Paul Seixas zur Tour de France? Jens Voigt warnt Supertalent vor verfrühten Ambitionen: "Versuchung ist groß, aber …"
Paul Seixas hat bei Lüttich - Bastogne - Lüttich bewiesen, dass er auch auf der ganz großen Radsport-Bühne bestehen und einen Tadej Pogacar zumindest ärgern kann. Der Hype um den 19-Jährigen ist real. Auch Eurosport-Experte Jens Voigt hält Seixas für ein "Jahrhundert-Talent", warnt aber davor, den Franzosen zu verheizen und zu großem Druck auszusetzen. Vor allem im Hinblick auf die Tour de France.
Highlights: Seixas liefert Dominator Pogacar einen harten Fight
Quelle: Eurosport
Paul Seixas ist aktuell die wohl heißeste Aktie im Radsport.
Nach seinen Siegen bei der Baskenland-Rundfahrt und beim Flèche Wallonne beeindruckte der 19-jährige Franzose auch bei Lüttich - Bastogne - Lüttich und bot Dominator Tadej Pogacar lange die Stirn. Erst 14 Kilometer vor dem Ziel konnte Seixas dem Weltmeister nicht mehr folgen, wurde am Ende mit 45 Sekunden Rückstand Zweiter. Vor beispielsweise Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel (3.) oder Egan Bernal (5.).
Während in Seixas' Heimatland Frankreich längst ein Hype ausgebrochen ist und die Hoffnung auf den ersten Tour-de-France-Sieg seit über vierzig Jahren wächst, mahnt Eurosport-Experte Jens Voigt im exklusiven Interview zur Vorsicht.
Zwar hofft der 54-jährige Ex-Profi, dass Seixas bei der "Großen Schleife" an den Start gehen wird, warnt aber davor, den Shootingstar bereits jetzt mit Pogacar und Jonas Vingegaard in den Kampf ums Gelbe Trikot zu schicken. Dafür fehle es vor allem seinem Team Décathlon CMA CGM noch an Cleverness und Erfahrung.
Paul Seixas stellt aktuell die Radsport-Welt auf den Kopf. Haben Sie in Ihrer Karriere schon einmal einen Fahrer erlebt, der mit 19 Jahren so beeindruckend unterwegs war?
Jens Voigt: Das ist ein Typ wie Peter Sagan, ein junger Laurent Jalabert oder ein ganz junger Bernard Hinault. Alle 20 Jahre taucht mal so einer auf. So wie es in diesem Jahr bislang gelaufen ist, muss man sagen, dass er der legitime Nachfolger von Tadej Pogacar ist. Er ist seit Jahren der erste Fahrer, der bei Pogacar sehr, sehr lange dabeibleibt. Remco war letztes Jahr an der Redoute schon abgehängt, der junge Seixas fährt in diesem Jahr noch mit rüber und wird erst am letzten Berg abgehängt. Er ist besser als alle anderen Pogacar-Verfolger. Er ist ein Jahrhundert-Talent.
Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis er alles in Grund und Boden fährt?
Voigt: Nicht unbedingt. Das heißt nicht zwangsläufig, dass er Lüttich und die Tour de France gewinnen wird. Ich habe in meinem Leben auch schon viele Talente scheitern gesehen. Weil sie zu bequem, zu faul sind. Vieles fällt ihnen leicht. Aber wenn es plötzlich mal schwer wird, brechen sie zusammen. Bei jungen Talenten heißt hart arbeiten meist, um Siege mitzufahren. Aber wenn sie mal stürzen oder krank werden, dann müssen sie hart arbeiten, um überhaupt im Feld zu bleiben. Gedanklich kennen sie das nicht, dass man leidet, nur um ein Rennen zu beenden.
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Demonstration an der Mauer: Seixas feiert Sieg in steilem Finale
Quelle: Eurosport
Was hat Pogacar dem erst 19-jährigen Seixas noch voraus?
Voigt: Nicht mehr viel. Eine Sache ist Reife. Pogacar ist ein gestandener Fahrer, der schon viele harte Rennen und viele Grand Tours gefahren ist. Er kann ein Rennen lesen, weiß, wie es läuft. Wenn ihm etwas nicht passt, dann gestaltet er das Rennen so, dass es ihm passt. Der größte Unterschied zwischen den beiden ist aber, dass Pogacar eine unglaublich starke Mannschaft mit nahezu unbegrenztem Budget um sich hat. Er kann mehr Windkanal-Tests machen, mehr Trainingslager. Dazu hat er Helfer, die schon Grand Tours gewonnen haben bzw. auf dem Podium standen. Davon ist Décathlon weit, weit entfernt. Sie sind ein tolles Team und leisten für ihr Budget großartige Arbeit, aber sie haben eben keinen João Almeida oder Isaac Del Toro.
Ein Marathon ist ja auch nicht einfach die Verdopplung eines Halbmarathons, sondern wird hintenraus exponentiell schwerer. So ist es auch mit der Tour. Dann kommt noch die Presse dazu, Sponsoren-Obligationen, mehr Druck.
Bei der Frage nach einem Tour-de-France-Start im kommenden Sommer hält sich Seixas' Team bislang noch bedeckt. Wäre es die richtige Entscheidung, ihn fahren zu lassen? Und wenn ja, sind er und sein Team schon bereit, um das Gelbe Trikot mitzukämpfen?
Voigt: Ja, er sollte fahren. Und nein, das Team ist dafür noch nicht bereit. Nicht in diesem Jahr. Bei der Baskenland-Rundfahrt haben sie heldenhaft gearbeitet. Aber da waren weder Vingegaard noch Pogacar mit dem stärksten Aufgebot ihrer Mannschaften da. Das ist nicht das Gleiche. Es wäre zu leicht zu sagen: Wir verdreifachen die Länge der Rundfahrt, aber haben das gleiche Ergebnis. Ein Marathon ist ja auch nicht einfach die Verdopplung eines Halbmarathons, sondern wird hintenraus exponentiell schwerer. So ist es auch mit der Tour. Dann kommt noch die Presse dazu, Sponsoren-Obligationen, mehr Druck. Jeder ist bereit, alles für einen Etappensieg, für einen Top-Ten-Platz im Klassement zu geben. Seinem Team fehlt die Erfahrung, die Cleverness und die Stärke, ein Trikot zu erobern und es zu verteidigen. Es wäre zu früh und würde in einer frustrierenden Erfahrung für den Jungen und Décathlon enden. Anstatt die Kuh zu Tode zu melken, sollten sie die Kuh mal eine Weile auf der Wiese grasen lassen, damit sie noch größer und stärker wird. Natürlich ist die Versuchung groß mit den Sponsoren, der Öffentlichkeit, der Titelseite der 'L’Équipe' mit der Aufschrift: 'Paul Seixas, der neue Superheld'. Aber sie sollten vernünftig sein, sie wollen ja mehrere Jahre an ihm Freude haben.
Was würden Sie Seixas und Decathlon raten?
Voigt: Ich würde sagen: Junge, fahr' als Etappenjäger da hin, schau dir das an, lerne was. Aber vergiss' das Klassement. In Frankreich als junger französischer Held - das ist viel zu viel Druck. Aber in zwei Jahren ist er für mich ein legitimer Anwärter auf das Tour-Podium und vielleicht sogar den Gesamtsieg.
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Pogacar kann Seixas nicht abschütteln - Evenepoel hat Probleme
Quelle: Eurosport
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