Der Auftritt von Lipowitz (Red Bull-Bora-hansgrohe) beim
Auftakt zur Pyrenäen-Trilogie dieser 112. Frankreich-Rundfahrt war beeindruckend:
Der deutsche Hoffnungsträger übertraf auf den letzten sechs Kilometern der 13,5 Kilometer langen und im Schnitt 7,8 Prozent steilen Schlusssteigung alle Erwartungen und war dort nach seiner Attacke aus der Verfolgergruppe heraus der zweitschnellste Mann im Rennen - nur knapp 25 Sekunden langsamer als Pogacar (UAE-Emirates-XRG) und rund 45 Sekunden schneller als der Zweitplatzierte Vingegaard (Visma-Lease a Bike), der sich nur noch 13 Sekunden im
Tagesklassement vor ihm ins Ziel rettete.
Damit unterstrich Lipowitz, dass er sich seit seinem eigentlichen Saisonhöhepunkt, dem Critérium du Dauphiné im Juni - die für die Topstars als "Generalprobe zur Tour" geltende einwöchige Rundfahrt hatte man im Winter als sein großes Ziel auserkoren - sogar noch einmal steigern konnte.
Schon dort war er Dritter hinter Pogacar und Vingegaard und vor Remco Evenepoel (Soudal-Quick-Step). Doch das Überflieger-Trio befand sich eben noch im Formaufbau, Lipowitz am geplanten Peak. Und den hat er nun ganz offensichtlich nochmal verlängert, mit einem weiteren Höhentrainingslager in der zweiten Junihälfte.
Highlights: Lipowitz begeistert bei Pyrenäen-Showdown
Quelle: Eurosport
Denk: "Wo das hingeht - da bin ich selbst gespannt"
"Dass er seine Topform so verlängern kann, zeigt wie groß sein Motor ist. Wo das noch hingeht - da bin ich selbst gespannt", freute sich Team-Manager Ralph Denk am Mannschaftsbus im Gespräch mit "radsport-news.com".
In Hautacam bekam man auf den letzten Kilometern sogar das Gefühl, Lipowitz hätte den zweifachen Tour-Sieger Vingegaard noch einholen können, wenn der Anstieg noch ein, zwei Kilometer länger gewesen wäre.
Experten adeln Lipowitz: "Hat heute gezeigt, was er kann"
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Doch Red-Bull-Sportdirektor Rolf Aldag konnte mit solchen Spekulationen nichts anfangen und kanzelte eine entsprechende Frage im "ARD"-Interview ab: "Ja, vielleicht hätte er ihn bekommen - und dann hätte er sich in einen Hungerast gefahren und wäre mit vier Minuten Abstand ins Ziel gekommen. Hätte, hätte, Fahrradkette", sagte der 56-Jährige.
Fakt ist: Lipowitz blieb zwölf Kilometer vor dem Ziel, als Pogacar attackierte und Vingegaard mitging, erstmal sitzen. Er blieb ruhig, fuhr sein Tempo weiter und um ihn herum bildete sich eine vierköpfige Gruppe mit Roglic, Oscar Onley (Picnic-PostNL) und Tobias Halland Johannessen (Uno-X). In diesem Quartett machte Lipowitz die meiste Führungsarbeit, um den abgehängten Kontrahenten ums Podium, Evenepoel, auf Distanz zu halten. Und dieses Tempo schlug er so an, dass auch Roglic noch bei ihm bleiben konnte, um gemeinsam Zeit herauszuholen.
Gasparotto gab aus dem Auto das "Go!" zur Attacke
Vor dem Hintergrund, wie schnell Lipowitz später fahren konnte, wirkte das wie ein Warten. Gleichzeitig dürfte sich sein extremes Tempo auf den letzten Kilometern auch darauf begründen, dass er vorher noch Kraft sparte. Am Ergebnis war dementsprechend nicht zu rütteln. Das ist immer die Konsequenz aus unterschiedlichen Fahrweisen.
"Es ging nicht ums Warten, sondern eher darum, gemeinsam Evenepoel auf Distanz zu halten", erklärte Aldag. "Dann war klar, dass Lipo die Beine hat und dann gab es vom sportlichen Leiter Gasparotto auch das Go, weil wir ihn im Steilen nochmal weiter distanzieren wollten."
Eisel euphorisch nach Lipowitz-Coup: "Bin immer noch am Zittern"
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So entstand die beeindruckende Tempojagd im Finale, in dem aber übrigens auch Onley und Johannessen zumindest genauso schnell waren wie Vingegaard, der offensichtlich am Ende etwas einbrach, weil er sich bei Pogacars Angriff wohl übernommen hatte.
