Tour de France - Voigt exklusiv über das Duell Vingegaard gegen Pogacar: "Zwei Mühlsteine, die das Peloton zerquetschen"
Jonas Vingegaard (Jumbo-Visma) und Tadej Pogacar (UAE Emirates) trennen an der Spitze der Tour de France 2023 vor der letzten Woche nur zehn Sekunden. Eurosport-Experte Jens Voigt erklärt im Interview mit Eurosport.de, wieso er im Kampf um das Gelbe Trikot auf den Slowenen setzt, was er sich vom Zweikampf auf den letzten Metern erwartet und warum sich die Fans mehr zurückhalten müssen.
Stage 16 profile and route map: Passy - Combloux
Quelle: Eurosport
Die Tour de France 2023 biegt auf die Zielgerade ein. Bereits am Dienstag könnte sich der Kampf um das Gelbe Trikot zwischen dem Dänen Jonas Vingegaard und dem Slowenen Tadej Pogacar auf der 16. Etappe beim einzigen Zeitfahren über 22,4 Kilometer von Passy nach Combloux zuspitzen (13:00 Uhr im Liveticker).
Am Mittwoch steht dann die Königsetappe in den Alpen von Saint-Gervais Mont-Blanc nach Courchevel (165,7 km) an, die die Vorentscheidung bringen könnte.
Eurosport-Experte Jens Voigt hält es jedoch auch für sehr gut möglich, dass sich die Tour 2023 erst am letzten Wochenende entscheidet - möglicherweise sogar erst in Paris.
Im Interview mit Eurosport.de spricht der 51-Jährige am letzten Ruhetag über seine Woche auf dem Motorrad, den packenden Zweikampf an der Spitze und die Leistung der deutschen Fahrer.
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Experten-Talk zur Schlusswoche: Der große Check zum Duell um Gelb
Quelle: Eurosport
Jens, Du hast die Eurosport-Zuschauer bei der Tour de France eine Woche lang live aus dem Peloton vom Motorrad aus über das Rennen informiert und begeistert. Wie war das für dich?
Jens Voigt: Fantastisch, nervenaufreibend, interessant, gefährlich, intensiv - sucht euch was aus! (lacht) Für mich als ehemaligen Rennfahrer war es fast wie eine Art Comeback - nur ohne die Schmerzen in den Beinen. Du spürst die Hitze, die Kälte, den Wind. Du spürst, ob der Straßenbelag schlecht oder gut ist. Du bist wieder ganz eng dabei und wirst auch von den Fahrern wahrgenommen. Ich bin mal an Peter Sagan am Berg vorbeigefahren, als er voll am Leiden war. Aber als er mich sah, rief er rüber: 'Ey Jeeeens, shut up legs today!' ('Shut up legs' ist der Titel von Voigts Biografie, Anm. d. Red.) Da macht der dreifache Weltmeister, obwohl er voll am Limit ist, eben noch kurz einen Witz mit dir. Das macht dann schon sehr viel Spaß.
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"Schreckliche Bilder": Voigt schildert Eindrücke vom Massensturz
Quelle: Eurosport
So richtig entspannt ist das Leben auf dem Motorrad aber nicht, oder?
Voigt: Sagen wir so: Es hilft, dass ich selbst einen Motorradführerschein habe und weiß, wie man sich zu verhalten hat. Das ist nicht wie Autofahren, wo du einfach rumsitzt und den Fahrer alles machen lässt. Motorrad heißt Arbeit: Lehnt sich der Fahrer nach links, musst du mit. Bremst er, willst du ihm auch nicht mit vollem Körpergewicht in den Rücken knallen. Du musst also permanent mitdenken. Du fährst mehrere Male am Tag mit 100-120 km/h dem Feld hinterher oder voraus. Das ist dann schon aufregend - und anstrengend.
Für die letzte Woche wechselst du wieder ins Eurosport-Studio. Für die Fahrer geht es nach dem letzten Ruhetag ab Dienstag um alles.
