Tour de France 2022 - 6. Etappe - Wout Van Aert zwischen Himmel und Hölle: Drei Dinge, die auffielen

Als einer der schnellsten Tagesabschnitte aller Zeiten wird die 6. Etappe in die Geschichtsbücher der Tour de France eingehen. Es war ein epischer Tag, der bot, was man nur selten sieht: Unzählige Angriffe und eine lange Flucht des Gelben Trikots. Und auch wenn Wout Van Aert dafür später bezahlen musste, blieb er neben Sieger Tadej Pogacar der Mann des Tages. Hier sind drei Dinge, die auffielen.

Van Aert mit epischer Flucht - Pogacar setzt Duftmarke

Quelle: Eurosport

Nach 4:27:13 Stunden überquerte Pogacar (UAE Team Emirates) in Longwy das Ziel des mit 219,9 Kilometern längsten Teilstücks dieser Frankreich-Rundfahrt.
Das bedeutete, dass er die 6. Etappe mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 49,376 km/h zurückgelegt hatte. Abseits von Einzelzeitfahren waren nur drei andere Tour-Etappen in der Geschichte schneller.
Hauptverantwortlicher für das Höllentempo war am Donnerstag ein Mann: Van Aert (Jumbo - Visma). Er attackierte in der Anfangsphase unzählige Male und war, nachdem es rund 70 Kilometer gedauert hatte, bis die Gruppe des Tages stand, der Stärkste unter den Ausreißern.
Am Ende musste er dafür zwar mit dem Verlust des Gelben Trikots bezahlen, doch die Frage ist: War das wichtig?
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Van Aert mit epischer Flucht - Pogacar setzt Duftmarke

Quelle: Eurosport

Hier sind drei Dinge, die auffielen:

1. Applaus und Kritik für Van Aert

Die epische Show des Wout Van Aert war mitunter unheimlich. Der Belgier fuhr an der Spitze des Rennens so stark und eindrucksvoll, dass man sich zwischenzeitlich fragen musste, wie das überhaupt möglich war.
Doch so sehr er auch imponierte, so sehr stellten sämtliche Experten am Ende des Tages zurecht fest: Taktisch war das schlicht und einfach schlecht. Im Trio mit Quinn Simmons (Trek – Segafredo) und dem für die Klassementfahrer als Tour-de-Suisse-Dritten zu gefährlichen Jakob Fuglsang (Israel – Premier Tech) konnte Van Aert nicht damit rechnen, viel Vorsprung gewährt zu bekommen.
Die gesamte Flucht war ein Himmelfahrtskommando. "Mit ein paar Männern mehr in der Gruppe, wäre es vielleicht gut gegangen. Aber wenn nur zwei mitfahren, muss man die Entscheidung treffen, wieder rauszunehmen", analysierte Eurosport-Experte Bernhard Eisel und auch Van Aerts Sportdirektor Grischa Niermann gab zu: "Dass sie nur zu dritt waren, das war absolut nicht der Plan."
Elf Kilometer vor Schluss war Van Aerts Vorstellung beendet, er wurde vom Hauptfeld eingeholt, durchgereicht und verlor sein Gelbes Trikot. Nur: War das schlimm? Van Aert selbst sah es so: "Mir war schon klar, dass es zu dritt schwer werden würde, es bis ins Ziel zu schaffen. Aber ich habe weitergemacht, um dem Gelben Trikot die Ehre zu erweisen."
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"Taktisch extrem schlecht": Van Aerts wilder Ritt geht schief

Quelle: Eurosport

Das nämlich tat er an diesem Tag in jedem Fall. Dass er damit den Verbleib in eben jenem Jersey riskierte, war da im Blick auf das große Ganze nur eine Randnotiz. Denn einen Tag später, an der Super Planche des Belles Filles hätte er es wohl ohnehin abgeben müssen. Der Auftritt von Longwy wird jedenfalls eher in Erinnerung bleiben, als die Tatsache, ob Van Aert das Gelbe Trikot vier oder fünf Etappen lang trug.
Bleibt die Frage nach dem enormen Kraftaufwand ohne zählbares Ergebnis. Doch was wäre passiert, hätte sich Van Aert im Hauptfeld geschont? Bei der Verfolgung einer anders besetzten Spitzengruppe wäre der Blick der Konkurrenz auf sein Team Jumbo-Visma gefallen, weil der Belgier für den Bergaufsprint von Longwy der klare Top-Favorit war. Sein Team hätte also entweder viel investieren müssen, um Ausreißer einzufangen, oder es wäre auch so nichts mit dem Tagessieg geworden.
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Powless verrät: Wollten, dass van Aert sich kaputt fährt