"Wir wussten, die Attacken von Jonas oder Tadej mitzugehen, das sollte man vielleicht vermeiden", erklärte der Sportliche Leiter Bernhard Eisel am Eurosport-Mikrofon und lobte: "Er hat in der letzten halben Stunde die richtig Pace gefunden."
Eisel unterstrich auch, dass Lipowitz bei seinem Tour-Debüt bislang etwas gebremst werden musste, um nicht zu viel Kraft zu vergeuden. "Wir haben eins, zwei Mal in Meetings gesagt: 'Wir bleiben ruhig, wir konzentrieren uns auf die langen Anstiege. Und heute konnte er sich austoben'", so der Österreicher.
Lipowitz Von Beginn an stark an Roglics Seite
Von Anfang an wirkte Lipowitz bei dieser Tour bärenstark, blieb aber immer an der Seite von Kapitän Roglic. Nachdem man ihn auf Etappe 1 nach einem Defekt lange allein hinter dem Feld herfahren ließ, wofür es auch Kritik von außen gab, machte Lipowitz auf Etappe 2 in Richtung Boulogne-sur-Mer starke Helferarbeit für Kapitän Roglic, als der in den letzten Hügeln etwas Probleme hatte, den Besten zu folgen.
Diskussionen um Lipowitz: Aldag erklärt - Degenkolb ordnet ein
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Und im Finale ritt er dort eine Attacke, die mutig, aber auch nicht unbedingt die cleverste war. Nur wegen seiner großen Power konnte er danach im Schlusssprint der Favoritengruppe einen Zeitverlust vermeiden.
Einen Rückschlag gab es auf Etappe 4 in Rouen, die ihm mit dem explosiven Finale nicht lag, doch tagsdrauf fuhr Lipowitz in Caen ein überragendes Zeitfahren und wurde Sechster. An der Mur-de-Bretagne auf Etappe 7 wurde ihm die Positionierung vor der Schlussrampe etwas zum Verhängnis, doch insgesamt kam Lipowitz sehr gut durch die erste Tour-Woche.
Lipowitz-Attacke beeindruckt Degenkolb: "Krass, wie stark er ist"
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Dass man ihn bei Red Bull im Schatten von Roglic hielt, hatte wohl mehrere Gründe: Erstens, um ihn vor einem zu großen Hype zu beschützen, zweitens um ihn aus Gefahrensituationen zu halten und drittens - wie das Verhalten auf Etappe 1 nahelegte - weil man vielleicht auch selbst nicht so ganz einschätzen konnte, wie gut Lipowitz mehrere Wochen nach seinem Saisonhöhepunkt Anfang Juni noch sein würde.
Eisel: "Ich habe jetzt noch Gänsehaut"
In Hautacam nun hat man eine eindrucksvolle erste Antwort bekommen. "Ich habe jetzt noch Gänsehaut", sagte Eisel. Doch trotzdem bleibt die Frage, wie lange Lipowitz seinen Höhenflug noch in die Länge ziehen kann, bestehen. Die entscheidende dritte Tour-Woche ist sechs Wochen vom Critérium du Dauphiné entfernt.
"Er ist die Vuelta (Platz 7 als Roglic-Helfer 2024, Anm. d. Red.) schon zu Ende gefahren und wir wissen also, dass er die drei Wochen kann. Aber natürlich ist das hier eine andere Liga", sagte Eisel. "Jetzt sind wir erstmal zufrieden mit dem, was wir haben."
"Tour-Podium weiter im Blick:" Aldag über Ziel für Roglic & Lipowitz
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Und das ist eben der vierte Gesamtrang, den das Bora-Team 2019 auch mit Emanuel Buchmann schon einmal erreicht hat. Für das beste Tour-Ergebnis der Teamgeschichte wäre das Podium nötig, das man ursprünglich mit Roglic anvisiert hatte - und in gewisser Weise auch weiterhin anvisiert.
"Wir wollten in Paris auf dem Podium stehen, da sind wir nähergekommen, aber es ist auch noch ein weiter Weg", sagte Aldag zu "radsport-news.com", wollte sich dabei aber nicht auf Lipowitz als neuen Leader festlegen:
Kapitän? Aldag: "Es wäre dämlich, sich festzulegen"
"Ich habe immer gesagt, er fährt an der Seite von Primoz und wir wollen ihm die Zeit geben - worum ich auch jetzt noch bitte. Es kommen noch extrem viele, harte Tage auf uns zu, es macht keinen Sinn, sich jetzt auf irgendetwas festzulegen, das würde uns auch ausrechenbar machen. Wir haben jetzt zwei recht weit vorne und ich glaube, da sind wir die einzigen. Da wäre es, mit Verlaub, richtig dämlich, sich auf einen festzulegen."