Voigt: Diese Tour ist schon ziemlich besonders. Jumbo-Visma und UAE Emirates sind wie zwei große Mühlsteine, die das gesamte Peloton zerquetschen. Da bleibt für viele oft nur noch Schmerz, Blut und Tränen übrig. Da geht es ums nackte Überleben. Bei deren Teams fängt das Meeting im Bus morgens so an: Je nachdem, was Jumbo und UAE heute machen, machen wir das oder eben das. Diese zwei Übermannschaften diktieren die Renntaktik des gesamten Pelotons. Das muss für viele richtig frustrierend sein.
So sieht's auch an der Spitze aus: Jonas Vingegaard und Tadej Pogacar machen das Gelbe Trikot komplett unter sich aus, liefern sich einen Sekunden-Krimi.
Voigt: Es ist echt super knapp. Ich denke auch, dass sie nach dem Zeitfahren am Dienstag weiter ganz eng beieinander liegen werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Entscheidung erst am Wochenende fällt, auf den letzten Metern sozusagen. Jetzt zählt jede Kleinigkeit: Am Ende gibt vielleicht eine verpasste Trinkflasche den Ausschlag über den Tour-Sieg. Ich nehme fast schon Wetten an, dass wir die beiden auch auf den Champs-Élysées in der Spitzengruppe sehen werden …
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Tour-Berge: Das steile Finale im Zeitfahren auf der 16. Etappe
Quelle: Eurosport
Wie ist dein Eindruck: Hat sich Vingegaard zuletzt bewusst mit Angriffen zurückgehalten und taktiert? Meist war Pogacar der Aktivere.
Voigt: Im Sport spielen sich die reinsten und ehrlichsten Dramen ab. Wenn im normalen Leben jemand neben dir hinfällt, reichst du ihm die Hand und hilfst ihm auf. Ganz anders im Sport: Wenn hier jemand strauchelt, rammst du ihm erst recht das Messer in den Rücken. Deswegen bin ich mir sicher: Wenn einer der beiden beim jeweils anderen eine Schwäche gespürt hätte, hätten sie gnadenlos zugeschlagen. So aber zeigt sich: Beide sind tatsächlich annähernd identisch stark. Die fahren beide mit offenem Visier um jede Sekunde.
Wenn du dich festlegen müsstest - wer holt den Toursieg?
Voigt: Ich glaube an Pogacar. Vingegaard hatte bis dato eine starke Saison. Die Dauphiné hat er überzeugend gewonnen. Das ist aber jetzt fünf Wochen her - fünf Wochen, in denen er keine große Form mehr aufbauen konnte, sondern höchstens konservieren. Bei Pogacar sieht das anders aus; der hatte durch seine Handverletzung bei Lüttich-Bastogne-Lüttich eine Zwangspause, die seinem Körper die Chance zur Grundüberholung gab. In der ersten Tour-Woche hatte er so zwar noch Probleme mit dem Rhythmus, aber jetzt vielleicht noch die entscheidenden Körner übrig für den Sieg.
Wie fällt dein Zwischenfazit für die deutschen Fahrer aus?
Voigt: Ich finde, wir haben das gesehen, was wir erwarten konnten. Man muss realistisch bleiben. Wir haben keinen Klassementfahrer, der es mit Vingegaard oder Pogacar aufnehmen kann. Wir haben keinen Sprinter, der Jasper Philipsen im Duell Mann gegen Mann schlagen kann. Und wir haben keinen Spezialisten, der ein Zeitfahren gewinnen kann. Aber: Wir haben viele sehr, sehr gute Rennfahrer bei dieser Tour, die alle in ihren Rollen einen sehr, sehr guten Job machen.
An wen denkst du da konkret?
