr ein, was wir nicht kontrollieren könnten." Aber neben dem Geldgeber braucht man eben auch Leute, die Sponsoren ein entsprechendes Konzept vorlegen können.
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