Roglic, der nun 1:56 Minuten hinter Lipowitz und 2:45 hinter dem Podestplatz von Evenepoel Gesamtsiebter ist, soll als taktische Option weiter im Spiel bleiben und die Hoffnung ist, dass er das auch nach dem Bergzeitfahren in Peyragudes am Freitag noch ist.
Der Slowene jedenfalls zeigte sich auch in Hautacam zumindest nach außen so entspannt wie im bisherigen Tour-Verlauf. Dass sein Teamkollege ihm davongefahren war, störte ihn augenscheinlich nicht. "Wenn man die Beine hat, muss man losfahren. Und er hatte die Beine - ein toller Job von ihm", sagte Roglic zu Eurosport. "Ich bin wirklich happy und hoffe, dass er das Level bis zum Ende halten kann."
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Roglic über Lipowitz: "Wer die Beine hat, muss losfahren!"
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Und wenn nicht? Dann sei das auch nicht schlimm, betonte Teamchef Denk. "Wenn er 'nur' in den Top Ten ankommen sollte, wäre das auch ein super Ergebnis. Wir sehen sein Potenzial und das gilt es weiter auszubauen. Wir haben ihn schon entwickelt, als er von den Amateuren zu uns kam. Da hat er selbst einen großen Teil beigetragen und wir haben ihn bestmöglich unterstützt und an ihn geglaubt."
Red Bull-Bora-hansgrohes langjähriger Coach Dan Lorang hatte Lipowitz damals entdeckt, nachdem dessen Vater ihn auf ihn aufmerksam gemacht hatte, und ihn zu Tests eingeladen. Zum ersten Gespräch mit Teamchef Denk vor fünf Jahren kam der Schwabe mit dem Fahrrad, quasi als Zwischenstopp auf einer über 200 Kilometer langen Trainingsausfahrt. Das imponierte dem Boss.
Jetzt kämpft Lipowitz tatsächlich ums Podium bei der Tour de France. Allerdings ist der Weg bis Paris noch weit und mit dem frischesten Eindruck scheint fast alles möglich: von Platz zwei bis zum Einbruch und einem Ergebnis außerhalb der Top 10.
Großer Gegner bald Lipowitz-Teamkollege?
Spannend ist: Der größte Gegner ums Podium könnte Evenepoel sein, der seit Jahren mit einem teuren Transfer zu Denks Team in Verbindung gebracht wird. Zu Tourbeginn waren wieder Gerüchte aufgekommen, der Deal sei für 2026 in trockenen Tüchern. Doch braucht man den Belgier überhaupt noch?
"Stand heute könnte man das so sehen, dass wir ihn nicht mehr brauchen, aber man muss auch sehen, dass er das ganze Frühjahr nicht trainieren konnte und doch hat er eine großartige Leistung gebracht", meinte Denk. "Er steht noch ein Jahr bei Soudal unter Vertrag und dann werden wir weiterschauen."
Evenepoel nach dem schwachen ersten Pyrenäen-Tag abzuschreiben wäre wohl ein Fehler. Schließlich war er bei der Vuelta 2023 am Col du Tourmalet auch völlig eingebrochen und musste alle Gesamtwertungs-Ambitionen begraben, bevor er tagsdrauf die nächste Bergankunft für sich entschied.
"Meine Chance genutzt": Lipowitz erklärt seinen Hautacam-Coup
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Es ist also alles offen und Red Bull hält bewusst am Mantra fest, zurückhaltend zu bleiben und keine Erwartungen zu schüren. Damit ist man schließlich bisher gut gefahren und das hat auch Lipowitz selbst verinnerlicht, wie seine Aussagen in Hautacam schließlich unterstrichen.
"Wir können superzufrieden sein. Wir haben jetzt zwei Mann im Klassement. Das bietet uns viele Möglichkeit für die nächsten Etappen", sagte er am Eurosport-Mikrofon und blieb beim Plan, nicht der Kapitän zu sein: "Wir sind ein Team, wir müssen das besprechen, aber ich denke, es ist noch nicht so weit. Es kommen noch viele harte Etappen."
Trotzdem: Der erste Podestplatz eines Deutschen bei der Tour de France seit Andreas Klöden 2006 scheint so realistisch wie seit 19 Jahren nicht mehr. "Jeder darf träumen, wir sehen weiter von Etappe zu Etappe", meinte Aldag. "Wir wollten am Anfang nicht in Stress geraten, das ist gelungen, jetzt sind aber dummerweise noch viele weitere Tage übrig - dummerweise, aber auch glücklicherweise, weil wir ja noch nicht auf dem Podium sind."
Tour-Strecke, 13. Etappe: Bergzeitfahren in den Pyrenäen
Quelle: Eurosport