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Mit Van Aert an der Spitze aber konnten sich die anderen Jumbo-Visma-Fahrer nach den anstrengenden Verfolgungsjagden des Kopfsteinpflaster-Tages im Peloton zurückhalten. Indem er selbst sich verausgabte, nahm der Gelbe seine Teamkollegen aus der Verantwortung.
"Er fühlt sich mega stark, aber man muss drei Wochen vorausblicken. Er ist ein fundamental wichtiger Mann für sein Team", sagte Eurosport-Experte Alberto Contador in seinem Live-Kommentar zurecht.
Doch die Frage, ob Van Aerts Show vom Donnerstag letztlich ein zu feierndes Spektakel oder ein riesiger Fehler war, diese Frage wird man eben erst dann beantworten können: Nach drei Wochen Tour de France, wenn klar ist, ob ihm persönlich im Verlauf der Tour irgendwann die Kräfte ausgingen und er im Kampf um Grün oder sein Team im Kampf um Gelb deshalb dann einen Nachteil hatten.
In Longwy blieb erstmal festzuhalten, dass der 27-Jährige ein Spektakel bot – eines, für das sein langjähriger Wegbegleiter Mathieu van der Poel im Mai beim Giro d'Italia gefeiert worden wäre.
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Pidcock konsterniert: "Van Aert verarscht uns"

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2. Pogacar eine Klasse für sich

Schon nach sechs Tagen und vor der ersten Bergankunft hat Tadej Pogacar einen Etappensieg in der Tasche und das Gelbe Trikot übernommen. Das ist genau das Gegenteil von dem, was sich seine Konkurrenz von der turbulenten ersten Tour-Woche im windigen Dänemark und über das Kopfsteinpflaster Nordfrankreichs gewünscht hatte. Und eigentlich auch das Gegenteil dessen, worauf die Auftritte seines Teams bislang hingedeutet hätten.
Doch auch wenn er im Norden meist nur Mikkel Bjerg bei sich hatte und am Donnerstag nun George Bennett sowie Marc Hirschi Probleme zu haben schienen, so hat der Titelverteidiger sich bisher keine Blöße gegeben. Schon in Calais hatte sich angedeutet, wie stark er ist, als er bei Jumbo-Vismas konzentrierter Aktion im letzten Anstieg zunächst viel zu weit hinten positioniert war, oben auf der Kuppe dann aber doch zu den Ersten gehörte.
Einen Tag später, auf dem Kopfsteinpflaster, setzte Pogacar dann ein echtes Ausrufezeichen und mit seinem Antritt in Longwy folgte gleich das zweite hinterher. Die Art und Weise, wie er dort seinen Landsmann Primoz Roglic stehen ließ, dem solche Ankünfte eigentlich sehr liegen, war fast beängstigend. Bei der Bergankunft an der Super Planche des Belles Filles am Freitag ist Pogacar nun der klare Top-Favorit darauf, seine Gesamtführung sofort auszubauen.
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Machtdemonstration! Pogacar fliegt allen davon

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Man könnte schon nach sechs Tour-Tagen resignierend mit dem Kopf schütteln, wenn man auf Spannung im Kampf um den Gesamtsieg gehofft hatte. Doch das wäre ein Fehler. Denn die Schwächen seines Teams werden – abgesehen von Rafal Majka und Brandon McNulty – immer eklatanter. Und wenn man sich um die Kraftreserven eines Van Aert nach seiner aktiven ersten Tour-Woche Gedanken macht, wieso dann nicht um die von Pogacar? Im Kraftsparmodus sind da dann doch eher die Mannen von Ineos Grenadiers bisher unterwegs.

3. Vlasov erneut im Pech - Bora souverän

Aleksandr Vlasov wäre um ein Haar zum großen Verlierer der Übergangsetappe aus dem Norden in Richtung Vogesen geworden. Der Russe stürzte neun Kilometer vor Schluss, als im hügeligen Finale unter den Favoritenteams die Post abging. Seine Chancen aufs Tour-Podium hingen kurzzeitig am seidenen Faden. Doch wie schon am Vortag nach seinem Defekt auf dem Kopfsteinpflaster agierten Vlasovs Teamkollegen höchst souverän und brachten ihn sofort wieder zurück ins Hauptfeld.
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Auf Zebrastreifen weggerutscht: Vlasov stürzt kurz vor Schluss

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"Der Sturz war absolut unnötig. Wir kommen mit 50 um die Kurve und da ist einfach eine Verkehrsinsel. Ich war vorne mit Aleks und ich wusste sofort: Er wird jetzt stürzen, da führt kein Weg dran vorbei. Ich hörte es nur noch scheppern", schilderte Lennard Kämna gegenüber radsport-news.com.
"So eine Streckenführung geht absolut nicht. Das war Mist. Aber wir haben es dann ganz gut aufgeteilt: Ich habe am steilen Berg gewartet. Max hat die Arbeit vorher gemacht und ich konnte Aleks dann über die Kuppe wieder nach vorne bringen. Zum Glück ist es sich ausgegangen."
Der Plan, in der ersten Tour-Woche zunächst mit allen Mann darauf zu setzen, Vlasov sicher durchzubringen, war bislang goldrichtig.
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Legendäre Tour-Berge: Pogacar schockt Roglic in den Vogesen

Quelle: Eurosport

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