Voigt: Nikias Arndt hat Phil Bauhaus dreimal im Sprint aufs Podest geholfen. Georg Zimmermann hat einen Etappensieg nur knapp verpasst. Bei Bora unterstützen Nils Politt und Emu Buchmann ihren Kapitän Jai Hindley ganz hervorragend, dürfen dafür aber nicht in eine Gruppe gehen. Auch Simon Geschke ist bei Cofidis immer da, wo er gebraucht wird. Da braucht es dann schon fast einen Sechser im Lotto, dass sich ein deutscher Etappensieg ausgeht. Zumal es jetzt noch einige bislang enttäuschte Teams gibt, die auf den letzten Etappen auf den Tagessieg aus sind.
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"Zimmermann war unglaublich": Die Analyse der Eurosport-Experten
Quelle: Eurosport
Bei dieser Tour gab es gleich mehrere Stürze wegen unvorsichtiger Fans. Wie siehst du das?
Voigt: Schwieriges Thema und nicht leicht, einen generellen Lösungsansatz zu finden. Ich sage zum Beispiel beim Sturz am Sonntag mit dem Jumbo-Visma-Fahrer (Sepp Kuss, Anm. d. Red.): Bei mir wäre wahrscheinlich der Fan auf die Schnauze geflogen und nicht ich. Meine Generation hätte Arm und Schulter so steif gemacht, dass die den Aufprall absorbieren. Dann hast du zwar einen blauen Fleck am Arm, aber keine Knochenbrüche. Die Fahrer heute wissen alles über Ernährung, über Watt pro Kilo, über ihre Recovery Drinks. Sie fahren schneller, als wir es jemals konnten. Aber am Bikehandling hapert es ein bisschen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Jungs heute seltener im Peloton unterwegs sind als wir früher. Es wird trainiert, trainiert, trainiert, oft aber nur in kleinen Gruppen. Und das merkt man dann in solchen Stresssituationen.
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Nächster Sturz-Schock: Zuschauer löst schweren Massencrash aus
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Und die Zuschauer?
Voigt: Die andere Seite ist natürlich das Fehlverhalten der Fans. Der Reiz des Radsports ist, dass jeder ohne Kosten für ein Eintrittsticket live hautnah dabei sein kann. Aber entsprechend verantwortungsbewusst muss man sich dann auch verhalten. Ein Problem ist ganz klar: Die Fans sind oft seit dem frühen Morgen da, stehen den ganzen Tag in der prallen Sonne. Wenn bei den jungen Burschen dann noch Alkohol im Spiel ist, sind die einfach, ich muss es so sagen, strunzblau, wenn wir um 16:00 Uhr vorbeigeschossen kommen. Dann sind sie nicht mehr Herr ihrer Sinne und rennen mit ihren seltsamen Borat-Kostümen auf die Straße. Das ist ein großes Problem.
Wie könnte man dem beikommen?
Voigt: Bei aller Liebe: Die Leute sollen die Show genießen - und die Show sind die Fahrer. Du kannst ihnen deine Anerkennung auch anders zeigen, als ihnen das Handy vors Gesicht zu halten oder jedem Fahrer am Berg auf den Rücken zu hauen. Was die Zuschauer besser verstehen müssen: Jeder Quadratzentimeter Asphalt ist für die Fahrer Bürofläche. Wir wollen doch auch nicht, dass uns im Job jemand aus 20 Zentimetern Entfernung ins Gesicht brüllt und auf die Schulter haut. Das geht nicht! Dazu kommt die finanzielle Dimension. Es gab diese eine Szene, in der Pogacar im Duell mit Vingegaard ausgebremst wurde, weil das Motorrad vor ihm von Zuschauen aufgehalten wurde. Mit den zwei Spitzenfahrern fahren zehn Millionen Euro Investment um den Sieg bei der Tour de France - da müssen sich die Fans einfach ein bisschen zurücknehmen und nicht den Rennausgang beeinflussen, weil sie mit auf der Straße stehen wollen. Damit setzen sie im Zweifel auch die Arbeit eines ganzen Teams aufs Spiel. Alles, auf das ein Jahr lang hingearbeitet wurde. Das ist dann auch irgendwie respektlos.
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Ausgebremst! Motorrad kommt Pogacar bei Angriff in die Quere
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