Tour de France - Tadej Pogacar bleibt sich treu: Warum der Gesamtsieg im Hintergrund steht

Tadej Pogacar konnte es auch in Paris nicht lassen. Auf der letzten Etappe der Tour de France ließ der Slowene erneut seine Muskeln spielen und attackierte auf den Champs-Élysées. Ein Sinnbild für drei Wochen, auf denen er seine offensive Fahrweise immer wieder zur Schau stellte. Eine Fahrweise, die nach Pogacars zweiter Tour-Niederlage in Folge gegen Jonas Vingegaard Kritik und Fragen aufwirft.

Aggressivität über Erfolg? Pogacar "möchte er selbst bleiben"

Quelle: Eurosport

48 Kilometer vor dem Ziel lieferte Tadej Pogacar den Zuschauern auf den Champs-Élysées noch einmal eine Show. Mit herausgestreckter Zunge attackierte der Slowene auf der Pariser Prachtstraße und bereitete den Radsport-Fans - aber vor allen Dingen sich selbst – auf der Schlussetappe der Tour de France 2023 einen Heidenspaß.
"Das ist das Wunderschöne: Wann haben wir das letzte Mal einen Klassementfahrer auf den Champs-Élysées vorne gesehen", fragte Bernie Eisel nach dem Rennen im "Velo Club" mit einem Hauch Bewunderung.
Ein Spiel mit der Konkurrenz. Schnell riss Pogacar eine kleine Lücke zwischen sich und dem Peloton. "Es ist nicht so, dass die nicht mitfahren wollen. Die können nicht", sagte Eurosport-Experte Jens Voigt im Live-Kommentar. Einzig Jonas Vingegaards Helfer Nathan Van Hooydonck wurde vom Team Jumbo-Visma als Aufpasser mitgeschickt und klemmte sich an das Hinterrad des Slowenen.
Schließlich fiel der 24-Jährige wieder ins Hauptfeld zurück.

Ein Vorstoß als Sinnbild

Es war kein Angriff auf den Tagessieg und erst recht keiner auf das Gelbe Trikot. Dennoch steckte in dem Vorstoß ein Sinnbild für weite Teile der zurückliegenden drei Wochen, in denen Pogacar immer wieder attackierte und der Konkurrenz die Zähne zeigte - manchmal auch vermeintlich ohne Grund und zum Unverständnis einiger Experten.
picture

Tadej Pogacar

Fotocredit: Getty Images

Doch genau dieser Antrieb, immer "vorne sein zu müssen", zeichne ihn aus, wie Eurosport-Experte Bernie Eisel erklärte. Mal ein Rennen nur zum Spaß und nicht mit 100 Prozent Performance anzugehen, lasse sich nun mal nicht mit seinem "inneren Gefühl" vereinbaren: "Das ist auch der Grund, warum er von vielen immer wieder als einer der besten Radprofis der Geschichte bezeichnet wird."

Pogacar verliert Gigantenduell zum zweiten Mal

Dennoch verlässt der Slowene die Frankreich-Rundfahrt nun zum zweiten Mal nacheinander als der Geschlagene.
Bezwungen von einem kühlen Dänen, dem während der Tour aufgrund seiner nüchternen Taktik mitunter vorgeworfen wurde, er habe nicht das Selbstvertrauen, Pogacar anzugreifen – der dann aber im Zeitfahren und auf der Königsetappe die Schwäche seines Kontrahenten eiskalt ausnutzte und die entscheidenden Nadelstiche setzte, um zum zweiten Mal in Folge als Sieger aus dem Gigantenduell der Tour hervorzugehen.
picture

Vingegaard calls Pogacar 'best bike rider in the world' despite Tour collapse

Quelle: Eurosport

"Er hat keine Schwächen gezeigt", analysierte Eisel die Performance von Vingegaard: "Er hat sich durch Pogacars Explosivität ein, zwei Mal überraschen lassen. Aber er war immer der Herr im Ring." Auch nach Etappen, auf denen Pogacar einige Sekunden vom Vorsprung Vingegaards abknabberte, behielten der Däne und die Jumbo-Visma-Crew die Ruhe.

Ein Duell der Gegensätze

"Eis schlägt wieder Feuer", titelten französische Medien zwischenzeitlich. Ein Duell der Philosophien, das die Frage aufwirft, ob Pogacar seine Herangehensweise möglicherweise überdenken muss, um dem Dänen das Gelbe Trikot im kommenden Jahr endlich wieder zu entreißen.
picture

Würdiger Sieger: "Vingegaard war immer der Herr im Ring"

Quelle: Eurosport

Doch Pogacar sei eben Pogacar, wie Eurosport-Experte Voigt im "Velo Club" nach der 21. Etappe erklärte.
"Ich glaube, er sagt sich: Will ich noch mal die Tour gewinnen, aber todlangweilig sein, oder will ich Tadej Pogacar sein und werde eben nur Zweiter", stellte der 51-Jährige in Frage und lieferte seine Einschätzung sofort mit: "Ich denke er sagt: Nein, ich bin Tadej Pogacar, ich attackiere, wenn die Sonne scheint, wenn es regnet oder wenn ich eben Lust habe. Dann riskiere ich auch, dass ich Zweiter werde."
picture

Jonas Vingegaard im Duell mit Tadej Pogacar

Fotocredit: Getty Images

Pogacar "will kein Roboter sein"

Vielmehr wolle der Slowene sich und seinem Stil treu bleiben. Das habe für den Gesamtsieger von 2020 und 2021 oberste Priorität. Er sehe sich als "Fahrer, der mit Instinkt attackiert und dabei noch lächelt", meinte Voigt: "Und er sagt sich: Wenn ich ein Roboter werden muss, um die Tour zu gewinnen, dann will ich das nicht."
Für die Zuschauer ist das Duell der Gegensätze allemal ein Geschenk.
Aus dem Kampf um den Etappensieg hielt sich Pogacar am Sonntagabend in der französischen Hauptstadt schließlich heraus. Positive Stimmung verbreitete er - neben seiner Attacke ein Stunde zuvor - dennoch ein zweites Mal. Kurz nachdem Jordi Meeus den sensationellen Triumph für Bora-hansgrohe einfuhr, rollte Pogacar über die Ziellinie und formte mit seinen Fingern schelmisch lächelnd das Victory-Zeichen.
Auch als er Vingegaard auf dem Podium gratulierte, verlor er seine gute Laune nicht. Tadej Pogacar bleibt eben Tadej Pogacar.
Das könnte Dich ebenfalls interessieren: "Sehen uns in Barcelona": Vingegaard startet auch bei Vuelta
Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung